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Nur Peggys Großvater glaubt: Sie ist noch am Leben

Ein geistig Behinderter, der sein Geständnis widerruft, der Mord ohne Leiche — Die Soko glaubt dennoch, den Fall geklärt zu haben - 23.10.2002

Wenn der Verdächtige in seinem Geständnis die Wahhrheit gesagt hat, dann wurde Peggy auf dieser abgelegenen Treppe in Lichtenberg umgebracht.

10.02.2011 © dpa


Eine paar Sekunden vielleicht, und alle im Schwurgerichtssaal des Landgerichts in Hof haben begriffen, dass der dunkel gekleidete Mann mit der fahlen Haut der Vater von Peter Mario Schwenk ist, dass der, der da mit fester und ruhiger Stimme spricht, der Großvater der vermissten Peggy aus Lichtenberg ist. „Was wollen Sie tun, damit Sie endlich gefunden wird“, fragt der 59-jährige Hartmut Schwenk schließlich ohne die Stimme zu erheben in Richtung des langen Tisches mit den vielen Mikrofonen.

Denn von Peggy fehlt auch weiterhin jede Spur. Auch wenn Staatsanwaltschaft und Polizeidirektion Hof nach 17 Monaten akribischer Suche „im Vermisstenfall Peggy“ zur Be-kanntgabe des Ermittlungsergebnisses geladen hatten — inklusive Präsentation eines 24-jährigen Tatverdächtigen. Dieser hat gestanden, die damals Neunjährige getötet zu haben. „Es gibt keinen berechtigten Zweifel daran, dass er der Täter ist“, muss Ernst Tschannet, Leitender Oberstaatsanwalt in Hof, schließlich im-mer wieder in diesen gut eineinhalb Stunden auf die kritischen, größtenteils skeptischen Fragen antworten.

Denn bei dem Verdächtigen handelt es sich um einen geistig Behinderten aus Peggys Nachbarschaft, der auf dem Stand eines Kindes sein soll. Auch war er schon einmal ins Visier der Soko geraten: Bereits im August 2001 hatte er — wie berichtet — den sexuellen Missbrauch mehrerer Kinder aus dem Ort gestanden, darunter auch von Peggy. Doch die Polizei hatte damals nicht an einen Zusammenhang mit dem Verschwinden des Kindes geglaubt — auch auf Grund seines „lückenlosen“ Alibis, das ihm seine Familie geliefert hatte. Der Mann wurde nach dieser Einlassung in die psychiatrische Abteilung der Bezirksklinik Bayreuth eingewiesen.

Die Tötung Peggys hatte er im Juli gestanden, doch dies in der vergangenen Woche wieder abgestritten. Dennoch will Tschannet Anklage gegen den Gastwirtssohn erheben. Der psychiatrische Gutachter, laut Tschannet „eine Kapazität“, sei zu dem Schluss gekommen, dass das Geständnis „mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Erlebnis begründet liegt“.

Sollte der junge Mann bei seinem Geständnis die Wahrheit gesagt haben, dann hat Peggy den 7. Mai 2001, den Tag an dem sie zuletzt gesehen worden war, nicht überlebt. Nach Aussagen des mutmaßlichen Täters hatte er das Mädchen auf dessen Nachhauseweg abgepasst, nachdem er sie vier Tage zuvor sexuell missbraucht hatte. Aus Angst vor ihm sei sie dann weggelaufen und in Richtung des Waldes gerannt, wie Soko-Chef Wolfgang Geier das Geständnis wiedergibt. Sie sei gestolpert, der Mann habe sie eingeholt. Das Kind habe ge-schrien, ihm gedroht, alles der Mutter zu erzählen und ihn anzuzeigen. Auf einem abgelegenen Treppenaufgang außerhalb der Stadtmauer habe er dem Mädchen so lange Nase und Mund zugehalten, bis es sich nicht mehr rührte. Danach will er zu seinem Vater gegangen sein und ihm alles erzählt haben. Dieser habe die Leiche in eine Decke gehüllt und mit seinem Wagen weggebracht. Die Schilderungen decken sich, so Tschanet, mit den Erkenntnissen aus den Ermittlungen — und er spricht

„offiziell“ davon, „dass Peggy Knobloch nicht mehr am Leben ist“. Der Vater des Verdächtigen schweigt sich bisher zu allem aus. Peggys Leiche wurde nicht gefunden.

Das Alibi des jungen Mannes wurde inzwischen durch neue Zeugen entkräftet, denn die wollen den 24-Jährigen am Tattag nahe der Schule gesehen haben. Geier muss dennoch einräumen, dass zwar „viele Indizien, aber keine Sachbeweise“ vorliegen.

Peggys Großvater will das alles nicht gelten lassen. Die Indizien überzeugen ihn nicht. „Es wäre doch möglich, dass sie noch lebt“, sagt er in die vielen bunten Mikrofone, die ihm nach der Pressekonferenz vor das Gesicht gehalten werden. „Keinen Fingernagel, kein Haar haben sie von ihr gefunden.“ Und überhaupt, was sei das schon für eine Aussage — „die eines Verrückten“. Alle in der Familie würden sich „hundeelend“ fühlen. „Für uns ist gar nichts geklärt. Es ist nicht zu Ende“, sagt Hartmut Schwenk und bittet dann um Verständnis, dass er nicht mehr kann.

IRINI TSAINIS

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