Freitag, 22.11.2019

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Nicht nur Zuschauen beim Klimawandel

Bei einem gut besuchten Symposium der Erlanger Regionalgruppe von Scientists for Future betrachteten Forscher die Erderwärmung unter verschiedensten Aspekten. - 03.11.2019 17:25 Uhr

Der Klimawandel schreitet sichtbar voran, seine Folgen sind schon jetzt dramatisch, wie auf unserem Bild zu sehen ist: Hier stehen Touristen in Island vor Eisbergen in der Gletscherlagune Jökulsarlon im Süden des Landes. © Foto: Owen Humphreys/PA Wire/dpa


Scientists for Future (SFF) hatten eingeladen, genauer: deren im März gegründete Erlanger Regionalgruppe, der über 50 Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) angehören. Die grüne Hochschulgruppe und die studentische Nachhaltigkeits-Initiative "Sneep" organisierten die Veranstaltung mit, die die Vielschichtigkeit des Klimawandels zeigte. Klarer Appell der Organisatoren: Alle, neben Initiativen (siehe auch Text rechts) auch wissenschaftliche Disziplinen, müssen dazu beitragen, dass die Dramatik des Wandels jedem bewusst und die Katastrophe noch abgewendet wird.

Der Geisteswissenschaftler: Für Prof. Heiner Bielefeldt, Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik, gibt es "kein Menschenrecht, das nicht vom Klimawandel betroffen wäre". Er nannte das Recht auf Leben und auf Gesundheit , auf Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, Kinder- und Frauenrechte, außerdem die Spaltung der Erde in Arm und Reich, soziale Fragen auch in reichen Ländern, den (mafiösen) Landraub in ärmeren Staaten und das sich verschärfende Problem des Klimawandels als Fluchtursache.

Andererseits stellt sich für Bielefeldt die Frage, ob die "Anthropozentrik", also die vorrangige Sicht auf den Menschen und seine Rechte, den Blick auf die Rechte der bedrohten Natur verstellt und von einem Ökozentrismus abgelöst werden sollte. Er beantwortet sie so: In der Tradition von Albert Schweitzer ("Ehrfurcht vor dem Leben") ist es eine neue Herausforderung, dass nur der Mensch die Verantwortung für Mitgeschöpfe und die Natur übernehmen könne. Hieraus erwachse wiederum auch das Recht des Menschen auf eine saubere Umwelt.

Mit dem Hinweis auf ein weiteres Menschenrecht kehrte Bielefeldt zurück zu Fridays for Future. Für die Klima-Aktionen sei Schulstreik das falsche Wort, es müsse heißen: Schule auf die Straße tragen oder Öffnung des Rechts auf Bildung. Er rief daher dazu alle auf, mit auf die Straße zu gehen: "möglichst lautstark".

Der Paläobiologe:Prof. Wolfgang Kießling, Inhaber des Lehrstuhls für Paläoumwelt und einer der Hauptautoren des neuesten Weltklimaberichts, ging seinem Metier entsprechend in die Vergangenheit zurück, um darzustellen, dass das aktuelle Klimageschehen keineswegs eine natürliche Entwicklung sei, die es schon immer gegeben habe.

Tatsächlich sei es in den meisten Zeiten der Erdgeschichte wärmer gewesen als heute, doch so abrupte Erwärmungen habe es in 300 Millionen Jahren nur sechs Mal gegeben, zuletzt vor 250 Millionen Jahren mit einem Massensterben. Damals waren Vulkanausbrüche für den Anstieg an Treibhausgasen verantwortlich. Dann blieben nach Kießlings Darstellung in den letzten 13 000 Jahren die Temperaturen auf der Erde in einem engen Bereich, verlassen diesen aber wegen des vom Menschen verursachten CO2-Ausstoßes. Damit beschleunige sich der Temperaturanstieg, dessen Folgen unübersehbar seien: Das Wetter schlägt Kapriolen, Korallen sterben den Hitzetod, Vegetationszonen verschieben sich, in unseren Breiten werden "Klimamigranten" wie Wespenspinne und Feuerlibelle heimisch.

Als unvermeidlich bezeichnete es der Experte, dass der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts um 30 bis 100 Zentimeter ansteigen werden. Ebenso unvermeidlich dürfte es sein, dass die 1,5-Grad-Grenze schon 2030 erreicht werde. Um die durchschnittliche Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, müsste jedes Land etwa ein Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Klimaschutz ausgeben. Werde nicht gehandelt, wären die Schäden unabsehbar und die Folgekosten vier Mal höher. Mindestens.

Der Energietechniker: Dank der Erneuerbaren Energien (EE) haben die deutschen privaten und gewerblichen Stromverbraucher zwischen 2011 und 2018 insgesamt 70 Milliarden Euro gespart. Wenn allerdings die Bundesregierung weiter beim eher zaghaften Ausbau von Sonnen- und Windenergie bleibt, wird Deutschland auch die Klimaschutzziele verfehlen und außerdem ab 2022/23 mit Engpässen in der Versorgung rechnen müssen. Auf diesen kurzen Nenner brachte Prof. Jürgen Karl, Inhaber des Lehrstuhls für Energieverfahrenstechnik, sein Plädoyer für eine Beschleunigung der Energiewende.

Ein Team seines Lehrstuhls hatte mit dem Energie Campus Nürnberg (EnCN) ausgerechnet, um wie viel höher die Stromrechnung ohne EE wäre. Ergebnis: Durch den beschleunigten Ausbau von Sonne und Wind ab 2011 konnte das steigende Angebot an EE-Strom nicht nur die Stilllegung veralteter konventioneller Kraftwerke ausgleichen, sondern ließ auch den Börsenpreis für Strom sinken. Ohne EE wäre er deutlich höher gewesen und hätte sich auf die genannten 70 Milliarden Euro summiert — selbst wenn für Sonne und Wind eine Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz fällig ist.

Der Physiker. Der Physikprofessor Martin Hundhausen hat in Sachen Energiewende in Erlangen und besonders an der FAU schon viel geschafft. Er lehrt am Institut für Physik der Kondensierten Materie, er ist Vorsitzender des Vereins Solarenergie Erlangen, er hat dafür gesorgt, dass alle Schulen in der Stadt eine Solaranlage bekommen. Er treibt auch an der Uni die Nutzung der Photovoltaik (PV) voran und hat den Anstoß für das Klima-Symposium im Schloss gegeben.

In Erlangen wurde seinen Worten zufolge bis 2013 binnen zehn Jahren der Anteil der Photovoltaik um das Siebenfache auf eine Leistung von zwei Megawatt (2000 Kilowatt) erhöht, trägt zu drei Prozent zur Stromversorgung bei und ist damit die größte EE-Quelle in der Stadt (zum Vergleich: Wasser 0,7 Prozent, Biomasse 0,2 Prozent). Aber dann sei der Trend gestoppt worden, obwohl die Kosten für die PV auf 20 Prozent der ursprünglichen gesunken seien.

Für Strom werden in Erlangen jährlich 100 Millionen Euro bezahlt, die Uni ist am Stromverbrauch mit zehn Prozent beteiligt und zahlt dafür rund acht Millionen Euro jährlich. Hundhausen zeigte an etlichen Beispielen, was bisher geschehen ist und wie der Anteil der EE an der Uni, der derzeit bei nur 0,5 Prozent liegt, so gesteigert werden kann, dass beim Strom rund eine Million Euro gespart werden kann.

Es sind einfache Projekte, die Strom sparen und damit zum Klimaschutz beitragen sollen. Hundhausen nannte etwa die Sanierung eines Gebäudes am Südgelände, das dadurch den Passivhaus-Standard erfüllte oder einen neuen Rechnerknoten am Rechenzentrum, der 320 000 kWh pro Jahr weniger verbrauchen wird.

Bald soll auch das Parkhaus Chemie ein Solardach mit 200 Kilowatt Leistung bekommen. Möglich wird das, weil bei der Finanzierung Hundhausens Solarmobilverein mit Crowdfunding und einer Schenkung in Höhe von 100 000 Euro eingesprungen ist. Was noch fehlt, sind weitere Spenden. 1000 Mitarbeiter müssten mit je 100 Euro helfen oder 5000 Studierende mit je 20. Dass jeder etwas beim Klimaschutz beitragen soll, ist da wörtlich gemeint.

SHARON CHAFFIN

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