Atemwegserkrankungen 

Fehlende Immunisierung: Grippe könnte zur Gefahr für Kinder werden

21.6.2021, 19:44 Uhr
Die meisten Kinder machen in ihren ersten Lebensjahren mehrere Atemwegserkrankungen durch und entwickeln dadurch Antikörper.

Die meisten Kinder machen in ihren ersten Lebensjahren mehrere Atemwegserkrankungen durch und entwickeln dadurch Antikörper. © Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

In den vergangenen zwei Wintern sind in Deutschland deutlich weniger Kinder einer Atemwegserkrankung zum Opfer gefallen als in den Vorjahren. Während von Oktober 2019 bis Mai 2021 11 Kinder zwischen 0 und 14 der durch das Coronavirus ausgelösten Covid19-Erkrankung erlagen, forderte die Grippe zwischen Oktober 2017 und Mai 2019 insgesamt 41 Todesopfer.

Doch diese eigentlich positive Entwicklung könnte einen Fallstrick bergen: "Mortality displacement” oder "Harvesting” nennt sich der Effekt, der beschreibt, dass auf eine Zeit der Untersterblichkeit häufig eine Phase der Übersterblichkeit folgt - und umgekehrt. Zwei Entwicklungen also, die sich ausgleichen, beispielsweise, wenn eine größere Anzahl an kranken Menschen zeitgleich durch einen grassierenden Erreger gestorben ist.

Viele Kinder haben keine Antikörper

Das Phänomen tritt in regelmäßigen Abständen in allen Altersgruppen auf und könnte in diesem Jahr besonders die Jüngeren treffen. Potenziell gefährdete Kinder nämlich, die im letzten Winter von einer Erkrankung verschont blieben, würde es wohl besonders schwer erwischen, erläutert der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr: "Die meisten Kinder holen sich ihre Antikörper in der Regel durch eine natürliche Infektion, die sie in den folgenden Jahren dann immer wieder auffrischen".

Allerdings, erklärt der Experte, der bereits die Influenza-Forschung der WHO koordinierte, hätten viele von ihnen diesen natürlichen Booster - also eine "Auffrischungsinfektion” - in den letzten zwei Saisons nicht bekommen, da Grippeviren kaum zirkuliert seien. Oder noch schlimmer: Viele hätten nicht einmal eine Erstinfektion durchgemacht. Stöhr sagt: "Je älter ein Kind beim Erstkontakt ist, desto gefährlicher kann ihm der Influenza-Erreger werden." Insgesamt habe im letzten Jahr ein größerer Teil der Bevölkerung keine Antikörper entwickeln können.

Schwere Verläufe vor allem bei Kleinkindern

Ein Blick über den Atlantik lässt die Befürchtungen des Virologen durchaus plausibel erscheinen, denn in den USA zeichnet sich aktuell genau diese Tendenz ab: Das Respiratorische Synzytial-Virus (RS-Virus), der häufigste Auslöser von akuten Atemwegsinfektionen bei Kindern bis 3 Jahren, der seit Beginn der Coronapandemie kaum noch zirkulierte, hat sich nun zurückgemeldet. Normalerweise infizieren sich Kinder bereits im ersten Lebensjahr damit, zu schweren Verläufen kommt es insbesondere bei älteren Kleinkindern oder älteren Erwachsenen. In den Staaten verursachen Infektionen mit diesen Viren bei Kindern unter 5 Jahren jedes Jahr zwischen 100 bis 500 Todesfälle.

Die US-Gesundheitsbehörde hat Ärzte nun dazu aufgefordert, vermehrt auf das RS-Virus zu testen, da aufgrund des fehlenden Kontakts der Bevölkerung mit dem Erreger mit schweren Verläufen zu rechnen sei. Ältere Kinder und Säuglinge seien besonders betroffen, da diese normalerweise in den ersten Lebensmonaten durch im Mutterleib übertragene Antikörper geschützt sind. Wegen der ausgebliebenen Epidemien könnten die Mütter in der Schwangerschaft aber nicht den notwendigen Immunschutz aufgebaut haben.

Influenza-Varianten könnten Effekt verstärken

Verstärkt würde dieser Effekt zusätzlich, wenn im Winter dann noch eine oder mehrere Virus-Varianten hinzukämen. Denn der aktuelle Influenza-Wirkstoff, der bereits hergestellt ist, ist an einen Erreger angepasst, der dem aus der Vorsaison ähnelt. "Je stärker sich das Variantenvirus vom Virus des vorangegangenen Jahres unterscheidet, desto heftiger fällt die Grippesaison aus", sagt Stöhr und verweist auf die Grippesaison 2017/18, in der genau das passiert ist: Ein mutiertes Virus, das deutlich andere Ausprägungen hatte als der Erreger des Vorjahres, sei aufgetreten, und habe letztlich dazu geführt, dass der Impfstoff weniger wirksam gewesen sei als erhofft. Etwa 25.000 Menschen erlagen in jener Saison Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge ihrer Infektion.

Wellen als "virologisches Mysterium"

Die genaue Ursache für das breitflächige Verschwinden der Influenza über zwei Jahre hinweg ist laut Stöhr nicht eindeutig auszumachen. Im letzten Jahr, so der Epidemiologe, hätten mit Sicherheit einige der Corona-Eindämmungsmaßnahmen einen Anteil daran gehabt.

Doch auch schon im Jahr zuvor ist die Grippewelle nur sehr mild verlaufen. Über die Gründe hierfür kann man laut Stöhr nur spekulieren. "Die Sommer-Winter-Saisonalität erklärt sich unter anderem aus der Empfindlichkeit des Virus gegenüber UV-Strahlen, verstärkte Winterwellen durch das Auftreten von neuen Varianten. Warum aber die Influenza auf breiter Front so sehr zurückgegangen ist, bleibt erstaunlich."

Ein anderes "virologischen Mysterium" wie der Wissenschaftler es nennt sind die Grippepandemien z.B. der Jahre 1968 und 1957, in denen neue Influenza-Stämme auftraten und alte verdrängten. "Wir wissen bis heute nicht, warum das passiert ist. Es ist völlig unklar, warum die vorher zirkulierenden Influenza-Subtypen komplett verschwunden sind, als das neue Pandemievirus aufgetaucht ist."

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