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Kommentar zum Rassismus-Wirbel: Die Methode Palmer ermüdet

Tübingens OB verwendet oft für sinnvolle Ziele das falsche Mittel - 09.05.2021 16:38 Uhr

Man kann fast die Uhr danach stellen. Alle sechs Monate liefert Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, eine Äußerung, die zunächst seine Partei und dann halb Deutschland hochgradig aufregt. Sofort ist die Nation gespalten in diejenigen, die den Grünen für einen schlimmen Populisten halten - und diejenigen, die seinen Mut bewundern, auch mal Tabuthemen offen anzusprechen.


Nach Rassismus-Vorwurf: Südwest-Grüne wollen Boris Palmer ausschließen


Die Themen wechseln, die Methode bleibt gleich. Palmer spürt ein echtes oder vermeintliches Defizit in der gesellschaftlichen Debatte auf und spitzt die Sache in den sozialen Netzwerken zu. Sei es, dass die Bahn seiner Meinung überwiegend Menschen mit Migrationshintergrund in einer Werbung auftauchen lässt und so ein falsches Bild vermittelt. Sei es, dass er polemisiert, weil mit den Corona-Maßnahmen Hochbetagte gerettet würden, „die in einem halben Jahr sowieso tot wären“.

Nun also verwendet er ein im Netz kursierendes, offensichtlich gefälschtes Zitat des dunkelhäutigen Ex-Fußballers Dennis Aogo und unterstellt diesem, er sei „ein schlimmer Rassist“. Er will das als Ironie verstanden wissen. Er nimmt also wie einst ein Hofnarr die gute Absicht für sich in Anspruch, uns einen Spiegel vorzuhalten.

Keine Sprechverbote

Doch die Methode Palmer ermüdet langsam. Erst einen Aufreger liefern, dann die Äußerung im Nachhinein - vernünftig - einordnen und sich wundern, warum so viele das anstößig fanden. Könnte er nicht einfach von Anfang an klarer sagen, was er will? Zum Beispiel, dass wir alle aufpassen müssen, nicht in eine Cancel-Culture zu geraten, in der es unnötige Sprechverbote gibt. Der Tübinger soll, wird und darf weiter sagen, was er will. Selbstverständlich. Ob ihn die Grünen tatsächlich ausschließen, müssen sie selbst wissen.

Leicht wird es nicht, es wehrhaftes Mitglied loszuwerden, wie die SPD am Fall von Thilo Sarrazin gesehen hat. Im Gegenteil: Man verschafft dem, der gehen soll, erst mal eine unglaubliche Medienpräsenz. Ein unverdächtiger Gewährsmann, weil lange Jahre ein Unterstützer des Tübingers, ist Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Er finde es „unwürdig“, wie der Oberbürgermeister (hoch erfolgreich übrigens in diesem Amt) ständig provoziere und polarisiere, sagte er. Kretschmann weist darauf hin, dass Ironie auch nicht unbedingt als Stilmittel in der Politik geeignet sei.


Cancel Culture: Wer bestimmt, was gesagt werden darf?


Damit hat er wohl recht. Sprachliche Klarheit ist eine bessere Grundlage für die politische Verständigung als Zuspitzungen auf Social Media, die dann am Ende doch nur aus dem Kontext herausgerissen werden. Vielleicht kommen wir alle mal von den Bäumen herunter, die Palmer-Anhänger wie die Palmer-Gegner, und diskutieren in angemessenem Ton miteinander über Cancel-Culture und diverse Gesellschaft. Das wäre doch mal etwas ganz Neues.

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