Kommentar: Annalena Baerbock - die logische Kandidatin

Alexander Jungkunz
Alexander Jungkunz

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19.4.2021, 12:04 Uhr
Sie tritt an: Annalena Baerbock.

© Kay Nietfeld, dpa Sie tritt an: Annalena Baerbock.

So geht das also auch: Man nennt ein Datum, an dem bekanntgegeben wird, wer Kanzlerkandidat wird. Man hält sich an dieses Datum. Liefert vorher null Querelen - zumindest nicht öffentlich. Tritt dann exakt zu diesem Datum pünktlich auf die Bühne - ein paar Minuten später ist alles erledigt.

Natürlich denkt jeder momentan weniger an die Grünen als an den unfassbaren Machtkampf in der Union, wenn es um die K-Frage geht. Und die einst für ihre - um es wohlwollend zu sagen: lebendige - Debatten-, ja Streitkultur bekannte bis berüchtigte Öko-Partei hat den Konservativen vorgemacht, wie das geht: so ein Thema geräuschlos und ohne Beschädigungen oder gar ein Desaster für die Beteiligten abzuräumen.

Eigentlich war die Sache klar, geht es nach den Regeln der Grünen. Da hat eine Frau immer Vorrang vor einem Mann. Es lag also an Annalena Baerbock, ob sie Kanzlerkandidatin wird oder nicht. Sie hatte das erste Wort, sie hätte verzichten müssen.

Sie tat es nicht. Sicher auch deshalb, weil ihre Kandidatur eine logische, ja zwingende für die Grünen ist: Warum sollte ausgerechnet die Partei, die mehr als andere für Gleichberechtigung kämpft, wie alle andere Parteien auch mit einem Mann in den Wahlkampf ziehen?

Mit aller Macht an die Macht

Zumal dann, wenn die persönlichen Voraussetzungen annähernd gleich sind. Annalena Baerbock und Robert Habeck trauten sich beide die Herausforderung zu - das war allen ihren Auftritten abzulesen. Sie wollen - wie die Grünen insgesamt - mit aller Macht an die Macht.


NZ-Kommentar: Baerbock als Kanzlerkandidatin - Der Abspann folgt erst noch


Darin unterscheiden sie sich überhaupt nicht von CDU und CSU: Die Union und die Grünen streben 2021 mehr als andere nach Regierungsmacht. Die einen, weil sie glauben, sie hätten diese Macht gepachtet und ihren Verlust fürchten. Die anderen, weil sie glauben, es sei Zeit für einen Wechsel an der Machtspitze der Republik.

Das Schauspiel, das beide beim Kampf um die Macht aufführen, kann unterschiedlicher nicht sein. Die Union führt ein blutrünstiges Drama vor, bei dem kein glückliches Ende in Sicht ist, sondern nur etliche mehr oder weniger Verletzte. Die Grünen tragen ihre Konflikte hinter den Kulissen aus, geräuschfrei.

Ohne Verletzungen - zumindest nach außen

Wahrscheinlich, dass dies auch für den Wahlkampf gilt, der nun Fahrt aufnimmt. CDU und CSU können nach all dem, was da vor sich geht, keinen Friedefreudeeierkuchen-Wahlkampf mehr führen, dafür sind die Narben zu tief. Die Grünen werden genau das tun - und können, weil sie diese Verletzungen zumindest nach außen hin vermieden haben.

Ja, Annalena Baerbock hat keine Regierungserfahrung. Das werden alle ihre Gegner nun mantrahaft herunterbeten. Provokante Gegenfrage: Was tun denn Söder und Laschet momentan mit all ihrer Regierungserfahrung? Sie nutzen sie sicher nicht zum Besten ihrer Partei oder des Landes, sondern für ein Schauspiel zur Demontage der Demokratie und ihrer Spielregeln.

Baerbock ist das Kontrastprogramm dazu. Und sie hat nach wie vor Robert Habeck an ihrer Seite, eine echte Doppelspitze. Je mehr die Grünen ihre beinahe schon beängstigende Gelassen- und Geschlossenheit beibehalten können, umso geringer wird das Risiko, dass sie sich im Wahlkampf die bisher üblichen Schnitzer leisten.

Es liegt ein Hauch von Politik-Wechsel in der Luft

Der Wahlkampf wird aus vielen Gründen spannend. Die Grünen haben bisher zu dieser Spannung wenig beigetragen - das tun andere zur Genüge. Aber genau deshalb wird es so spannend: Weil ein echter Politik-Wechsel in der Luft zu liegen scheint.

Grüne K-Frage

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