Dienstag, 24.11.2020

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Abschiebeprotest in Nürnberg: Wer ist Asef N. wirklich?

Afghane wird von Ämtern und Sozialarbeiterin völlig unterschiedlich beschrieben - 02.06.2017 05:32 Uhr

Asef N. ist frei: Der 21-Jährige steht am Donnerstag mit Unterstützerinnen im Hof des Nürnberger Amtsgerichts.

01.06.2017 © dpa


Eine Sozialarbeiterin verzweifelt am Zerrbild, das manche jetzt von ihrem Schützling zeichnen. Asef N. sei kriminell, ein Schulversager – für Barbara Fraaß sind das "ganz üble Gerüchte". Nichts davon sei wahr. Sie hat den 21-Jährigen drei Jahre lang an der Berufsschule betreut. So gut es eben ging. "Ich bin hier leider allein", sagt die 60-Jährige, die ständig mit bedrückenden Schülerschicksalen konfrontiert ist.

"Asef hat alles richtig gemacht", sagt sie. Deutschkurs, Berufsschul-Vorklasse, Mittelschulabschluss, Berufsschule für Bautechnik. Der junge Afghane ("Er wollte nicht nur herumsitzen") hatte Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Doch ihm ging es wie vielen jungen Geflüchteten, die nur geduldet sind: Arbeiten durfte er nicht.

"Jetzt hast du es geschafft"

Über den Irak sei er ohne Eltern nach Deutschland geflohen. Unterwegs, so Fraaß, habe er sich das Geld für die weitere Flucht als Bauhelfer verdient. Asef sei freundlich und kontaktfreudig gewesen. Weil ihm die Behörden vorwarfen, er wirke nicht am Asylverfahren mit, beantragte er hier einen afghanischen Pass, den er sofort im Amt ablieferte. Neue Hoffnung, endlich etwas lernen zu dürfen, keimte auf. Wer vier Jahre erfolgreich eine Schule besucht, kann eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Fraaß: "Ich habe gesagt: Jetzt hast du es geschafft." Doch kurz vor dem Abschiebeversuch kam die Ablehnung. Nun habe sie das elende Gefühl, N. ans Messer geliefert zu haben.

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Abschiebung: Tumulte bei Polizeieinsatz vor Berufsschule

Am Mittwochmorgen führte die Polizei einen jungen Schüler aus der Nürnberger Berufsschule am Stadtpark. Der 21-jährige Afghane sollte in sein Heimatland abgeschoben werden. Doch die Situation eskalierte.


Entsetzen löste schon im Februar die Abschiebung eines anderen Schülers aus. Arash (21) lebt heute in Kabul. Seine Nürnberger Klassenkameraden halten über Facebook den Kontakt zu ihm. Das letzte Lebenszeichen ging allen unter die Haut. Er sitze in einem Keller und wage sich nicht heraus, hat Arash geschrieben.

Amtsgericht lehnte ab

N. ist jetzt frei. Wo er sich derzeit aufhält, ist den Behörden nicht bekannt. Doch die Regierung von Mittelfranken sähe den 21-Jährigen, der am Mittwoch abgeschoben werden sollte und von der Polizei aus der Berufsschule geholt wurde, lieber in Abschiebehaft. So war es auch vorgesehen. Doch das Amtsgericht Nürnberg urteilte am Donnerstag zugunsten Ns. Die Justiz sah keine ausreichenden Gründe, ihn bis zur Abschiebung zu inhaftieren.

Während einer Pressekonferenz im Polizeipräsidium Nürnberg sagt Thomas Bauer, Regierungspräsident von Mittelfranken, dass er über diesen Beschluss enttäuscht sei. "Wir sehen Fluchtgefahr, der junge Mann hat Widerstand geleistet und erhebliche Drohungen ausgesprochen." Bauer respektiere das Urteil des Amtsgerichts. Persönlich finde er aber, dass es bei "freiheitsentziehenden Maßnahmen" zu hohe Hürden gebe. "Wir prüfen, ob wir Rechtsmittel einlegen."

Laut Bauer sei der junge Afghane den Ausländerbehörden gegenüber wenig kooperativ gewesen. Er ist am 1. Dezember 2012 ohne Visum in Deutschland eingereist. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, weil keine Fluchtgründe vorgelegen hätten. "Seit dreieinhalb Jahren lebt er jetzt illegal in Deutschland." Der 21-Jährige habe sich geweigert mitzuwirken. Er habe angegeben, keinen Pass zu besitzen und habe es abgelehnt, im afghanischen Generalkonsulat einen neuen zu beantragen.

Als der Druck der Behörden auf den jungen Mann weiter stieg, habe er die Kopie seines Reisepasses vorgelegt. "Man muss wissen, dass eine Abschiebung aufgrund der Kopie eines Passes nicht möglich ist", so der Regierungspräsident. Im kopierten Dokument habe ein Ausstellungsdatum im Jahr 2007 gestanden. Thomas Bauer: "Er war also schon einige Zeit im Besitz eines Ausweises."

Claudine Stauber und Alexander Brock

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