Erster Flug startete am Freitagnachmittag

Notlage eskaliert: Luftwaffe fliegt bayerische Covid-Patienten aus

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 31.08.16..FOTO: Michael Matejka ..MOTIV: Mitarbeiterporträt: Martin Müller..ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Martin Müller

Redaktion Metropolregion Nürnberg und Bayern

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26.11.2021, 19:04 Uhr
Memmingen: Ein Airbus der Luftwaffe, mit Covid-Intensivpatienten an Bord, startete am Freitagnachmittag über dem Allgäu-Airport in den Nebel Richtung Nordrhein-Westfalen.

© Karl-Josef Hildenbrand, dpa Memmingen: Ein Airbus der Luftwaffe, mit Covid-Intensivpatienten an Bord, startete am Freitagnachmittag über dem Allgäu-Airport in den Nebel Richtung Nordrhein-Westfalen.

Nach der Tsunami-Katastrophe transportierte er Ende 2004 in drei Flügen insgesamt 134 Patienten aus Thailand nach Deutschland, er brachte verwundete Soldaten zurück aus Afghanistan und Verletzte des schweren Busunglücks im Jahr 2019 auf Madeira in die Heimat. Er war schon gleich zu Beginn der Corona-Pandemie im Einsatz, als er 124 Deutsche aus dem chinesischen Wuhan fortschaffte und später 24 Covid-Patienten aus den völlig überlasteten Kliniken im italienischen Bergamo.

Flieger startet in Memmingen

Nun also bringt der Airbus A310 MedEvac bayerische Corona-Patienten in andere Kliniken. Die ersten sechs davon wurden am Freitagnachmittag an Bord der fliegenden Intensivstation gebracht, womit die Transport-Kapazität des Flugzeugs für Intensivpatienten auch komplett ausgeschöpft wurde.

Vom Flughafen Köln-Bonn kommend, traf der Airbus gegen 14 Uhr am Flughafen Memmingen ein. Um 16.43 Uhr machte er sich auf in Richtung Flughafen Münster-Osnabrück. Gegen 17.30 Uhr beobachtete ein dpa-Fotograf die Landung der Maschine in NRW. Vom Flughafen aus wurden die Schwerkranken auf verschiedene Kliniken verteilt.

"Dosierung während des Flugs ist sehr schwierig"

Die Versorgung an Bord übernahmen etwa 20 bis 25 Beschäftigte des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, darunter auch drei Intensivärzte. "So ein Flug ist eine echte Herausforderung. Die Beatmungsgeräte müssen genau auf die Patienten tariert werden, die Dosierung während des Flugs ist deutlich schwieriger als in der Klinik. Da braucht man viel Erfahrung – aber die haben wir auch", versicherte ein Sprecher des Sanitätsdienstes im Vorfeld.

Bei der Luftwaffe geht man davon aus, dass es auch in den nächsten Tagen wieder Transporte geben wird. Dafür steht auch der Airbus A319OH zur Verfügung, eigentlich ein Überwachungsflugzeug, das für OSZE-Einsätze der Open-Skies-Mission eingesetzt wird. Doch das Flugzeug wurde umgerüstet und mit zwei Intensiv-Transportplätzen ausgestattet.

Auf dem Militärflugplatz Wunstorf bei Hannover steht überdies noch ein Airbus A400M bereit. Er befindet sich dort ohnehin immer in einer Zwölf-Stunden-Bereitschaft und muss quasi sofort aufbrechen können, wenn zum Beispiel in Mali Bundeswehr-Soldaten Opfer eines Anschlags werden.

Hubschrauberflüge derzeit sehr schwierig

Insgesamt sollen zunächst 30 Covid-Intensivpatienten aus Bayern vorwiegend nach Nord- und Westdeutschland verlegt werden, kommende Woche sollen 20 weitere folgen. Die meisten Transporte finden dabei auf dem Landweg durch spezielle Intensiv-Krankenwagen statt. Zusätzlich sollen am Freitag auch zehn Patienten aus Thüringen und 14 Erkrankte aus Sachsen in andere Bundesländer verlegt werden.

"Nach Lübeck werden wir natürlich niemanden auf dem Landweg verlegen, eher nach Hessen oder Rheinland-Pfalz. Für weitere Entfernungen brauchen wir auf jeden Fall den Luftweg", betont eine Sprecherin des Bayerischen Innenministeriums.

Hier ändern sich derzeit aber ständig die Planungen. Denn Hubschrauber können häufig wetterbedingt nicht fliegen, gerade bei den Schneefällen in diesen Tagen. "Deshalb sind wir sehr dankbar für die Unterstützung der Luftwaffe", sagt die Sprecherin.

Wie ist die Situation in Mittelfranken?

Die ersten Transporte auf dem Landweg sind am Freitag bereits erfolgt. Die Patienten stammen vorwiegend aus Schwaben, Niederbayern und Oberbayern. Aus Mittelfranken mussten bisher noch keine Patienten über große Distanzen verlegt werden. Doch für die nahe Zukunft kann das nicht ausgeschlossen werden.

Die vom Robert Koch-Institut für Anfang/Mitte Dezember prognostizierte Situation im Rettungsdienstbereich Nürnberg von 100 Covid-Intensivpatienten bei insgesamt 282 betreibbaren Intensivbetten ist bereits heute erreicht. Ständige Verlegungen von Intensivpatienten innerhalb des Rettungsdienstbereichs sind derzeit ein tägliches Geschäft.

"Die Situation ist im Intensivbereich, aber auch bei der gesamten Akut- und Notfallversorgung mit dem Höhepunkt der zweiten Welle vergleichbar. Allerdings sind aufgrund flächiger Belastungen keine externen Verlegungen einfach möglich", verdeutlicht Andreas Franke, Sprecher der Stadt Nürnberg im Namen der Ärztlichen Leiter für die Krankenhauskoordinierung in der Region, von denen derzeit häufig Anordnung zur Bereitstellung von Kapazitäten notwendig sind.

Was passiert, wenn auch andere Bundesländer dicht sind?

Die Verlegungen aus Bayern will man so lange fortsetzen, wie sie möglich sind. Schon bald könnten in anderen Regionen Deutschlands angesichts der nun auch anderswo explodierenden Infektionszahlen, die sich in Bayern derzeit auf extrem hohem Niveau stabilisiert haben, aber keine freien Kapazitäten mehr vorhanden sein.

Weil der eigentliche Engpass weniger bei den Betten an sich oder den Beatmungsgeräten liegt, sondern beim dafür (nicht) vorhanden Personal, wird nun verstärkt darüber nachgedacht, nicht nur Patienten, sondern auch Personal zu verlegen, also in anderen Kliniken einzusetzen.

Außerdem werden weiterhin verschiebbare Operationen und stationäre Therapien abgesagt, um die Kapazitäten für Covid-Patienten zu steigern. Das Uniklinikum Erlangen etwa soll so nun seine Kapazität von 23 Covid-Intensivpatienten auf 32 steigern. Insgesamt stehen 75 Intensivbetten zur Verfügung.

Erst wenn etwa 50 Prozent davon mit Covid-Patienten belegt sind, werden großräumigere Verlegungen ein Thema. Das könnte allerdings schon in zwei Wochen der Fall sein. Zu einem Zeitpunkt also, zu dem Verlegungen in andere Regionen aller Voraussicht nach kaum mehr möglich sein sollten.

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