Kommentar: Der harte Lockdown kann helfen

Alexander Jungkunz
Alexander Jungkunz

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9.12.2020, 08:12 Uhr
Vorübergehende Zwangspause: Wenn es nach den Experten geht, sollen nach Weihnachten nur noch Lebensmittelhändler öffnen dürfen. Die Fußgängerzonen - hier in Essen - würden sich weiter leeren. Sachsen ordnet sogar bereits ab Montag die Schließung von Läden an.

© imago images/Rupert Oberhäuser Vorübergehende Zwangspause: Wenn es nach den Experten geht, sollen nach Weihnachten nur noch Lebensmittelhändler öffnen dürfen. Die Fußgängerzonen - hier in Essen - würden sich weiter leeren. Sachsen ordnet sogar bereits ab Montag die Schließung von Läden an.

Es geht offenbar wirklich nicht anders: Lieber ein relativ kurzer, aber harter oder echter Lockdown als immer wieder neue Verlängerungen des aktuellen Lockdowns light, der zu wenig wirksam ist, weil er zu viele Kontakte erlaubt - diese Einsicht kommt angesichts der Zahlen immer mehr Fachleute. Und die Politik scheint bereit, ihren drastischen Empfehlungen zu folgen.

Deutschland fällt zurück

Denn die Entwicklung der vergangenen Wochen zeigt: Deutschland ist längst nicht mehr Vorreiter bei der Pandemie-Bekämpfung, sondern es fällt zurück. Andere Staaten, die auf einen harten Lockdown setzten, holen dagegen auf - Irland und Belgien zum Beispiel, auch Frankreich schneidet in der Tendenz zuletzt besser ab.

Ausschlaggebend für den erneuten Kurswechsel der Politik dürfte das sehr eindringliche, knappe Papier sein, das der geballte Expertenrat der Leopoldina nun vorlegt. Die Nationale Akademie der Wissenschaften begründet ihre Vorschläge sehr einleuchtend: "Schnell und drastisch" müsse die "weiterhin deutlich zu hohe Anzahl von Neuinfektionen" verringert werden.

Kliniken und Ämter am Limit

Sonst, so die Wissenschaftler aus allen relevanten Disziplinen (nicht nur aus der Medizin), spitzen sich die aktuell schon sichtbaren Belastungen gefährlich zu: Kliniken und Gesundheitsämter am Limit, eine effektive Kontaktverfolgung ist nicht mehr möglich. Klare Befund der Leopoldina: Eine immer längere Fortsetzung des Lockdown light reiche nicht, verursache aber enorme Kosten und Belastungen.

Daher schlagen sie harte Schnitte in zwei Etappen vor: Ab kommenden Montag weitgehende Reduzierung aller Kontakte; so viel Homeoffice wie möglich; weniger Präsenzunterricht in Schulen. Nach Weihnachten solle dann "das öffentliche Leben weitgehend ruhen" - nur noch Läden des täglichen Bedarfs dürfen demnach öffnen, Ferien sollen bis 10. Januar verlängert werden, Reisen und größere Treffen unterbleiben, Kontakte minimiert werden.

Eine ohnehin entschleunigte Zeit

Klingt und ist hart. Doch die Experten haben eine triftige Begründung, die das Ganze auch erträglicher macht: Die ohnehin ruhige Zeit zwischen den Jahren biete sich als "Zeit der Entschleunigung" da an, weil Firmen und Behörden den Betrieb zurückfahren.

Und was ist mit Weihnachten, das ja die große Ausnahme bei all den Regeln und Verschärfungen ist, wo doch nun in Bayern selbst der Silvester ruhiggestellt wird? Die Leopoldina äußert sich diplomatisch, aber deutlich und weist auf den Zwiespalt hin, vor dem viele stehen: Einerseits wäre es am besten, auch über die Feiertage "alle sozialen Kontakte außerhalb des eigenen Haushaltes zu unterlassen". Denn das Virus richtet sich bekanntlich und leider nicht nach Feiertagen. Andererseits wäre es für viele belastend, gerade an Weihnachten die Familie nur teils zu sehen. Jeder müsse sich aber der Risiken bewusst sein und auch privat strikt an Regeln halten: Eindringlicher kann man kaum zu Vorsicht raten.

Es geht um eines: Kontaktvermeidung

Kontaktvermeidung: So einfach und schwierig zugleich lässt sich die Verbreitung des Virus eindämmen. Einfach, weil das geht, wenn es denn sein muss. Schwierig, weil die meisten nach wie vor viele Kontakte haben. Auf dem Weg in die Arbeit oder zur Schule, in oft überfüllten Bussen und Bahnen, in die sich dann an Samstagen die Weihnachts-Shopper drängen. Diese Kontakte lassen sich nur durch einen harten, begrenzten Lockdown vermeiden.

Wird es die Politik schaffen, diesen nationalen Kraftakt auf den Weg zu bringen? Als Signal, dass nun tatsächlich die Wende zum Besseren erreicht werden soll, wäre das wichtig. Sachsen geht angesichts seiner drastischen Zahlen ab Montag schon voran und schließt da bereits die meisten Läden. Andere Bundesländer, die bessere Inzidenzwerte haben, sollten keine Alleingänge machen. Die Leopoldina hat einen Weg skizziert, den zu beschreiten sich lohnen müsste.


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"Weiter so" hilft nicht weiter

Denn alle wissen: Nur wenn die Zahlen spürbar und dauerhaft sinken, kann es Lockerungen und die Rückkehr in eine Art von Normalität geben. Ein Weiter so wie bisher führt da nicht weiter, sondern verzögert nur echte Fortschritte. In Abwandlung des Spruches "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende" lässt sich sagen: Lieber ein harter Schnitt, der Erfolg bringt, als ein zu lockerer Schnitt, der zu wenig bewirkt.

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