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Grippeimpfung für alle Kinder? Das sagen Kinderärzte

Nicht alle, aber immer mehr Krankenkassen übernehmen die Kosten - 04.09.2020 10:20 Uhr

Die Grippesaison steht bevor. Die erste seit Ausbruch der Corona-Pandemie.

© Sebastian Gollnow, dpa


Plötzliches, anhaltend hohes Fieber, Muskelschmerzen, Übelkeit und ein hartnäckiger trockener Husten: Die "echte" Grippe ist weit mehr als eine starke Erkältung und kann in Ausnahmefällen sogar tödlich enden. Bislang ist in Deutschland nur ein Bruchteil aller Kinder dagegen geimpft.

"Ich empfehle allen Eltern, ihre Kinder in diesem Jahr gegen Influenza impfen zu lassen", sagte nun Prof. Dr. Johannes Hübner, Leitender Oberarzt der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, der Welt am Sonntag.

"Jeden Winter müssen viele Kinder wegen Grippe stationär aufgenommen und sogar mit Sauerstoff versorgt werden", erklärte Hübner. In Zeiten der Corona-Pandemie gebe es außerdem "eine gesellschaftliche Verpflichtung zum Schutz anderer".

WHO empfiehlt Impfung für Säuglinge ab sechs Monaten

Dr. Wolfgang Landendörfer, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, begrüßt den Appell. In seiner Praxis in Nürnberg-Mögeldorf wirbt er schon lange für eine Grippeimpfung aller Kinder ab einem Alter von sechs Monaten, wie es die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt.

"Das hat erst einmal gar nichts mit Covid-19 zu tun", sagt er im Gespräch mit der Nürnberger Zeitung, "sondern damit, dass laut "internationalen Studien 50 Prozent der an schweren Komplikationen der Influenza erkrankten Säuglinge und Kinder vorher völlig gesund waren. Wir sehen bei uns jedes Jahr 15 bis 20 Kinder mit einem schweren Influenzaverlauf, die nicht nur drei, sondern teilweise acht Tage oder länger hoch fiebern". Das könne man den Kindern durch die "ausgezeichnet verträgliche" Impfung ersparen.

Übertragungsrisiko minimieren

"Es gibt Gründe, über eine generelle Impfempfehlung bezüglich Influenza nachzudenken", sagt Prof. Dr. Joachim Wölfle, Direktor der Kinder- und Jugendklinik des Universitätsklinikums Erlangen auf Anfrage unserer Zeitung. "Ähnlich wie bei der SARS-CoV-2-Infektion besteht das Risiko, dass Kinder als Überträger der Influenzaviren fungieren und dadurch ältere Menschen angesteckt werden." Auch er verweist auf teilweise komplizierte Verläufe bei jungen Patienten ohne Vorerkrankungen.


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Von der beim Robert-Koch-Institut (RKI) angesiedelten Ständigen Impfkommission (STIKO) wird die Grippeimpfung derzeit nur für Risikogruppen empfohlen; dazu gehören Kinder mit Grunderkrankungen wie Asthma, Diabetes, Herz-/Kreislauferkrankungen sowie Störungen des Immunsystems. "Damit bin ich nicht einverstanden, das greift zu kurz", sagt Landendörfer, der im Berufsverband für Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) als Vorsitzender in Mittelfranken fungiert und im bayerischen Vorstand sitzt.

Auch Dr. Michael Hubmann, Kinder- und Jugendarzt aus Zirndorf und zweiter stellvertretender Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, sieht das kritisch. Er hält eine Grippeimpfung von Kindern heuer für wichtiger denn je: "Sie senkt das hohe Ansteckungsrisiko, das von Kindern ausgeht, und trägt dazu bei, eine Überlastung unseres Gesundheitssystems abzuwenden, da wir für den Herbst und Winter wieder mit steigenden Corona-Zahlen rechnen müssen."

In den USA sind 60 Prozent aller Kinder geimpft

In den USA sind derzeit fast 60 Prozent aller Kinder geimpft, mit steigender Tendenz. In der EU folgen erste Länder der WHO-Empfehlung, grundsätzlich alle Kinder auch gegen Grippe impfen zu lassen, etwa Großbritannien oder Finnland.

Landendörfer schätzt, dass aktuell in seiner Praxis nur etwa "fünf Prozent aller Zweijährigen" gegen Grippe geimpft sind. Das Bewusstsein für die Wichtigkeit einer Impfung nehme angesichts der Corona-Pandemie aber zu, sagt er. "Wir verzeichnen eine verstärkte Nachfrage."

Ob eine Grippeimpfung Einfluss auf den Verlauf einer Covid-19-Infektion hat, ist für die Kindermediziner schwer zu sagen. "Da die SARS-CoV-2-Infektion für uns alle noch recht neu ist und die Pandemie glücklicherweise erst nach Abklingen der letzten Grippewelle Fahrt aufgenommen hat, wissen wir noch nichts über mögliche Interaktionen", sagt Wölfle. "Es gibt allerdings eine Reihe von anderen Impfungen – wie die Pneumokokken-Impfung –, die das Risiko eines komplizierten Verlaufs einer SARS-CoV-2-Infektion reduzieren könnten." Die Pneumokokkenimpfung wird für Säuglinge von der STIKO empfohlen.

Symptome von Grippe und Covid-19 ähneln sich

Sicher ist, dass sich die klinische Symptomatik einer Grippe- und einer Covid-19-Infektion stark ähnelt. Wölfle sieht daher "erhebliche logistische Herausforderungen" für das Gesundheitssystem und die Betreuungseinrichtungen, um "eine Influenzainfektion immer zeitnah von einer SARS-CoV-2-Infektion zu unterscheiden" – dies spreche auch für eine generelle Impfempfehlung. Hübner konkretisiert: "Man kann und sollte den Kindern und ihren Familien diese Verdachtsmomente ersparen und alles, was damit verbunden ist: Aufenthalte beim Arzt, in der Klinik, Krankmeldungen der Eltern."

Landendörfer sagt, für Kinder sei eine Grippe von der Gefährlichkeit her "mindestens so hoch einzustufen wie eine Infektion mit Covid-19, vielleicht sogar noch höher". Eine Impfpflicht hält er jedoch für kontraproduktiv: "Ich bin glühender Impfbefürworter, aber mit Zwang setzen wir das falsche Signal. Besser ist beharrliche Information und Überzeugung." Auch Wölfle ist hier zurückhaltend: Um eine Impfpflicht zu fordern gebe es "keine ausreichende Datenlage".

Nicht alle, aber immer mehr Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Grippeimpfung. Landendörfer hat 50 Prozent mehr Impfdosen bestellt als im Vorjahr. Neben dem Spritzenimpfstoff existiert auch ein Pendant, das nasal gegeben wird – allerdings nicht für Kassenpatienten. "Da sich kein Kind gerne piksen lässt, wäre das eine gute Möglichkeit, diese Angsthürde zu überwinden", ärgert sich Landendörfer über die Sparmaßnahme.

Fit durch gesunde Ernährung und Abhärtung

Wer sein Kind fit machen will für die Erkältungssaison, kann das Immunsystem durch einen gesunden Lebensstil und mit ausgewogener, abwechslungsreicher Ernährung unterstützen. Wichtig sei, das Kind keinen schädlichen Einflüssen auszusetzen wie etwa Zigarettenrauch oder Schimmelpilzbefall in der Wohnung.

"Viele der in der Werbung angepriesenen ,abwehrstärkenden Medikamente‘ sind unnötig und uneffektiv", sagt Wölfle. Landendörfer setzt vor allem auf "Klimaabhärtung: Auch wenn es draußen regnet, muss das Kind nicht zur Schule gefahren werden, sondern kann mit Regenjacke und Gummistiefeln laufen."

Melanie Scheuering NZ-Themen

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