Interview mit Wissenschaftler

"Mangelhafte Modellierung": Epidemiologe kritisiert neue Stiko-Empfehlung für Kinder

20.8.2021, 17:00 Uhr
Seit kurzem empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko)  eine Corona-Impfung für Heranwachsende von 12 bis 17 Jahren.

Seit kurzem empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko)  eine Corona-Impfung für Heranwachsende von 12 bis 17 Jahren. © Raul Mee/AP/dpa

Herr Brinks, Sie kritisieren den Sinneswandel der Stiko in Sachen Kinderimpfung. Worauf bezieht sich Ihre Hauptkritik?

Ralph Brinks: Was mich zunächst einmal stutzig gemacht hat, ist, dass die Stiko unter anderem eine Modellierung als Begründung für ihren Sinneswandel heranzieht. Vom Grad der Erkenntnis her ist so ein Modell viel schwächer als eine durchgeführte Studie. Normalerweise ist es Usus bei der Stiko, sich auf publizierte Daten, Studien oder Register zu berufen. Nach meinem Wissen ist es nun zum ersten Mal geschehen, dass man eine Empfehlung auf Modellierungen stützt.

Ralph Brinks hat seit Beginn des Jahres den Lehrstuhl für Medizinische Biometrie und Epidemiologie an der Fakultät für Gesundheit in Witten/Herdecke inne.

Ralph Brinks hat seit Beginn des Jahres den Lehrstuhl für Medizinische Biometrie und Epidemiologie an der Fakultät für Gesundheit in Witten/Herdecke inne. © Privat

Sie sind selbst Modellierer, zeichnen Prognosen für chronische Erkrankungen. Warum schätzen Sie deren Aussagekraft als "schwach" ein?

Brinks: Die Frage, die man sich stellen muss, ist: Wie gut ist diese Modellierung? Die Technik, die für das hier angewandte Modell genutzt wurde, ist schon mehr als 20 Jahre alt. Das heißt, wir wissen seit mindestens zwei Jahrzehnten, worauf bei diesem Modell zu achten ist. Es gibt Checklisten, die abgehakt werden müssen. Wie Gütekriterien beim TÜV. Diese 20 Jahre alten Qualitätssicherungs-Werkzeuge sind in dem Modell aber ignoriert worden.

Inwiefern ignoriert?

Brinks: Ein Modell besteht aus mathematischen Gleichungen, die mit Werten gefüttert werden. Man nimmt beispielsweise einen bestimmten Impfeffekt an. Der Impfeffekt für Moderna ist ein anderer als bei Astra-Zeneca und so weiter. Dieses Daten kommen aus Studien und haben natürlich bestimmte Unsicherheiten. Eine modellierte Effektivität von 90 Prozent könnte in Wirklichkeit beispielsweise auch 85 oder 95 Prozent sein. Wir haben viele von solchen Eingangswerten, die alle gewisse Unsicherheiten haben. Normalerweise müsste man diese Unsicherheiten alle kombinieren. Genau das ist aber nicht gemacht worden, ganz einfach, weil sich die Unsicherheiten in den Eingangsdaten zu riesigen Unsicherheiten in den Endergebnissen “aufgeschaukelt” hätten - so riesig, dass die Endergebnisse überhaupt nicht mehr interpretierbar wären.

Wenn ich mehrere Fehlerquellen habe, "explodieren" gewissermaßen die Fehler, was dazu führt, dass das Resultat komplett verwässert wird und wir überhaupt keine Schlussfolgerungen mehr aus dem Modell machen können. So kann man meiner Einschätzung nach nicht zu einer adäquaten Einschätzung des Risiko-Nutzen-Verhältnis der Kinderimpfung gegen Corona kommen.

Aber werden derartige Arbeiten nicht in Journals publiziert und können dann von anderen Wissenschaftlern begutachtet werden?

Brinks: Normalerweise ist das so. In diesem Fall wurde aber nur im Epidemiologischen Bulletin, dem Hausjournal des RKI selbst, veröffentlicht. Das heißt, es gab für andere Wissenschaftler keine Möglichkeit, einen Kommentar abzugeben. Ich habe einen Autoren des Modells persönlich kontaktiert und dieses Problem angesprochen. Er hat mir gegenüber zugegeben, dass das Problem mit den Fehlern tatsächlich besteht.


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Das heißt, die geänderte Stiko-Empfehlung beruht alleine auf einem fehleranfälligen Prognose-Modell?

Brinks: Nein. Auch Erkenntnisse aus US-Studien sind beispielsweise in die Begründung der Stiko-Änderung mit eingeflossen. Allerdings stellt sich mir hier die Frage, inwieweit man die US-Daten auf Deutschland übertragen kann. In den USA haben wir ein viel größeres Problem mit Adipositas bei Kindern und Jugendlichen. Das ist in Deutschland zum Glück nicht so schlimm. Wir wissen, dass Adipositas ein starker Risikofaktor für schwere Verläufe ist, und insbesondere für Todesfälle.

"Keine stabile Grundlage"

Worin liegen ihrer Meinung nach die Gründe für diese Fehler?

Brinks: Eine richtig gute Modellierung ist zeitaufwendig und man braucht Manpower. Man hat sich das möglicherweise gespart, weil man schnell einen Beitrag leisten wollte. Das ist Zeit-und-Ressourcenmangel, keine Böswilligkeit der Forscher, sondern aus der Notwendigkeit heraus entstanden, dass schnell publiziert werden sollte. Die Politik verlangte nach schnellen Ratschlägen und da war man meiner Einschätzung nach weniger sorgfältig. Das, was da gemacht wurde, darf man eigentlich so nicht machen. Das ist keine stabile Grundlage für eine derart weitreichende Entscheidung.