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Die USA vor Bidens Amtsantritt: Der Alptraum Amerika

Von der "One nation under god" zu einem Land verschiedener Realitäten - 18.01.2021 20:22 Uhr

Das bewachte Kapitol in Washington, D.C.

18.01.2021 © Rod Lamkey - Pool Via Cnp via www.imago-images.de, imago images/ZUMA Wire


In Afghanistan, in Ruanda, in Burundi, im Osten des Kongos, in Somalia, Niger und Tschad konnte ich mitansehen, wie das Militär Städte kontrolliert und absichert. Mit vielen Waffen, Checkpoints und Einschüchterung. Ich war in Ciudad Juarez unterwegs, als dort der Drogenkartellkrieg tobte und es pro Jahr mehr als 3600 Morde gab. Damals ging ich mit der Polizei auf Streife, in einem Pritschenwagen. Auf der Ladefläche standen drei vermummte Polizisten mit Maschinengewehren, zum Schutz wie es hieß. Überall im Stadtgebiet standen die Polizei- und Militäreinheiten, um das maßlose Töten unter Kontrolle zu bringen. Doch das sind alles Länder, die nicht gerade für ihr demokratisches System bekannt sind.

Und dann schaue ich in diesen Tagen nach Washington. 25.000 Angehörige der Streitkräfte sind aufmarschiert, sichern, kontrollieren, riegeln ab. Die amerikanische Hauptstadt wirkt derzeit wie eine eroberte Stadt. Panzer sind an wichtigen Kreuzungen geparkt, Straßenkontrollen der Nationalgarde, DC ist wie die irakische Hauptstadt Bagdad in eine grüne und eine rote Zone eingeteilt. Selbst die eigenen Einsatzkräfte werden derzeit daraufhin geprüft, ob sie mögliche Schläfer sind und Anschläge gegen den gewählten Präsidenten Joe Biden planen. In den Hauptstädten der 50 Bundesstaaten sichern ebenfalls Kräfte der Nationalgarden die Parlamente und Brennpunkte ab. Offen drohen bewaffnete Milizen mit Anschlägen.

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In der US-Hauptstadt Washington herrscht Chaos: Tausende Anhänger von US-Präsident Trump haben sich am Mittwoch rund um das Kapitol versammelt - etliche von ihnen sind ins Gebäude eingedrungen. Vier Menschen kamen bei oder im Umfeld der Unruhen ums Leben. In Washington wurde darauf eine Ausgangssperre verhängt.


Das alles nur, weil ein Mann ganz gezielt und bewusst das Wahlergebnis in Zweifel stellt, weil er nicht verlieren kann, weil er nicht anerkennen will, dass seine Politik und vor allem sein Politikstil gescheitert sind. Donald Trump ist dafür verantwortlich zu machen, dass Amerika in diesen Tagen und Wochen in einer tiefen Sinnkrise versinkt. Trump hat es geschafft, dass rund 30 Prozent der Amerikaner den Wahlsieg von Joe Biden anzweifeln, dass bewaffnete Gruppen Rache für die "gestohlene Wahl” schwören, dass weite Teile der gewählten republikanischen Amtsinhaber diesen Irrsinn eines krankhaften Egomanen unterstützen.

Was ist aus dem Amerika geworden, das ich 1987 zum ersten Mal bereist und erlebt habe, von dem ich fasziniert war, vom Freiheitsgedanken, vom "American Way of Life"? Davon ist nichts mehr zu spüren. Die Vereinigten Staaten sind mehr davon erfüllt, wie uneins sie doch sind. Das ist nun der Alltag zwischen Liberty Island und dem Golden Gate, zwei Orte, die schon lange nicht mehr für die Hoffnung und den Traum vom grenzenlosen Amerika stehen, in dem alles wahr werden kann.

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Trump hat die Nation noch weiter, noch tiefer gespalten. Und seine Helfershelfer im Kongress und in den konservativen Medien führen das weiter fort. An dieser Stelle bezweifele ich, dass Amerika jemals wieder zusammenfinden wird. Was muss geschehen, damit dieses Land wieder eine Einheit wird? Die Bilder von der Kapitolsstürmung waren schockierend, aber eben nicht für alle. Schon kurz darauf kamen Erklärungen, Entschuldigungen, Zweifel. Sogar von einer gezielten Kampagne der Demokraten wurde gesprochen, um Präsident Trump zu schaden. Soweit ist es in Amerika. Ein Land, in dem es gleich mehrere "Realitäten" gibt. Die "one nation under god" ist Geschichte. Damit muss man lernen umzugehen und kann nur hoffen, dass das was kommt, nicht allzu schlimm werden wird.

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Arndt Peltner

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