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Reichsbürger im Internet: In der Blase des Irrsinns

Wie gerade die sozialen Netzwerke populäre Verschwörungstheorien befeuern - 04.09.2016 13:29 Uhr

Als Zeichen des Protestes kommt es nicht selten vor, dass Reichsbürger eigene "Staaten" gründen und sich entsprechende Ausweisdokumente ausstellen. © Foto: dpa


"Nein, wir sind nicht frei. Wir sind immer noch ein besetztes Land, Deutschland hat keinen Friedensvertrag und dementsprechend ist Deutschland auch kein echtes Land und nicht frei", sagte der Sänger Xavier Naidoo 2011 im ARD-Morgenmagazin auf die Frage, ob er sich in Deutschland eigentlich frei fühle. Als er diese Aussage rund drei Jahre später auf einer Versammlung von sogenannten Reichsbürgern wiederholte, war der Skandal groß - und eine der derzeit populärsten Verschwörungstheorien in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Im Gegensatz zu anderen Theorien ist das Weltbild der selbst ernannten Reichsbürger verhältnismäßig einfach: Die Bundesrepublik Deutschland, so wie wir sie kennen, ist kein souveräner Staat und existiert eigentlich überhaupt nicht. Sie ist lediglich ein Verwaltungskonstrukt - die "BRD-GmbH" - das sich mangels Friedensvertrag und Verfassung nach wie vor im Krieg mit den Siegermächten des zweiten Weltkriegs befindet und von diesen gesteuert wird. Mit den deutschen Bürgern als Personal, weswegen ihr Ausweisdokument auch "Personalausweis" heißt.

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Auch die Tatsache, dass der deutsche Reisepass rot ist, muss häufig als Beleg für diese Theorie herhalten - schließlich werde diese spezielle Farbe nur für die Reisepässe besetzter Länder vergeben. Obwohl jeder Staat die Farbe seiner Reisepässe frei wählen kann und sich beispielsweise auch Österreich, Albanien, Belgien oder die Türkei für bordeauxrot entschieden haben, hält sich dieses Gerücht in der Szene hartnäckig.

Als Zeichen des Protestes kommt es nicht selten vor, dass Reichsbürger eigene "Staaten" gründen und sich entsprechende Ausweisdokumente, Führerscheine und andere "amtliche" Papiere ausstellen. Die sind zwar in Deutschland selbstverständlich ungültig, doch zumindest hören die fiktiven Staaten auf klangvolle und beeindruckende Namen wie Fürstentum Germania, Germanitien, Königreich Deutschland oder Republik Freies Deutschland.

Zahllose Anträge und Beschwerden

Das kann skurrile Konsequenzen haben: Ende 2015 "floh" eine achtköpfige Familie vor "Impfzwang und Zwangs-Chippung" in der "BRD-Diktatur" nach Russland - und wohnt seither in Moskau in einem alten VW-Bus, weil ihr Asylantrag wie zu erwarten abgelehnt wurde. Oder die Anhänger der Verschwörungstheorie versuchen, deutsche Behörden und Gerichte mittels zahlloser Anträge und Beschwerden zu blockieren. "Paper terrorism", Papierterrorismus, lautet der aus dem Englischen stammende Begriff für diese besonders nervtötende Form des Querulantentums, die für die Staatsbediensteten immer mehr zum Problem wird.

Da Reichsbürger mit dem deutschen Staat aber konsequenterweise auch seine Gesetze ablehnen, kommt es immer wieder auch zu gefährlichen Situationen: Ende August lieferte sich ein 41-Jähriger in Sachsen-Anhalt eine Schießerei mit Spezialkräften der Polizei. Wegen einer nicht beglichenen Grundschuld sollte bei ihm eine Zwangsräumung durchgeführt werden, nachdem er einige Zeit davor auf seinem Grundstück den Mini-Staat "Ur" gegründet hatte und sich an die deutsche Rechtsprechung ebenso nicht mehr gebunden sah wie an die Pflicht, Steuern zu zahlen. Der Mann erlitt bei dem Schusswechsel schwere Verletzungen.

"Bedeutungssüchtige, Trickser, Querulanten"

Insgesamt ist die Szene der Reichsbürger schwer zu greifen. Es seien "Bedeutungssüchtige, Geschäftemacher, Trickser, Querulanten, aber auch ernsthaft Überzeugte, psychisch Kranke, Betrogene, Verzweifelte und Träumer", so schreibt der Verfassungsschutz Brandenburg in einer im vergangenen Jahr herausgegebenen 225-seitigen Broschüre. Gemein haben sie aber alle, dass sie in ihrer Ablehnung des Deutschen Staates auf rechtsradikales Gedankengut zurückgreifen: Es kommt nicht von ungefähr, dass der mehrfach wegen Volksverhetzung, Terrorismus und Raubes verurteilte Rechtsextremist Horst Mahler einer der bekanntesten Reichsbürger ist.

Argumentativ ist den Anhängern dieser Verschwörungstheorie so gut wie nicht beizukommen. Davon können Beamte in Deutschland ebenso ein Lied singen wie die Administratoren der Facebook-Seiten seriöser Medienunternehmen - schließlich werden die Medien nach Ansicht der Reichsbürger ohnehin von "oben" gelenkt und sind daher unglaubwürdig. Stattdessen beziehen sich die Anhänger der Theorie nicht selten auf Publikationen und Artikel des Kopp-Verlags, der von Chemtrails über Ufos bis hin zu Esoterik und Rechtspopulismus alles zu bieten hat, was das Herz des ambitionierten Verschwörungstheoretikers begehrt.

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Eine ganz besondere Rolle bei der Verbreitung solcher Informationen bilden jedoch die sozialen Netzwerke - allen voran Facebook. 2015 untersuchte die Universität La Sapienza in Rom die Verbreitung von Informationen in den Netzwerken und stellte dabei fest, dass in diesem Bereich noch stärker gilt, was auch im normalen Leben zu beobachten ist: Menschen umgeben sich am liebsten mit Menschen, die ihrer Meinung sind. Und wo ist die Auswahl von "Freunden" leichter zu bewerkstelligen als auf Facebook?

Automatisch mehr "BRD-GmbH"-Meldungen

Hinzu kommt noch, dass die Algorithmen des weltweit größten sozialen Netzwerks darauf getrimmt sind, Menschen das zu zeigen, was sie nach Ansicht von Facebook sehen wollen. Ein Autofan bekommt also automatisch eher Postings präsentiert, die mit allem zu tun haben, was vier Räder hat - und ein Reichsbürger findet tendenziell mehr "BRD-GmbH"-Meldungen im Facebook-Angebot als andere Nutzer.

Was hierbei entsteht, ist eine regelrechte Blase des Irrsinns: Nicht nur, dass hartgesottene Verschwörungstheoretiker größtenteils unter sich bleiben, sondern sie bekommen bei entsprechenden Interessen und Lesegewohnheiten von Facebook quasi ausnahmslos nur noch Nachrichten zu sehen, die in ihr krudes Weltbild passen. Eine Konfrontation mit Widerspruch und die daraus resultierende Notwendigkeit, schlüssig zu argumentieren, entfällt hierdurch.

Entsprechend enervierend sind Diskussionen mit überzeugten Reichsbürgern, wenn sie diese Blase zwischendurch einmal verlassen und ihre Weltsicht vorzugsweise in den Kommentarspalten und auf den Facebook-Seiten der "staatlich gelenkten" Medienseiten ausbreiten. Da hilft es dann letztlich nur noch, dem Rat zu folgen, der in diesem Zusammenhang vor einiger Zeit an Mitarbeiter deutscher Behörden ergangen ist: Einfach nicht darauf einlassen. 

Christian Urban

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