Fokus auf Hospitalisierungsrate

Mediziner aus der Region begrüßen Abkehr vom Inzidenzwert

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Anne Kleinmann

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25.8.2021, 05:55 Uhr
Aktuell liegen nur wenige schwer erkrankte Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen, doch das kann sich schnell wieder ändern.

Aktuell liegen nur wenige schwer erkrankte Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen, doch das kann sich schnell wieder ändern. © Robert Michael/dpa

Lange waren die Inzidenzwerte die einzigen Kennzahlen, an denen sich Bund und Länder für ihre Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie orientierten. Das soll sich nun aber ändern. Schon bald soll die 50er-Inzidenz als Kennzahl aus dem Infektionsschutzgesetz gestrichen werden.

Stattdessen will der Bund die Zahl der Krankenhausaufnahmen wegen Covid-19 heranziehen, hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angekündigt, ohne dabei aber auf Details der sogenannten Hospitalisierungsrate einzugehen.

Positive Reaktionen von hiesigen Kliniken

In den hiesigen Kliniken kommt der Vorschlag an sich gut an: Die Berücksichtigung zusätzlicher Parameter sei durchaus eine sinnvolle Erweiterung des Blicks auf das Infektionsgeschehen, vor allem vor dem Hintergrund der Impfquote, erklärt Nicola Westenthanner, Medizinische Direktorin der operativen Bereiche am Klinikum Fürth. Die Hospitalisierungsquote sei ein wichtiger Warnwert für die Behandlungskapazitäten, weswegen "eine Abstufung beziehungsweise ein Ampelsystem ist hier sicher sinnvoll". Aktuell werden in Fürth vier Personen wegen Covid-19 behandelt, davon drei auf Intensivstationen.

Ähnlich äußert sich der Oberarzt und Leiter der Abteilung interdisziplinäre Intensivmedizin am Klinikum Nürnberg Süd, Stefan John: Da es aufgrund des Impfschutzes und der Tatsache, dass jetzt vor allem Jüngere erkranken, möglicherweise zu weniger schweren Krankheitsverläufen und damit einer weniger hohen Auslastung der Kliniken komme, seien zusätzliche Faktoren wichtig. Um die Hospitalisierungsrate aussagekräftig zu machen, seien sowohl die Zahlen der stationär aufgenommenen Patienten entscheidend als auch die der Patienten auf den Intensivstationen. Letztere seien wegen nachzuholender Eingriffe und Mangel an Pflegepersonal stark ausgelastet.

Inzidenz wichtiger Frühindikator

Ganz auf die Inzidenz als Richtwert zu verzichten, rät der Oberarzt aber nicht: "Die Inzidenz bleibt ein wichtiger Frühindikator, da gerade durch die noch immer sehr hohe Zahl nicht Geimpfter auch weiterhin mit vielen sehr schweren Verläufen zu rechnen ist." Am Klinikum Nürnberg - also Süd und Nord - werden aktuell 26 Patientinnen und Patienten mit Covid-19 behandelt, davon sechs auf der Intensivstation.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft sieht sich durch die Pläne der Politik bestätigt: "Schon seit geraumer Zeit fordern wir, dass neben der Inzidenz andere Indikatoren wie die Hospitalisierung, aber auch die Impfquote berücksichtigt werden", so der Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß. Durch die Impfungen sei ein Großteil der Bevölkerung geschützt, die Inzidenzerkenntnisse aus der Vergangenheit beschrieben die aktuelle und künftige Lage nicht mehr ausreichend.

Wie genau die Hospitalisierungsquote berechnet wird, steht bislang allerdings nicht fest: Spahn sagte der Welt, man wolle Erfahrungswerte über die Belastung der Kliniken im vergangenen Winter heranziehen und gemeinsam mit den Ländern schauen, was die richtigen Kennziffern für weiteres Handeln seien.