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Expertin: Darum haben es Frauen als Führungskräfte schwerer

Sitzen Managerinnen eher auf dem Schleudersitz als ihre männlichen Kollegen? - 30.07.2019 14:57 Uhr

Unternehmen sind einer Studie zufolge erfolgreicher, wenn Frauen in der Führungsetage sitzen. Dennoch sind sie dort noch in der Minderheit. © Patrick Pleul (dpa)


NZ: Wie unterscheiden sich männliche und weibliche Führungskräfte?

Lisa Horvath: Frauen und Männern werden bis heute von der Gesellschaft geschlechterspezifische Stereotypen zugeschrieben. Frauen gelten – mehr als Männer – als gemeinschaftsorientiert, freundlich, hilfsbereit, empathisch, intuitiv. Männer werden eher für dominant, lösungsorientiert, durchsetzungskräftig, rational und analytisch gehalten. Und da letztere Eigenschaften oftmals mit Führungsqualitäten gleichgestellt werden, bevorzugt man oft Männer, auch wenn natürlich auch Frauen diese Qualitäten haben. Doch es ist ein großer Wandel im Gange. Im Führungsverhalten werden Eigenschaften immer wichtiger, die man gemeinhin eher als weiblich betrachtet – wie Menschen mitzunehmen, zu motivieren, diplomatisch zu agieren. Es gilt, nicht mehr von oben herab zu leiten, sondern teamgerecht.

NZ: Was machen Frauen in Chefetagen besser als Männer?

Horvath: Frauen sind mitunter mitarbeitendenorientierter als Männer, was man auf ihre Sozialisation zurückführen kann. Diese Führungsqualität wird immer wichtiger. Besonders die junge Generation Y erwartet geradezu von Vorgesetzten, dass man sich um sie und ihre berufliche Entwicklung kümmert.

NZ: Was sind die Probleme von Frauen in männlich dominierten Führungsetagen?

Horvath: Frauen wissen, dass sie in Führungspositionen nicht ganz anerkannt und respektiert werden. Mit ihnen wird schlechter umgegangen und man stellt höhere Erwartungen an sie. Sie sollen weiblich sein und nicht zu dominant auftreten. Männer hingegen dürfen strikte Anweisungen geben und niemand nimmt ihnen das übel. Bei Frauen wird auch viel mehr aufs Äußere geachtet. Figur und Kleidung sind Thema. Ob ein Chef eine Glatze oder einen Bauch hat, ist weniger von Bedeutung. Doch auch Männer haben Probleme in männlichen Chefetagen, wenn sie mit ihrer Geschlechterrolle brechen und etwa in Elternzeit gehen. Dann werden auch sie öfters angefeindet.


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NZ: Warum zögern Frauen, Führungsposten zu übernehmen?

Horvath: Wie werden Frauen in den Vorstand geholt? Meistens durch Männer. Die holen lieber Personen ins Boot, die ihnen ähnlich sind, weil sie unbewusst meinen, so Probleme vermeiden zu können. Frauen fühlen sich mitunter nicht passend auf der Vorstandsetage, weil dort selten andere Frauen sind. Als einzige Frau in einer Männergruppe zu sein, kann dazu führen, dass sie nicht in ihrer Vorstandsfunktion, sondern als Frau wahrgenommen und dementsprechend diskriminierend behandelt wird.

NZ: Was sollten Unternehmen tun, um Frauen in Führungspositionen zu stärken?

Horvath: Es sollte mehr Coaching- und Mentoringprogramme geben – aber nicht, weil Frauen Nachhilfe brauchen, sondern damit sie mit den Nachteilen für Frauen in Führungspositionen umzugehen lernen. Gleichzeitig kann schon eine geschlechtergerechte Sprache in der Stellenausschreibung dazu führen, dass mehr Frauen in Führungspositionen eingestellt werden, wie eine meiner Studien ergeben hat: Sobald "Geschäftsführerin/Geschäftsführer" in einer Stellenanzeige angegeben ist, werden Frauen gleich wahrscheinlich wie ihre männlichen Kollegen eingestellt; wenn ein "Geschäftsführer m/w" gesucht wird (die dritte Option "divers" gab es zur Zeit der Studie noch nicht), werden gleich qualifizierte Männer den Frauen gegenüber bevorzugt.

Dr. Lisa K. Horvath © Foto: Karin Lernbeiss


NZ: Scheitern Frauen auf Chefsesseln häufiger als Männer?

Horvath: Wir kennen das Phänomen, dass Frauen in Krisenzeiten kurzzeitig auf Chefsessel gesetzt und mit knappen Ressourcen und einem knappen Zeitfenster ausgestattet werden. Das mag unbewusst geschehen oder Unternehmensstrategie sein. Die Frau steht also auf der gläsernen Klippe, so der Name des Phänomens. Versagt die weibliche Führungskraft, kann das Unternehmen sagen: Wir haben es mit einer Frau probiert, es hat nicht geklappt.

NZ: Geben Frauen in Führungsetagen früher auf als Männer?

Horvath: Dies ist nicht so leicht zu beantworten, denn Frauen sind mit anderen Bedingungen konfrontiert. Sie müssen oft mehr leisten, um Führungspositionen zu erreichen, und viel mehr beweisen, dass sie die Führungsposition auch verdient haben.

NZ: Einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zufolge, die mehr als 12.000 Firmen in 70 Ländern befragt hat, macht ein höherer Anteil von weiblichen Bossen ein Unternehmen erfolgreicher. Warum werden also nicht mehr Frauen eingesetzt?

Horvath: Die Forschung zeigt, dass in Teams viel kreativer, intelligenter und innovativer gearbeitet wird, wenn eine geschlechtergerechte Personalauswahl und Teamzusammensetzung getroffen wurde und wenn heterogene Teams arbeiten anstatt homogener. Viele Unternehmen wissen das und setzen daher auf Weiterbildungen in geschlechter- und diversitätsgerechter Personalauswahl, auf Sensibilisierungs-Trainings, Mentoring-Programme und Ähnliches.

Fragen: Susanne Stemmler

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