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Langeoog kämpft mit einer Klage um seine Existenz

Bewohner der Ferieninsel im ostfriesischen Nationalpark Wattenmeer wollen die EU zwingen, mehr gegen den Klimawandel zu tun - 07.08.2018 17:52 Uhr

Frank Thorenz (Mi.) vom Küsten- und Naturschutz erläutert Lisa Badum (re.) das „Strandaufspülen“ zum Schutz der Dünen am rechten Bildrand. © Foto: Lena Knauer


"Besuchen Sie uns, hier ist es herrlich", sagt Michael Recktenwald (53) ins Telefon. Wie wir Franken leiden auch die Insulaner seit Wochen unter der Gluthitze, aber: "Heute Nacht hat es bei uns etwas geregnet, dadurch ist es jetzt etwas kühler als wahrscheinlich bei Ihnen."

Da könnte er recht haben. Wir Franken müssen allerdings auch nicht damit rechnen, in einigen Jahren buchstäblich im Meer abzusaufen. Die Trinkwasserversorgung ist in einigen fränkischen Landstrichen zwar immer mal wieder prekär, wenn es länger nicht geregnet hat. Aber die Situation ist dennoch nicht vergleichbar mit dem Eiland Langeoog im Wattenmeer vor der deutschen Küste: Wenn das einzige Süßwasserreservoir, das sich mitten auf der Insel befindet, mit Salzwasser verunreinigt werden würde, hätten die Langeooger ein echtes Problem.

Der Klimawandel macht dieses Szenario Jahr für Jahr wahrscheinlicher: "Wir haben hier auf der Nordseite keinen Damm, sondern eine natürliche Dünenkette", erklärt Recktenwald. Je mehr und heftigere Stürme die Insel treffen, desto häufiger und stärker werden die Dünen beschädigt: "Wir müssen sie dann immer wieder sichern."

Die Insel Langeoog. Rechts das Wattenmeer, links die Nordsee. Ziemlich genau in der Mitte der Nordküste liegt unter der Oberfläche das Süßwasserreservoir. Werden die Dünen durchbrochen, ist das Trinkwasser in Gefahr. © Foto: Ingo Wagner/dpa


Das heißt zum Beispiel: den Strand "aufspülen". Damit Stürme und Flut nicht die lebenswichtigen Dünen "anknabbern" oder durchbrechen können, muss der Strand, dessen Sand ständig in Bewegung ist, immer wieder neu aufgebaut werden, "weil er nicht immer dort landet, wo wir ihn brauchen können", wie Bürgermeister Uwe Garrels erklärt. Beim Strandaufspülen, einer jahrzehntealten bewährten Technik, wird Sand vom Meeresboden gebaggert und dann von einem Schiff durch ein großes Rohr auf den Strand gepresst.

Das geht natürlich nur bei ruhiger See. Stürme an sich sind aber nicht das Problem: "Wir auf der Insel sind Stürme gewohnt", erklärt Michael Recktenwald, "wir können damit umgehen." Was sich wie Routine anhört, birgt aber eine dunkle Seite: "Die Stürme kommen immer früher, letztes Jahr schon Ende August statt erst im Oktober." 2017 ging zudem so viel Regen wie nie auf Langeoog nieder. Es klingt ein wenig paradox, aber auch durch zu viel Nass von oben gerät die Trinkwasserversorgung in Gefahr, falls es in die Brunnen eindringt.

Aufgrund des bedrohlicher werdenden Klimawandels haben sich Maike und Michael Recktenwald also der Klage gegen die Klimapolitik der EU angeschlossen. "Wir haben nicht die Angst, total abzusaufen wie die Menschen auf den Fidschi-Inseln", so Michael Recktenwald. Er will nicht den Eindruck erwecken, Panik zu verbreiten. Aber es seien eben "viele kleine, schleichende Prozesse" zu beobachten, die auf politischer Ebene zu mehr Anstrengungen führen sollten.

"Die feststellbaren Anstrengungen der Politik in Brüssel beschränken sich doch in der Regel darauf, den Kopf in den Sand zu stecken", kritisiert Recktenwald. Er und seine Frau Maike betreiben das bio-zertifizierte Hotel "Strandeck", außerdem das Panoramalokal "Seekrug". Sie haben keine Langeweile und der Rummel um die Klage gegen die EU muss irgendwie in den normalen Tagesablauf integriert werden.

Doch als sie vom Bürgermeister gefragt wurden, ob sie da nicht mitmachen wollen, sagten die Recktenwalds nach Rücksprache mit ihrem 16-jährigen Sohn rasch zu: "Es geht um die Sicherung der Insel auch als Wirtschaftsstandort und als Zukunft für die nächsten Generationen."

Die Klage eingereicht hat der Bremer Jurist Gerd Winter (75), ehemals Direktor der Forschungsstelle für Europäisches Umweltrecht an der Universität Bremen. Er beruft sich auf die "Grundwerte" der Europäischen Union: "Sie waren bisher vor allem Vehikel des wirtschaftlichen Wachstums", sagt er. Die Grundwerte garantierten aber auch, "dass ein Klima erhalten bleibt, welches Leben, Arbeit und Eigentumsgebrauch ermöglicht". Winter wird von Kollegen aus Hamburg und London unterstützt sowie von Umweltschutzorganisationen wie Germanwatch oder Protect the Planet.

Die aus ihrer Sicht nicht ausreichenden Klimaschutzziele der EU gefährden die Ausübung der Grundrechte auf Leben, Arbeit und Gesundheit. Den Ausstoß an klimaschädlichen Emissionen bis 2030 nur um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken, sei viel zu wenig. Mindestens 50 bis 60 Prozent müssen es sein, sagen die Kläger.

Neben den Recktenwalds auf Langeoog klagen Familien aus Frankreich, Portugal, Rumänien, Portugal, Schweden, Kenia und Fidschi (siehe gelben Kasten).

Alle Kläger fanden sich im Lauf der letzten Jahre im Netzwerk des Bremer Juristen Fischer und ließen sich davon überzeugen, die EU mit einer Klage zu mehr Aktivität in Sachen Klimawandel zu zwingen — oder jedenfalls den Versuch zu unternehmen.

"Die Klimaveränderung ist im Gange", erklärt Bürgermeister Uwe Garrels (parteilos) kategorisch. Nicht, dass man auf Langeoog an einer bestimmten Stelle ein Foto von den Folgen schießen könnte, aber: "Die Summe dessen, was man erkennen kann, macht den Klimawandel sichtbar."

Michael Recktenwald schildert am Mobiltelefon weitere dieser Symptome, während er eigentlich dringend in die Küche des "Seekrugs" zurück muss: "Die Vegetation verändert sich, der Wind dreht verstärkt auf Südwest." Die Graugänse bleiben auf der Insel anstatt weiterzuziehen, und seit einigen Jahren fangen die Nordseefischer immer mehr Doraden, einen Fisch aus dem Mittelmeer. Im "Seekrug" von Michael Recktenwald steht der allerdings nicht auf der Speisekarte.

An diesem Tag hat Recktenwald Besuch von der klimapolitischen Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Lisa Badum aus Forchheim. Sie besichtigt die Maßnahmen des Küstenschutzes ("Das Land Niedersachsen macht da sehr viel") und lässt sich erklären, wie eine Strandaufspülung funktioniert. Die 35-Jährige ist fasziniert davon, wie viele verschiedene Klimazonen es allein in Deutschland gibt, das man ja zu kennen glaubt: "Ich war vor kurzem auf der Zugspitze auf 3000 Metern Höhe und bin jetzt hier auf fünf Metern Höhe: Überall sind die Folgen des Klimawandels zu sehen."

Auf Langeoog, einer "FairTrade-Insel" ohne Autos, hat Umweltpolitikerin Badum "den Eindruck, dass das Bewusstsein für die Klimakrise schon vorhanden ist". Michael Recktenwald bestätigt das. Er erhält "sehr positive Reaktionen", von Einheimischen wie von Gästen: "Die einzige Alternative ist, nichts zu tun", meint er. Aber das komme nicht infrage: "Irgendwann fragen uns dann unsere Enkel: Ihr habt doch davon gewusst — warum habt ihr nichts gemacht?"

Recktenwald wie Garrels sind sich der Rückendeckung der Feriengäste auf Langeoog sicher. Das ist wichtig, denn die kleine Insel hat nur 1800 Einwohner, aber 9500 Gästebetten. Im Juli und August ist "kein Bett mehr frei", sagt Garrels. Dazu kommen 1000 bis manchmal 2500 Tagesgäste. Der Tourismus ist nicht nur Langeoogs wichtigster Wirtschaftszweig, sondern auch sein einziger. Der Umsatz, der damit erwirtschaftet wird, liegt aktuell bei 134 Millionen Euro.

Man kann sich ausmalen, was es für die Insulaner bedeuten würde, wenn eine katastrophale Sturmflut ihr Trinkwasser ungenießbar macht: "Wir haben keine zweite Sicherung", sagt Uwe Garrels, "für uns ist das wirklich existenziell." Eine Rohrleitung durch den Nationalpark Wattenmeer zu bauen, wäre extrem aufwendig und teuer.

Ein steigender Meeresspiegel durch schmelzende Gletscher, gleichzeitig ein immer wärmeres Meer, das mehr Feuchtigkeit an die Luft abgibt, dadurch immer mehr und stärkere Stürme — ein Kreislauf des Schreckens statt rosige Zukunftsaussichten. Garrels: "Wir sind in einer ziemlich kritischen Phase." Deswegen kam ihm die Klage gegen die EU-Klimaziele mehr als recht: "Wir müssen jetzt verhindern, dass eine Veränderung eintritt, die wir nicht mehr kontrollieren können."

Die Klage gegen die EU-Klimapolitik wird getragen von Familien aus Deutschland, Portugal, Frankreich, Italien, Rumänien, Kenia, Fidschi sowie vom Jugendverband Sáminuorra in Schweden.

Die Familie Guyo zum Beispiel wohnt im nördlichen Kenia. 2017 erreichten die Temperaturen im Sommer hier Werte bis zu 40 Grad Celsius. Es war so heiß, dass die fünf Kinder der Guyos nicht zur Schule gehen konnten. Die Hitze macht die Kinder krank, Trinkwasser wird zur Mangelware. Die Familie Carvalho in Portugal besitzt Wälder und betreibt nachhaltige Forstwirtschaft. Trockenheit und Dürre führen hier einerseits zum Waldumbau, andererseits erhöhen sie die Waldbrandgefahr, wovon die Familie auch schon betroffen war.

Michael und Maike Recktenwald: Auch die nächsten Generationen sollen auf Langeoog noch Lebensmittelpunkt und Auskommen haben. © Foto: Germanwatch/dpa


Die Familie Qaloibau auf der Fidschi-Insel Vanua Levu lebt von Landbau, Fischerei und Tourismus. Die Meereserwärmung zerstört die Korallenriffe vor der Küste und damit die Haupt-Touristenattraktion. Die vermehrten Tropenstürme überschwemmen das Ackerland in der fruchtbaren Küstenzone der Insel. Laut Weltklimakonferenz 2017 stieg der Meeresspiegel seit 1993 um die Fidschi-Inseln jährlich um sechs Millimeter. Das sind bis heute 15 Zentimeter. Ein aktueller Vergleich: Weltweit stieg der Meeresspiegel seit 1993 um 7,7 Zentimeter. Der Meeresspiegel steigt seit Tausenden von Jahren an. Doch der Anstieg hat sich messbar seit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert beschleunigt.

Mehr zur Klage: www.peoplesclimatecase.caneurope.org/de

Ulrich Graser Stv. Redaktionsleiter, Nordbayerische Nachrichten für Forchheim und Ebermannstadt E-Mail

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