Kommentar: Aus Hanau genug gelernt?

Alexander Jungkunz
Alexander Jungkunz

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19.2.2021, 07:11 Uhr
Gedenken an die Opfer in der Straße des Attentats: Vor einem Tatort in Hanau liegen Kränze.

© imago images/Patrick Scheiber Gedenken an die Opfer in der Straße des Attentats: Vor einem Tatort in Hanau liegen Kränze.

Tobias R. war für die Behörden kein Unbekannter. Seine rechtsradikalen, frauen- und migrantenfeindlichen Ansichten machte er im Internet publik. Auch, weil diese Vorgeschichte wegen der Tatenlosigkeit der Ämter so empörend ist, aktualisierte der Liedermacher Konstantin Wecker nun noch einmal seinen legendären Sing über den "Willy" - ein Opfer von Nazis, mit Blick auf den Terror von Hanau.


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Da analysiert Wecker die Vorgeschichte der Tat: „Der aktenkundige Rassist, der von der Vernichtung ganzer Völker träumte, hatte von den Behörden trotzdem mehrere Waffenbesitzkarten ausgestellt bekommen. Er durfte als Sportschütze das Schießen lernen und dann erschoss er vor und in drei Bars neun Menschen."

Der Vater, ein Gesinnungsgenosse

Erschütternd ist vieles an diesem Fall. Dass Tobias R. trotz seiner demonstrativen, schon vor der Tat erkennbaren Gewaltbereitschaft unbehelligt blieb. Oder dass sein Vater - den der Sohn im Gegensatz zu seiner Mutter nicht tötete - offenbar ein Gesinnungsgenosse des Mehrfach-Mörders ist, der die Waffen des Sohnes zurückfordert, das Erinnern an die Opfer verhindern will und deren Angehörige bedroht. Oder dass der Notruf offenbar überlastet war - was mindestens einem der Opfer des Attentäters das Leben kostete.

Hanau ist zudem alles andere als ein Einzelfall, leider. Kürzlich wurde der Attentäter von Halle verurteilt, der einen Anschlag auf die Synagoge geplant hatte. Dann das Urteil gegen den Mörder von Walter Lübcke, dem Regierungspräsidenten von Kassel - alles Taten von rechtsradikalen Rassisten, die ihren Hass im Internet austobten und ihn dann in Gewalt umsetzten.


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Mehr Fahndung im Netz

Zur Ermittlungsarbeit der Fahnder muss daher deutlich intensiver als bisher das Recherchieren im Netz gehören. Da lässt sich manches ablesen - wenn man es denn findet und ernst nimmt. Soziale Netzwerke dienen teils zum Austausch von Gewaltfantasien - oder auch, wie in Washington beim Sturm aufs Kapitol am 6. Januar, zur Planung von und Verabredung zu Putsch-Plänen.

Es braucht alle demokratischen Kräfte einer Gesellschaft, um Extremisten jeder Couleur zu bekämpfen. Auch von ganz links, auch von Islamisten geht Gewalt aus. Die auch zahlenmäßig größte Bedrohung kommt inzwischen aber von ganz rechts. Und sie lässt sich nicht allein durch Polizei und Gerichte eindämmen.

Gerichte können nur Einzeltaten ahnden

Die Fahnder brauchen oft auch technische Aufrüstung (Stichwort Internet), die Richter können jeweils nur die individuelle Tat in den Blick nehmen und verurteilen (im Falle von Hanau geht dies wegen der Selbsttötung des Täters auch nicht), aber nicht Gesinnungen oder Fehlentwicklungen einer Gesellschaft.

Daher braucht es eine kontinuierliche Förderung von Initiativen, die sich gegen Extremismus vor allem von rechts stellen. Es braucht auch einen genaueren Blick darauf, wer einen Waffenschein bekommt und was mit diesen Waffen geschieht; da wirkt vieles nach wie vor zu lax.

Damit Ortsnamen kein Fanal mehr werden

Es muss noch viel geschehen, damit Ortsnamen wie Hanau oder Halle möglichst nicht mehr zu Fanalen für entfesselten, ausgelebten Hass werden. Dafür lohnen sich alle Anstrengungen - für die Menschenwürde, gegen die Menschenverachtung.

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