Kommentar: Warum Deutsche die Einheit am falschen Tag feiern

Alexander Jungkunz
Alexander Jungkunz

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3.10.2019, 11:00 Uhr

Nein. Es liegt auch daran, dass dieser 3. Oktober das falsche Datum zum Feiern der Einheit ist, ein künstliches Datum. Denn da wurde vor 29 Jahren die Wiedervereinigung offiziell besiegelt. Es war (nur) der Abschluss jenes atemberaubenden Prozesses, den vor allem mutige Demonstranten in der damaligen DDR angestoßen hatten. Dass ihre Proteste das Regime zum Einsturz bringen, das stand noch im Oktober 1989 keineswegs fest – es hätten (siehe nebenstehenden Beitrag) auch Panzer rollen, Schüsse fallen können.

Daher wäre der 9. November das bessere, logischere, historischere Datum für den deutschen Nationalfeiertag. Grund zum Feiern: Revolution und Kriegsende samt anschließender geglückter Demokratie-Gründung 1918. Fall der Mauer 1989. Grund zum Trauern und Nachdenken: Gescheiterter Hitler-Putsch 1923, Pogromnacht der Nationalsozialisten 1938.


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Den 3. Oktober empfinden viele Ostdeutsche als eine Art Symbol für den gesamten Prozess der Wiedervereinigung: Auch der Feiertag wurde ihnen quasi übergestülpt, damit war der "Anschluss" der DDR an den Westen perfekt. "Aus ostdeutscher Sicht war der Beitritt zur Bundesrepublik... eine Machtübernahme unseres Landes. Das mag vielen drastisch und ungerecht klingen, wird aber so empfunden", schrieb die aus dem Osten stammende Autorin Tanja Nause kürzlich.

Auch das gehört zu jenem "Gefühlsstau", den der sächsische Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz den DDR-Bürgern attestierte. Da können die Zahlen gut sein, die Arbeitslosigkeit in manchen Regionen Ost niedriger als teils im Westen – gegen Emotionen kommen Fakten oft nicht mehr an. 

Aufgestochene Wunden 

Erst recht nicht, wenn allesamt aus dem Westen stammende AfD-Politiker (Gauland, Weidel, Meuthen, Höcke, Kalbitz) das Opfer-Gefühl eines Teils der Ostdeutschen anheizen, um damit Stimm(ung)en zu sammeln. "Vollende die Wende", plakatiert die Partei bei den Wahlkämpfen im Osten, sie sticht die Wunden der Vergangenheit erneut auf. So wächst teils wieder auseinander, was doch zusammengehört und zu einem Gutteil auch zusammengewachsen ist.

Zugute kommen den Populisten da problematische Denkweisen mancher Ostdeutscher, die von der AfD gezielt verstärkt werden: zum einen sehr hohe Erwartungen an jenen Staat, der zwar prompt "liefern" müsse, dem man zum anderen und zugleich grundsätzlich jedoch erst mal abgrundtief misstraut. Der Staat aber – das sind wir. Alle. Wir können ihn verändern. Genau das war ja die zentrale Lehre von 1989/90. 

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