Kommentar: Was Jana aus Kassel von Sophie Scholl unterscheidet

Alexander Jungkunz
Alexander Jungkunz

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26.11.2020, 13:13 Uhr
Inzwischen hat sie eine - zweifelhafte - Berühmtheit erlangt: Jana aus Kassel, hier bei ihrem Auftritt in Hannover.

© Screenshot Twitter Inzwischen hat sie eine - zweifelhafte - Berühmtheit erlangt: Jana aus Kassel, hier bei ihrem Auftritt in Hannover.

Sie fühle sich "wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin". Das war der Kernsatz jener inzwischen leider berühmten Rede von "Jana aus Kassel". In Karlsruhe sagte eine Elfjährige ein paar Tage vorher, sie komme sich vor wie Anne Frank, weil sie ihren Geburtstag im Geheimen feiern musste. Als im Bundestag das Infektionsschutzgesetz verabschiedet wurde, da protestierten die selbst ernannten "Querdenker" in Berlin gegen das "Ermächtigungsgesetz".

Nur drei aktuelle Beispiele für unsägliche Geschichtsvergleiche. Unsäglich, weil sie die Gewalttaten, die brutale Diktatur der Nationalsozialisten verharmlosen, indem sie Parallelen ziehen, die niemand ziehen kann, wenn er auch nur ein bisschen weiß von deutscher Vergangenheit.

Sophie Scholl: Ja, sie war eine Widerstandskämpferin - eine der wenigen, die es wagten, ihre Feindschaft zum braunen Regime in Taten umzusetzen. "Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen." Dieses Zitat greifen manche bei den Corona-Protesten auf. Auch das ist unverschämt: Was Sophie Scholl und ihre Mitverschwörer von der "Weißen Rose" sagten und schrieben, das bezahlten sie mit ihrem Leben - weil die Nazis jeden Widerstand im Keim erstickten. Die Demonstranten heute riskieren dagegen: nichts. Ihr Protest ist wohlfeil, er ist erlaubt, ist Thema in Medien und Talkshows - alles absolut unvorstellbar unter der NSDAP.

Anne Frank musste sich mit ihrer Familie in einer abgeschotteten, von der Außenwelt weitgehend isolierten Wohnung in Amsterdam vor den Nazis verstecken. Ein Muckser konnte sie das Leben kosten - und letztlich waren es auch die Nationalsozialisten, die das Mädchen und fast alle ihrer Verwandten töteten, in Auschwitz. Das Mädchen bei der Demo konnte nun einmal seinen Geburtstag nicht so feiern wie sonst - welche Eltern lassen zu, dass ihr Kind derart unanständige Vergleiche zieht?

Das Ermächtigungsgesetz vom März 1933 zerstörte die Gewaltenteilung, es legte alle Macht in die Hände der Nazis, das Parlament wurde zur Staffage, die Justiz zum willfährigen Lakaien des Regimes. Das Infektionsschutzgesetz hat seine Tücken - die sind im Blick von Justiz, Medien und Parteien, die an dem Vorhaben viel Kritik übten. Auch da verbietet sich jeder Vergleich.

Aber: Solche Vergleiche zeigen Wirkung, sie hinterlassen Spuren in manchen Köpfen. So furchtbar ist unser Staat - wie die Nazis (oder wie die DDR), glauben manche allen Ernstes. Oder auch: So schlimm, so einzigartig waren die Verbrechen dieser Diktaturen vielleicht gar nicht, wenn sich so etwas wiederholt: Auch das denken manche, sehr quer.

Egoistische Wehleidigkeit

Es ist keine Heldentat, so zu reden. Jeder darf es, sehr viele tun es - ein Blick in die sogenannten sozialen Netzwerke belegt das. Es ist ein Maulhelden- oder Maulheldinnentum, das Jana aus Kassel und andere demonstrieren. Eine egoistische Wehleidigkeit, die so ganz und gar nicht passt zu echten Widerstandskämpfern, die nicht an sich dachten und Extremstes aushielten.

Nazi-Vergleiche sind stets heikel. Es ist daher immer besser, sie zu unterlassen. Das zeigen viele Beispiele. Willy Brandt sagte, Heiner Geißler sei der "seit Goebbels schlimmste Hetzer", weil der damalige CDU-Generalsekretär zuvor - auch ein Nazi-Vergleich - behauptet hatte, der Pazifismus der 1930er Jahre habe Auschwitz erst möglich gemacht.

Immer wieder Auschwitz: Joschka Fischer begründete die grüne Zustimmung zum Bundeswehreinsatz in den Kosovo-Kriegen mit dem Spruch "Nie wieder Auschwitz". Helmut Kohl verglich Gorbatschow mit Goebbels, die damalige SPD-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin verglich George Bush (den Älteren) mit Hitler... es wimmelt nur so vor Nazi-Vergleichen nicht nur in der deutschen Zeitgeschichte. Nicht zuletzt deshalb, weil nach wie vor gilt, was der Sozialpsychologe Harald Welzer so auf den Punkt brachte: "Aufmerksamkeit kriegen Sie immer, wenn Sie die Nazi-Karte spielen."

Nicht erst Jana aus Kassel hat das bewiesen. Derart verharmlosend, derart dummdreist waren solche Vergleiche allerdings selten. Aus ihnen spricht eine Anmaßung, ja vielleicht auch eine Art Wohlstandsverwahrlosung, die einen schaudern lässt. Es sind ja nicht die wirklich notleidenden Soloselbständigen oder Künstler, die mit derart krassen Parolen protestieren. Es sind meistens wohlsituierte Bürger oder deren Kinder. Wer bringt den jungen Mimosen und ihren offensichtlich versagenden Erziehungsberechtigten wenigstens Grundzüge der Geschichte bei?

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