Lockdown-Studie: Nürnberger IAB sorgt für Verwunderung

20.5.2020, 10:15 Uhr
Erforscht Phänomene auf dem Arbeitsmarkt: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in der Regensburger Straße in Nürnberg.

Erforscht Phänomene auf dem Arbeitsmarkt: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in der Regensburger Straße in Nürnberg. © Susanne Stemmler

Die Erkenntnisse: höchst spannend. Die Autoren: zumindest ungewöhnlich. Die entscheidenden Faktoren bei der Eindämmung der Corona-Pandemie seien die Schul- und Kita-Schließungen gewesen, der Lockdown für den Einzelhandel oder das Gastgewerbe hätte dagegen kaum zur Abflachung der Infektionszahlen beigetragen – das zeigt eine neue Studie. Herausgefunden haben das aber keine Virologen, sondern zwei Arbeitsmarktforscher.

Das sorgt durchaus für Verwunderung. Hat sich das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), für das die beiden Wissenschaftler arbeiten, hier auf das derzeit verminte – weil kontrovers diskutierte – Terrain der Virologen gewagt? Und das ausgerechnet in einer Zeit der ohnehin aufgeheizten gesellschaftlichen Debatte über Für und Wider der Freiheitseinschränkungen im Kampf gegen Corona?

"Wir maßen uns keine virologische Analyse an"

Nein, betont Enzo Weber, der die Studie gemeinsam mit Tobias Hartl verfasst hat. Er könne die Kritik zwar in Teilen nachvollziehen, sagt der IAB-Forschungsbereichsleiter und Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Regensburg. Er betont jedoch: "Wir maßen uns keine virologische Analyse an, sondern hier geht es um empirische Datenanalyse." Aufgegriffen hätte das IAB das Thema, "weil der Erfolg der Lockdown-Maßnahmen und der Verlauf der Epidemie entscheidende Folgen für Wirtschaft und Arbeitsmarkt haben."

Das ist allerdings erst der zweite Schritt. In ihrer Studie befassen sich Weber und Hartl allein mit der Frage, wie stark einzelne Maßnahmen zur Abflachung der Infektionszahlen beigetragen haben. Zunutze machen sie sich dabei, dass Schritte wie die Schul-Schließungen von den Bundesländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Kraft gesetzt wurden – damit lässt sich ihre Wirkung besser analysieren und abschätzen.

Die IAB-Experten setzen dafür die Zeitpunkte des Inkrafttretens der Maßnahmen in Bezug zu den Infektionszahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Und kommen zu dem Schluss: Die Schul- und Kita-Schließungen hätten die Wachstumsrate der Infektionen um knapp acht Prozentpunkte verringert, die Ausgangsbeschränkungen um fünf Punkte sowie das Aus für den Profi- und Breitensport 3,4 Punkte. Für die Schließungen in den Bereichen Einzelhandel und Gastgewerbe hätten sich dagegen kaum Wirkungen gezeigt. Damit stiegen die Chancen, dass die jüngsten Lockerungen glimpflich abgehen.

Daten "nicht perfekt"

Die zugrunde liegenden Daten des RKI sind "sicherlich nicht perfekt", räumt Weber ein. "Wir haben versucht, Unschärfen methodisch aufzufangen." Empirische Analysen hätten aber "immer ihre Unsicherheiten". Weber legt deshalb Wert darauf, dass es sich lediglich um die Ergebnisse einer einzigen Studie handle. "Wie bei jedem Thema ist eine fortlaufende wissenschaftliche Diskussion der Ergebnisse notwendig."

Die IAB-Forscher sind bereits dabei, die nächste Untersuchung fertigzustellen – sie geht der Frage nach, wie sich die Corona-Maßnahmen auf die Wirtschaft auswirken. Eine Fragestellung, bei der das Nürnberger Arbeitsmarkt-Institut dann tatsächlich über jeden Zweifel an der fachlichen Zuständigkeit sein dürfte.

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