Gute Moderation, wenig Erkenntnisse

Kommentar: Was nach dem dritten Triell auffällt - und warum Wiederholungen nerven

Alexander Jungkunz
Alexander Jungkunz

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19.9.2021, 22:24 Uhr
Vor dem dritten Triell: Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Armin Laschet (von links).

© TOBIAS SCHWARZ, AFP Vor dem dritten Triell: Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Armin Laschet (von links).

Aller guten Dinge sind drei? Nach dem dritten Triell gilt das nur bedingt. Es gab etliche inhaltliche Wiederholungen bei der letzten Runde - aber auch einige Erkenntnisse, die sich nun zusehends verfestigen.

Privatsender können locker mithalten

Was die Sender und die Moderation angeht: Die von der ARD zu Sat.1 abgewanderte Linda Zervakis konnte zusammen mit Claudia von Brauchitsch locker mit den eher durchwachsenen Leistungen von ARD und ZDF vor einer Woche mithalten. Die Privatsender holen in Sachen Politik-Berichterstattung auf.

Offensichtlicher als bei den vorherigen Debatten wurde zum Abschluss dies: Zwischen SPD und Grünen, zwischen Olaf Scholz und Annalena Baerbock, gibt es deutlich mehr inhaltliche Gemeinsamkeiten als zwischen Baerbock und Armin Laschet, also zwischen Grünen und Union.

Gemeinsame Attacken gegen Laschet

Das zeigte sich auf vielen Feldern. Bei der Sozial- und Steuerpolitik, die nahezu die erste Hälfte von Triell Nr. 3 auf ProSieben, Sat.1 und Kabel Eins füllte, nickten sich Scholz und Baerbock oft gegenseitig zustimmend zu. Und beide attackierten gemeinsam Laschet: Sie rechneten vor, dass die Steuerpläne der Union vor allem die Besserverdienenden entlasten - SPD und Grüne wollen ihnen etwas mehr abverlangen.

Auch beim Mindestlohn klare Fronten: SPD und Grüne wollen ihn durch die Politik auf zwölf Euro erhöhen lassen, Laschet möchte die Entscheidung weiter den Tarifparteien vorbehalten und sprach sich gegen die Anhebung auf zwölf Euro aus.

Baerbock war am offensivsten

Am offensivsten präsentierte sich diesmal die Grüne - forsch ging Baerbock vor allem Laschet an ("Was ist denn mit Ihnen los?"). Beim grünen Kernthema Klima attackierte sie beide Männer in der Runde - die bisherigen GroKo-Vertreter seien da viel zu zurückhaltend, so Baerbock.

Dazu hatte sie diesmal ein einprägsames Beispiel: Wenn ein heute geborener Mensch im Jahr 2100 knapp 80 Jahre alt ist, müsse er einen Anstieg der Meeresspiegel um sieben Meter verkraften, falls nicht entschiedener gegengesteuert werde.

Laschet stand oft allein

Laschet, der Befürworter von Markt-Freiheit: Für diese Rolle wurde er nun oft gemeinsam von Baerbock und Scholz attackiert, stand öfter allein als in den anderen Runden. Nur beim Thema "Durchsuchungsaktion im Finanzministerium" drängten er und Baerbock gemeinsam Scholz zu mehr Transparenz - der Komplex blieb allerdings, anders als vor einer Woche, ein Randaspekt.

Die (natürlich subjektiven) Noten: Baerbock, die Vorkämpferin für Klima und gegen Kinderarmut: das war aus den bisherigen Runden bekannt und verfestigte sich nun. Sie punktete als offensive, gut gerüstete und fundiert argumentierende Verfechterin eines echten Neuanfangs - die allerdings zu wissen scheint, dass es nichts mehr wird mit Platz eins, sondern möglichst starke Partnerin eines Bündnisses mit der SPD werden möchte. Mit einem weiteren Partner - ob Linke oder FDP, das ist durchaus offen.

Scholz agiert bereits als gefühlter Kanzler

Scholz - der auch diesmal bei der ersten Umfrage nach dem Triell klar vorne lag - gab nun schon ganz den Staatsmann, setzte vor allem auf sozialen Ausgleich, wirkte weniger steif und ungerührt als bisher. Er agiert ganz offensichtlich bereits als gefühlter Kanzler für möglichst viele Menschen - angesichts der sich verfestigenden Trends ist das nachvollziehbar, aber auch gewagt.

Laschet hatte zwar die höchsten Rede-Anteile. Aber wirklich punkten konnte er vermutlich nur bei echten Unions-Anhängern. Denn es geht bei solchen Runden auch und nicht zuletzt um Ausstrahlung. Und da liegen unübersehbar Laschets Schwächen: Er tritt für viele Beobachter einfach nicht auf wie ein Kanzler. Und genau das kann ihm in einer Woche zum Verhängnis werden.

Es sieht nach einer Unions-Niederlage aus

Fazit: Es sieht eine Woche vor der Wahl so aus, als würde die Union das Kanzleramt verlieren - es sei denn, alle Demoskopen und Umfragen liegen daneben. Rot und Grün liegt nahe, schwarz-grün scheint weit weg zu sein. Und offen ist die Frage: Wer wäre der aller Voraussicht nach nötige dritte Partner im Falle eines Zusammengehens von Scholz und Baerbock?

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