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Samstag, 30.05.2020

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SpaceX schießt immer mehr Starlink-Sateliten ins All

Die Satellitenschwärme verändern den Sternenhimmel - 15.05.2020 05:40 Uhr

Auf diesem Foto mit Langzeitbelichtung erscheinen die Satelliten der Starlink-Reihe als Striche, Beobachter am Boden sehen eine Kette von 60 leuchtenden Punkten. © Foto: Mads Claus Rasmussen/Ritzau Scanpix/AP/dpa


Die ersten halbwegs lauschigen Abende mit einem klaren Sternenhimmel waren in diesem Frühling schon zu erleben. Ein herrlicher Anblick – doch immer öfter funkt der US-Unternehmer Elon Musk dazwischen. Denn der Chef von Tesla betreibt auch das Raumfahrtunternehmen SpaceX. Aus dem All will er die Erde mit schnellem Internet beglücken, und dafür füllt er den Himmel mit einem Netz aus tausenden Satelliten. Die Mission trägt den Namen Starlink.

Für den normalen Erdenbürger sind die Satelliten am besten nach der Abend- oder vor der Morgendämmerung zu sehen, insbesondere kurz nach dem Start einer neuen Flotte: Da fliegen 60 Objekte dicht hintereinander her, wie eine Kette aus hellen Punkten. Der nächste Massenstart ist am kommenden Sonntag geplant.420 Starlink-Satelliten umkreisen die Erde bereits. Ein Antrag von Musk belegt, dass er die Anzahl womöglich auf 42 000 Objekte ausweiten will.

Derzeit gibt es jeden Monat mindestens einen neuen Start. "Seit Jahresanfang haben wir schon 30 bis 40 Meldungen von Bürgern, die sich über diese Reihen von leuchtenden Punkten am Himmel wundern", berichtet Matthias Gräter, Geschäftsführer der Regiomontanus-Stern-warte Nürnberg. Seine Befürchtung: "Am Schluss sind das so viele Satelliten, dass es kein freies Feld mehr am Himmel gibt. Für uns und für viele Bürger ist das ärgerlich. Das ist wie Umweltverschmutzung, wie der Neubau einer Fabrik in einem Naturschutzgebiet", sagt Gräter im NZ-Gespräch. "Und für die Raumfahrt bedeutet es, dass Kollisionen programmiert sind. Dann fliegen viele kleine Teile und Trümmer herum, dadurch kann es zu Billard-Effekten kommen."

Ein Beispiel für eine folgenreiche Kollision ist der Zusammenprall des US-Satelliten Iridium 33 mit dem russischen Satelliten Kosmos 2251 im Jahr 2009: Sie wurden beide zerstört und in über 100 000 Teile zerschmettert. Um den gefährlichsten davon auszuweichen, muss die Internationale Raumstation ISS noch heute immer wieder Ausweichmanöver fliegen.

Im September 2019 musste auch die Europäische Weltraumbehörde Esa den Kurs eines Forschungssatelliten ändern: Er wäre beinahe mit einem der neuen Starlink-Satelliten zusammengestoßen. Kein Wunder, denn im Gegensatz zum Luftverkehr gibt es im Weltraum noch kein international verbindliches Lotsensystem.

Die hohe Anzahl der neuen Flugobjekte von Starlink ließe sich prinzipiell durchaus reduzieren: "Es gibt Berechnungen, dass auch viel weniger Satelliten ausreichen würden", sagt Gräter. "Aber die müssten mehr Sendeleistung haben, womöglich wäre das Netz auch weniger stabil. Für Musk ist es offenbar günstiger, eine Masse an kleinen Satelliten hochzuschießen."

Betriebsausfall ist einkalkuliert

Schon allein durch Betriebsausfälle drohen Kollisionen. "Bei Tausenden oder Zehntausenden Objekten müssen wir davon ausgehen, dass da ein gewisser Prozentsatz ausfällt", erklärt Carsten Wiedemann von der Technischen Universität Braunschweig. "Das steckt ja auch schon in der Idee solcher Megakonstellationen: Statt wenige teure Satelliten fliegen zu lassen, baut man lieber viele günstige kleine. Und wenn einer ausfällt, übernimmt ein anderer."

Für die Erdenbewohner besteht wohl keine Gefahr durch die Satelliten: Die meisten Starlink-Objekte sollen rund 300 bis 550 Kilometer über der Erde kreisen. Wenn der Antrieb aussetzt, gelangen sie leicht in Richtung Atmosphäre und verglühen. Geplant war jedoch, dass auch in höheren Umlaufbahnen tausende Satelliten von Musk unterwegs sind. Und das wären sie dann für Jahrhunderte oder gar Jahrtausende, wenn niemand aktiv eingreift. Inzwischen, so die jüngste Planänderung, will SpaceX angeblich auf diese Ausbaustufe verzichten und alle Satelliten unterhalb von 600 Kilometern Höhe betreiben.

Die Lebensdauer der Satelliten der ersten Generation wird von Starlink mit fünf Jahren angegeben. "Die meisten Raumfahrtprodukte sind Wegwerfprodukte, aber meist haben sie mehr als zehn Jahre Einsatzzeit", kritisiert Gräter. Die Masse an neuen Objekten im All könnte nicht zuletzt auch die Arbeit von Wissenschaftlern beeinträchtigen – weshalb die Internationale Astronomische Union (IAU) deutliche Kritik an Starlink übt.

"Die IAU hat weltweit große Teleskope im Einsatz, die Europäer haben zum Beispiel eine riesige Anlage in Chile aufgestellt", erklärt Gräter. "Damit können wir das Universum besser kennenlernen, neue Planeten finden und die bekannten besser erforschen. Diese Beobachtungen helfen zum Beispiel bei der Frage, wie die Sonne und die Erde entstanden sind." Gräter zufolge lassen sich viele Fragen der Physik nur durch Erforschung des Weltalls erklären. "Man hat für Milliardensummen Teleskope aufgestellt, und jetzt werden mit diesen unzähligen kleinen Satelliten große Bereiche der Wissenschaft massiv gestört."

Deutliche Worte findet auch Anthony Tyson von der University of California: "Das ist die Industrialisierung des Weltraums", ärgert sich der Direktor des Vera C. Rubin Observatorium, das seit 2011 auf einem Berg in Chile gebaut wird und nächstes Jahr eingeweiht werden soll. Eine Studie für die Europäische Südsternwarte ESO prognostiziert zwar nur moderate Einschränkungen für deren Teleskope in der chilenischen Atacamawüste. Als "besorgniserregend" werden die Aussichten hingegen in einer Studie der IAU bezeichnet.

Die Satelliten leuchten übrigens nicht selbst: Sie werden nur sichtbar, wenn sie das Licht der Sonne reflektieren. Diesen Effekt will SpaceX schon seit der im Januar gestarteten Starlink-Flotte mit einer dunkleren Oberfläche reduzieren. Doch das hat wenig gebracht. Nun wird mit einem dunklen und zugleich trans-parenten Schaumstoff experimentiert. Ab dem neunten Start, der voraussichtlich im Juni stattfindet, sollen die neuen Satelliten dann weniger stark leuchten.

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Wie massiv die Auswirkungen auf Großteleskope letztlich sind, hängt stark von deren Einsatzzweck ab und lässt sich derzeit nur schwer abschätzen. Zumal Elon Musk gerne mit neuen Entscheidungen überrascht. Auch die Gesamtmenge könnte letztlich deutlich unter den angekündigten 42 000 Satelliten liegen – manche Kritiker vermuten, dass diese Zahl eher eine strategische Angabe sein könnte, um Marketing zu betreiben oder Konkurrenten zu verdrängen.

Ist es überhaupt erlaubt, dass Privatunternehmen die Umlaufbahn unseres Planeten mit ihren Produkten füllen? Noch immer fehlt es hier an konkreten und international verbindlichen Regelungen. Musk agiert offenbar in einer rechtlichen Grauzone – in der er mit hohem Tempo Fakten schafft.


Das steckt hinter den Lichtpunkten am fränkischen Himmel


"Klagen gegen die Satelliten sind juristisch schwierig, vor allem wären große Finanzmittel erforderlich", sagt Gräter. Es gab schon eine Petition im Bundestag und ähnliche Schritte in anderen Ländern. Aber bisher ist alles im Sande verlaufen. "Für eine Klage mit Erfolgsaussichten müsste wohl die ESO oder die Nasa gegen SpaceX vorgehen."

Eine Vorgehen der Amerikanischen Raumfahrtbehörde erscheint derzeit jedoch unwahrscheinlich. Elon Musk ist inzwischen sogar ihr Geschäftspartner: Mit seiner Hilfe wollen die USA wieder unabhängig von den Weltraumtransporten Russlands werden. Am 27. Mai soll eine Rakete von SpaceX zwei Nasa-Astronauten zur Raumstation ISS fliegen. Es ist der erste bemannte Flug eines Privatunternehmens in der Geschichte der Raumfahrt.

Die gestarteten Satelliten-Flotten sind auch von Nürnberg und Umgebung aus zu sehen. Am Freitag den 15. Mai um 22.37 Uhr mit Blick von West nach Südost. Ein weiterer Beobachtungstermin ist am Sonntag den 17. Mai um 22.13 Uhr - Blick von West nach Süd. Weitere Termine zur Beobachtungen der Satelliten werden unter findstarlink.com bekannt gegeben.

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