Das sagen Nürnberger Deutsch-Türken über Yücels Freilassung

16.2.2018, 19:34 Uhr
"Dass Deniz Yücel frei ist, ist eine tolle Nachricht für ihn und seine Frau. Die deutsche Politik hat sich aber stark auf ihn fokussiert. Die anderen inhaftierten Journalisten sollten genauso viel Aufmerksamkeit erfahren, nicht nur Journalisten des Springer-Verlags. Ich kenne die Anklageschrift nicht, finde es aber sehr ungewöhnlich, dass sie eine so hohe Freiheitsstrafe fordert und Yücel gleichzeitig ohne Auflagen die U-Haft verlassen kann.  Es ist bedauerlich, dass es mit der Anklageschrift so lange gedauert hat. Ich glaube, dass politischer Druck von beiden Seiten da war. Die Türkei wollte ihn so lange nicht freilassen – Erdogan hatte ja gesagt, solange er an der Macht ist, kommt Yücel nicht frei. Auf der anderen Seite wurde großer Druck von Deutschland und der Europäischen Union ausgeübt, damit er freigelassen wird. Die Unabhängigkeit der Justiz kann in vielen Ländern kritisch gesehen werden. An dem Tag, als Peter Steudtner in der Türkei entlassen wurde, wurde in Deutschland ein Türke wegen Spionage zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt – ich halte ein so mildes Urteil an diesem Tag für keinen Zufall."
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Cüneyt Gencer, Rechtsanwalt:

© Jurga Graf

„Das ist eine tolle Nachricht! Es gibt auch Leute, die sagen, Yücel ist privilegiert, weil Deutschland hinter ihm steht. Es sind ja noch einige inhaftiert. Die anderen Journalisten müssen auch freikommen. Die machen ja nur ihren Job. Presse- und Meinungsfreiheit gehören zur Demokratie, genauso wie eine Opposition. In der Türkei darf nicht mehr gegen Andersdenkende vorgegangen werden. Bis zu 18 Jahre Haft, wie sie in der Anklageschrift stehen, sind sehr hoch. Es gibt knallharte Paragraphen, die abgeschafft gehören. Die Pressefreiheit muss rasch verbessert werden, und die Türkei braucht eine Justizreform.“
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Celal Turhan, Berufsberater am Bildungszentrum:

© privat

"Ich habe erfahren, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen abgeschlossen und gestern die Anklageschrift ausgehändigt hat. Ich freue mich sehr über die Freilassung von Yücel, frage mich aber andererseits, was mit den anderen Inhaftierten ist. Mit denen, die keinen bekannten Namen und keine Unterstützer haben.
Auch für ihre Freilassung muss man sich gerade in Nürnberg, der Stadt der Menschenrechte, einsetzen. Zumal die EU eine Mitschuld daran trägt, dass sich undemokratische Tendenzen in der Türkei überhaupt verbreiten konnten. Europa hat die Türkei jahrelang hingehalten und, wie sich herausgestellt hat, doch nie wirklich gewollt. Viele Türken – auch ich – fühlen sich deshalb betrogen.“
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Gülseren Suzan-Menzel, Filmemacherin und Gründerin des Deutsch-Türkischen Frauenclubs Nordbayern:

"Ich habe erfahren, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen abgeschlossen und gestern die Anklageschrift ausgehändigt hat. Ich freue mich sehr über die Freilassung von Yücel, frage mich aber andererseits, was mit den anderen Inhaftierten ist. Mit denen, die keinen bekannten Namen und keine Unterstützer haben. Auch für ihre Freilassung muss man sich gerade in Nürnberg, der Stadt der Menschenrechte, einsetzen. Zumal die EU eine Mitschuld daran trägt, dass sich undemokratische Tendenzen in der Türkei überhaupt verbreiten konnten. Europa hat die Türkei jahrelang hingehalten und, wie sich herausgestellt hat, doch nie wirklich gewollt. Viele Türken – auch ich – fühlen sich deshalb betrogen.“

"Jeder darf seine eigene Meinung äußern und dafür nicht verhaftet werden. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass Deniz Yücel wieder frei ist. Es ist ein guter Erfolg, vor allem weil noch so viele andere Journalisten in Haft sitzen. Es ist auch gut für das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei. Wir Deutschtürken wollen keine Spannungen zwischen den beiden Ländern."
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Celalettin Avci vom Elternverein Global in Nürnberg:

"Jeder darf seine eigene Meinung äußern und dafür nicht verhaftet werden. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass Deniz Yücel wieder frei ist. Es ist ein guter Erfolg, vor allem weil noch so viele andere Journalisten in Haft sitzen. Es ist auch gut für das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei. Wir Deutschtürken wollen keine Spannungen zwischen den beiden Ländern."

"Ich freue mich über die Freilassung von Deniz Yücel. Aber ich kann mich eben nur für Deniz freuen, weil immer noch 150 Journalisten in der Türkei in Haft sitzen. Diese haben noch keine Gerechtigkeit erfahren. Sie bekommen auch keine fairen Verfahren. Die Haftstrafen sind viel zu lang – teilweise sogar lebenslänglich. Ich würde mir für die Türkei wieder Pressefreiheit wünschen. Diese gibt es dort einfach nicht mehr. Journalisten werden bedroht. Pressesprecher dürfen sich nur zensiert äußern. Und in sozialen Medien werden Seiten gesperrt, wenn sich dort jemand regierungskritisch äußert."
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Elif Mese, Leiterin des Theater "O" in Nürnberg:

"Ich freue mich über die Freilassung von Deniz Yücel. Aber ich kann mich eben nur für Deniz freuen, weil immer noch 150 Journalisten in der Türkei in Haft sitzen. Diese haben noch keine Gerechtigkeit erfahren. Sie bekommen auch keine fairen Verfahren. Die Haftstrafen sind viel zu lang – teilweise sogar lebenslänglich. Ich würde mir für die Türkei wieder Pressefreiheit wünschen. Diese gibt es dort einfach nicht mehr. Journalisten werden bedroht. Pressesprecher dürfen sich nur zensiert äußern. Und in sozialen Medien werden Seiten gesperrt, wenn sich dort jemand regierungskritisch äußert." © Horst Linke

"Die Freilassung ist gut und ich hoffe, dass die deutsch-türkischen Beziehungen sich nun wieder normalisieren. Ich hätte mir gewünscht, dass der juristische Prozess schneller gewesen wäre. Wären die Abläufe korrekt gewesen, hätte das Ganze keinen Beigeschmack. Jetzt ist der Moment, um die deutsch-türkische Freundschaft zu pflegen und auszubauen. Deutsche Politiker haben ja teilweise Veranstaltungen von Deutsch-Türken gemieden, weil es Spannungen zwischen den Ländern gab. Mit dem Erstarken der AfD und dem Rechtsruck der CSU bahnen sich neue Problematiken an. Für die Deutsch-Türken, die hier leben, ist aber ein Dialog auf Augenhöhe wichtig."
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Ümit Sormaz, FDP-Landtagskandidat und Bürgervereinsvorsitzender Nürnberg-Süd:

"Die Freilassung ist gut und ich hoffe, dass die deutsch-türkischen Beziehungen sich nun wieder normalisieren. Ich hätte mir gewünscht, dass der juristische Prozess schneller gewesen wäre. Wären die Abläufe korrekt gewesen, hätte das Ganze keinen Beigeschmack. Jetzt ist der Moment, um die deutsch-türkische Freundschaft zu pflegen und auszubauen. Deutsche Politiker haben ja teilweise Veranstaltungen von Deutsch-Türken gemieden, weil es Spannungen zwischen den Ländern gab. Mit dem Erstarken der AfD und dem Rechtsruck der CSU bahnen sich neue Problematiken an. Für die Deutsch-Türken, die hier leben, ist aber ein Dialog auf Augenhöhe wichtig."

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