Außenansicht: Schule ganz neu gedacht

6.8.2019, 20:41 Uhr

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Die Frage nach der Zukunft der Schule ist eng verknüpft mit der Frage, was junge Menschen lernen sollen und vor allem, wie sie das tun. Was brauchen sie, um in der Welt von morgen zu bestehen? Reichen gute Noten in Mathe, Deutsch und Englisch? Reicht es, Wissen kurzfristig anzuhäufen, um es zu einem bestimmten Prüfungstermin wieder los zu werden? Profitieren Schülerinnen und Schüler davon und macht sie das zu umfassend gebildeten Menschen? Werden wir Kindern tatsächlich gerecht, wenn wir sie mit zehn oder elf Jahren auf verschiedene Schultypen verteilen, um sie so "begabungsrecht" zu fördern?

Die Fragen lassen nur einen Schluss zu: Schule muss neu gedacht werden. Pädagoginnen und Pädagogen sind überzeugt davon, dass die Schule von heute nicht auf die Gesellschaft von morgen vorbereitet. Viele sehen sogar ihren pädagogischen Auftrag bedroht. Sie wissen, dass es in Zukunft um viel mehr geht als um den Erwerb von theoretischem Wissen. Sie wissen auch, dass Heranwachsende kreativ, empathisch, offen und eigeninitiativ sein müssen, um sich in einer sich rasant entwickelnden und komplexeren Welt zurechtfinden zu können. Anders ausgedrückt: Schülerinnen und Schüler brauchen neben kognitiven Kompetenzen auch emotionale Intelligenz, musisch-künstlerische Fähigkeiten sowie eine demokratische Werteorientierung. Der schulische Alltag sieht leider anders aus: Indem wir unablässig benoten, bewerten und sanktionieren, bremsen wir viele junge Menschen aus, zerstören Lernbereitschaft, Motivation und blockieren nachhaltiges Lernen.

Wir brauchen also einen wirklichen Aufbruch, angelehnt an das ganzheitliche Bildungsverständnis von Johann Heinrich Pestalozzi. Die ganzheitliche Bildung eines jeden Kindes und die Entwicklung all seiner Potentiale müssen der Kern alles pädagogischen Denkens sein. Nur im Zusammenspiel dieser drei Grundlagen des menschlichen Verhaltens gelingt Bildung. Es gilt, jedem einzelnen Menschen genau dort zu begegnen, wo er steht – mit Herz, Kopf und Hand.

Dazu gehört freilich auch und vor allem ein neues Lern- und Leistungsverständnis. Wir haben an den bayerischen Schulen zwar vorbildliche kompetenzorientierte Lehrpläne. Die Art und Weise, wie Lehrkräfte aber die Leistung ihrer Schülerinnen und Schüler erheben und jeden Fehler nach wie vor sanktionieren müssen, ist jedoch überholt. Schulen werden immer noch dominiert vom fachlich-inhaltlichen Lernen. Sie verharren in einem traditionellen Lern- und Leistungsbegriff, einer falschen Prüfungs- und damit verbundenen Selektionskultur.

Nötig sind daneben auch eine flexible Lehrerbildung, eine Überwindung der starren Fächerstruktur, eine grundlegend neue Ausrichtung der Lehrpläne sowie eine neue und effiziente Form der Bildungsfinanzierung.

Lehrerinnen und Lehrer wollen diesen Aufbruch. Er kann aber nur gelingen, wenn sie ermutigt und unterstützt werden, Schule nach diesen Ansprüchen zu gestalten.

 

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