James Bond - Spectre: Die unnötige Rolle rückwärts

Christian Urban
Christian Urban

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5.11.2015, 16:44 Uhr
Daniel Craig spielt in James Bond in "Spectre" zum vierten Mal.

© dpa Daniel Craig spielt in James Bond in "Spectre" zum vierten Mal.

“Neustart” lautete das Motto, als Daniel Craig 2006 die Rolle des wohl bekanntesten Geheimagenten der Welt übernahm und damit in die Fußstapfen seines Vorgängers Pierce Brosnan trat. Während Brosnans Bond in “Stirb an einem anderen Tag” wieder einmal - ausgestattet mit zahllosen High-Tech-Gadgets - gegen einen größenwahnsinnigen Superschurken mit quasi unbegrenzten finanziellen Mitteln kämpfte, ging Craigs Bond zurück zu den Wurzeln.

In “Casino Royale” trat einfach nur ein vom Leben und Job gezeichneter Mann mit der Lizenz zum Töten gegen den Geldverwalter zahlreicher Terrororganisationen an. Ohne Laserstrahl-Uhren oder Aston Martin mit Raketenwerfern, dafür mit einem ausgesprochen glücklichen Händchen beim Pokern - und zum ersten Mal seit dem grandios unterschätzten “Im Geheimdienst ihrer Majestät” wieder mit Gefühlen.

Und die Rechnung ging auf: Auch wenn nicht wenige Fans die klassischen technischen Spielereien vermissten, so schien der entschlackte Bond in der Realität angekommen zu sein. Vorbei die Zeit des comicartigen Duells eines unzerstörbaren Superhelden gegen einen fast unzerstörbaren Superschurken. Und als Regisseur Sam Mendes dann 2012 mit dem düsteren und tiefgehenden “Skyfall” einen Film ablieferte, der zweifellos zu den besten der gesamten 007-Reihe gehört, waren die Erwartungen an den ebenfalls von Mendes inszenierten Nachfolger “Spectre” natürlich enorm.

Häuserblock in Schutt und Asche

Es scheint, als wolle der Regisseur daher bereits ab den ersten Minuten jeden Zweifel an seinem Werk vom Tisch fegen: Der Beginn von “Spectre” ist der rasanteste und beeindruckendste seit langem. Am mexikanischen Tag der Toten - überwältigend dargestellt durch 1500 Statisten - ist Bond wieder einmal auf eigene Rechnung unterwegs, legt erst einmal einen ganzen Häuserblock in Schutt und Asche, kapert dann einen Hubschrauber und tötet nach einigen atemberaubenden Flugmanövern schließlich seine Zielperson.

Als danach die Titelsequenz beginnt und darin Personen aus den vorherigen drei Filmen erscheinen, ist klar, wohin die Reise geht: “Spectre” will die losen Fäden von “Casino Royale”, “Ein Quantum Trost” und “Skyfall” wieder aufgreifen. All das ist so gut gemacht, dass erstaunlicherweise sogar der eigentlich schrecklich weinerliche Titelsong “Writing’s on the Wall” (Sam Smith) passt.

So laut der Film begann, so leise geht er danach zunächst weiter und nimmt den Zuschauer mit auf eine knapp zweieinhalbstündige Reise in die Vergangenheit und Gefühlswelt von James Bond. Dabei serviert Regisseur Mendes opulente Bilder, exotische Schauplätze, schöne Frauen und exzellent inszenierte Action - also alles, was man von einem Bond erwartet. Eigentlich.

Denn offenbar versuchte Mendes, die Fans der alten 007-Filme mit dem neuen Bond zu versöhnen, indem er ihnen das gibt, was sie so sehnlich vermisst haben. Da sind sie also wieder, die explodierenden Uhren, der Aston Martin mit (in diesem Fall) Flammenwerfern und Schleudersitz, der Superschurke in einer riesigen technischen Anlage im Nirgendwo (die schließlich im vermutlich größten Feuerball der Filmgeschichte in die Luft geht), der nahezu wortlose und unbesiegbare Handlanger des Superschurken, Anleihen an den Slapstick-Humor der Bond-Ära von Roger Moore und - natürlich - die weiße Perserkatze (Kenner wissen, was sie bedeutet).

Jede Menge filmischer Zitate also, die einem Bond-Fan einen wohligen Schauer über den Rücken jagen sollten, die dem Zuschauer aber im besten Fall einfach nur bekannt vorkommen - oder im schlechtesten Fall aufgewärmt.

Es bleibt eine gewisse Ernüchterung

Leider kann daran auch die hochkarätige Schauspielerriege nichts ändern. Der im Vorfeld mit viel medialer Aufmerksamkeit bedachte Auftritt von Monica Bellucci ist so kurz, dass man ihn schon verpasst, wenn man zufällig gerade kurz Popcorn holen war. Und Christoph Waltz, der Inbegriff des angsteinflößenden Bösewichts? Der legt im Prinzip seine Rolle des Hans Landa aus “Inglorious Basterds” neu auf, ohne jedoch die Zeit zu bekommen, seine Bedrohlichkeit richtig zu entfalten.

Auch die Auflösung der Zusammenhänge zwischen den Vorgängerfilmen kann leider nicht wirklich überzeugen und wirkt teilweise ausgesprochen konstruiert, wenn nicht sogar flach. Und wenn schließlich der alte MI6 in Trümmern liegt (was nicht nur metaphorisch gemeint ist) und Bond und seine Gespielin Madeleine Swann durch die flackernden Blaulichter zahlreicher Polizeiautos hindurch in die Nacht entschwinden, bleibt eine gewisse Ernüchterung.

Sam Mendes hat in “Spectre” die relative Ernsthaftigkeit der vorherigen drei Filme zu einem großen Teil über Bord geworfen und eine Rolle rückwärts gemacht, die überhaupt nicht nötig war und zu Craigs Bond auch eigentlich nicht passt. Dieser Bond braucht keine explodierende Omega und keinen Aston Martin mit allerlei Waffen und Spielereien. Eigentlich braucht er nur sich selbst.

Und so bleibt nur die Erinnerung an die Aussage von Bonds neuem Quartiermeister “Q”, als er dem Agenten in “Skyfall” lediglich seine Waffe und einen kleinen Peilsender übergibt: “Haben Sie explodierende Stifte erwartet? So etwas machen wir eigentlich nicht mehr.” Wäre er doch dabei geblieben.


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