Meldeverzug: Wie sehr verzerrt er den Inzidenzwert?

Janina Lionello
Janina Lionello

nordbayern.de

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23.4.2021, 09:19 Uhr
Auf dem RKI-Dashboard werden Fälle, zu denen ein Erkrankungsdatum (nach-)gemeldet wird, in blau angezeigt. Für die Stadt Nürnberg wurde allerdings am 26. Oktober das letzte Mal ein Erkrankungsdatum gemeldet.

Auf dem RKI-Dashboard werden Fälle, zu denen ein Erkrankungsdatum (nach-)gemeldet wird, in blau angezeigt. Für die Stadt Nürnberg wurde allerdings am 26. Oktober das letzte Mal ein Erkrankungsdatum gemeldet.

100, 200 oder sogar noch höher: Die Ziffern, die auf dem RKI-Dashboard in fettem Weiß neben den Landkreisen prangen, sind zu Schicksalszahlen für Deutschlands Bürger geworden. Sie entscheiden darüber, ob Läden öffnen, Kinder zur Schule gehen oder Menschen nachts ihre Häuser verlassen dürfen.

Doch wie exakt bildet dieser Wert das Infektionsgeschehen in der Epidemie tatsächlich ab? Leser Hendrik Pötzschke hat sich an unser Medienhaus gewandt und behauptet: Nur sehr verzerrt. Der Informatiker lädt regelmäßig Videos auf Youtube hoch, in denen er die Rohdaten, die das Robert Koch-Institut (RKI) in für Laien sehr unübersichtlichen Excel-Listen bereitstellt, analysiert.

Zahlreiche Zuschauer sehen seine Videos, in denen er zeigen will, dass die Zahlen, die das Bundesamt für die Berechnung des 7-Tage-Inzidenzwertes zugrunde legt, viel zu hoch sind. Wir haben uns seine Berechnungen genauer angesehen und einen Experten um einen Faktencheck gebeten.


Corona in Bayern: So hoch ist die aktuelle Inzidenz


Zunächst einmal muss man wissen: Die Balken auf dem Diagramm, die auf dem RKI-Dashboard aneinandergereiht die charakteristische Wellenform ergeben, sind aus einem blauen und einem gelben Teil zusammengesetzt. Der gelbe Abschnitt symbolisiert dabei die Fälle, die zu dem entsprechenden Datum gemeldet wurden. Im blauen sind die Meldungen enthalten, bei denen zusätzlich Krankheitssymptome angegeben wurden; hier bezieht sich das Datum auf den ersten Tag mit Symptomen, den Erkrankungsbeginn. Diese Fälle sind durchaus von Bedeutung, denn aus ihnen wird der für die Einschätzung der Infektionsdynamik wichtige R-Wert errechnet.

Auch symptomlose Fälle werden erfasst

Dass symptomlose Fälle überhaupt erfasst werden, stellt einen Unterschied zur Praxis bei anderen meldepflichtigen Infektionskrankheiten dar (Ausnahme: Infektionen mit dem HI-Virus). Normalerweise muss mindestens ein klinisches Symptom vorliegen, damit ein Fall überhaupt vom RKI erfasst wird - also beispielsweise bei Infektionen mit dem Norovirus oder Masern.

Da positive Testergebnisse und Krankheitssymptome getrennt voneinander übermittelt werden, liegt das Datum von Meldung und Erkrankung häufig mehrere Tage auseinander, ab und zu kommt es sogar zu größeren Abweichungen.

Beispielsweise, so führt Pötzschke in seinen Videos vor, sind im 7-Tage-Inzidenzwert vom 15. April noch Erkrankungen aus dem März 2020 enthalten. Außerdem einige Fälle aus dem November und Dezember vergangenen Jahres sowie mehrere aus Januar, Februar und März. Berechnet man die Inzidenz lediglich aus den Fällen, deren Erkrankungsdatum auch wirklich in den letzten sieben Tagen liegt, kommt er damit beispielsweise auf eine Inzidenz von 120 statt 160.

Doch stimmen Pötzschkes Berechnungen überhaupt? Und wie relevant sind die alten Fälle wirklich? Wir haben den Wirtschaftsgeographen Thomas Wieland von der Uni Karlsruhe um eine Einordnung der Videos gebeten.

Wieland hat während der ersten Welle zwei Studien zu Corona-Daten publiziert und lädt regelmäßig die Excel-Listen des RKI herunter, um sie zu analysieren und sich mit anderen Wissenschaftlern auf Twitter darüber auszutauschen.

Sein Urteil: Pötzschke hat in einer Sache durchaus Recht. Immer wieder landen extrem alte Erkrankungsfälle in der aktuellen Inzidenz, und es gibt auch immer mal offensichtliche Datenfehler sowie Korrekturen früherer Fallmeldungen. Allerdings machen gerade diese Fälle - so prägnant sie in der Außenwirkung auch sein mögen - in seinen Augen nur einen geringen Anteil des Verzugs aus. Der durchschnittliche Meldeverzug beträgt in den vergangenen Wochen und Monaten etwa 10-12 Tage. Erst nach dieser Zeit wird der Großteil der symptomatischen Fälle auch wirklich nachgemeldet.

Inzidenz bildet Infektionsgeschehen nicht akkurat ab

Das heißt im Klartext: Pötzschke hat Recht, wenn er sagt, dass die Inzidenz das Infektionsgeschehen der sieben Tage nicht akkurat abbildet. Daraus aber zu schlussfolgern, dass die tatsächliche Inzidenz automatisch niedriger wäre, ist ebenfalls falsch. Theoretisch wäre es auch möglich, dass der reale Wert durch eine Vielzahl an Nachmeldungen sogar höher wäre.

"Neben der häufig veränderten Teststrategie", sagt Wieland, "ist der Meldeverzug einer der Gründe, warum die 7-Tage-Inzidenz von zahlreichen Fachleuten als nicht zielführender Parameter gesehen wird."

Wie viele andere Wissenschaftler schlägt auch er deshalb eine Orientierung an der Zahl der Neuaufnahmen in den Kliniken vor. "Es heißt immer, diese Zahl würde das Infektionsgeschehen nur zeitverzögert wiedergeben. Allerdings entspricht der Meldeverzug ziemlich genau der durchschnittlichen Zeit von der Infektion bis zur Hospitalisierung."

Wieland hat dazu einen Twitter-Post veröffentlicht, in dem er veranschaulicht, wie sich die Verzüge in den meisten Fällen zusammensetzen: Zum einen muss die Zeit zwischen Infektion und Symptombeginn beachtet werden, also die Inkubationszeit. Sie beträgt im Mittel 5-6 Tage. Dann dauert es nochmals einige Tage, bis das lokale Gesundheitsamt die Fälle dem Landesgesundheitsamt meldet und dieses sie dann ans RKI sendet. Alles in allem vergehen im Schnitt 10-12 Tage, bis ein Mensch nach einer Infektion in der Meldeinzidenz auftaucht. Darin enthalten sind Ausreißer in beide Richtungen.

Personalmangel, alte Software, Faxprobleme

Doch wie kann es sein, dass die Behörden bei einem Wert, an den derart wichtige politische Entscheidungen geknüpft sind, und der nun sogar ins neue Infektionsschutzgesetz aufgenommen wurde, oft nachhinken? In Pötzschkes Videos wird deutlich: Er wittert Vorsatz dahinter. Wieland, der beruflich häufig mit amtlichen Daten aus verschiedenen Bereichen zu tun hat, sagt hingegen: “Meiner Erfahrung nach liegt so etwas fast immer an Personalmangel, veralterter und nicht standardisierter Software oder Faxproblemen."

Wir fragen bei den zuständigen Behörden nach. Das RKI antwortet allerdings lediglich mit Textpassagen aus seinem FAQ-Bereich. Darin heißt es: "Der Meldeverzug ist meist gering. Der weitaus größte Teil der Fälle, die das Gesundheitsamt erfasst hat, gelangt über die Landstelle am gleichen oder am nächsten Tag zum RKI". Das LGL gesteht Übermittlungsverzüge in "seltenen Einzelfällen" ein, "zum Beispiel aus technischen Gründen (Umstellung auf neue Software o.ä.)." Diese würden aber stets zeitnah behoben.

Keine Erkrankungsmeldungen in Nürnberg

Doch es gibt noch eine weitere Auffälligkeit auf dem RKI-Dashboard, auf die unser Leser uns hinweist: Anders als bei anderen Landkreisen und Städten sind in der Grafik, die die Fälle der Stadt Nürnberg erfasst, sämtliche Balken bereits seit Oktober komplett gelb eingefärbt - ein Erkrankungsdatum wurde nicht mehr gemeldet. Dass seitdem keine Menschen mehr an Covid19 erkrankt sein sollen, kann allerdings nicht sein.

Auf Nachfrage verweist das LGL auf die Nürnberger Behörde: "Im vorliegenden Fall ist es den uns vorliegenden Informationen nach so, dass die entsprechenden Daten seitens des Gesundheitsamtes nicht übermittelt wurden", heißt es in einer E-Mail-Antwort des Landesamts. Nürnbergs Gesundheitsreferentin Britta Walthelm begründet die fehlenden Krankheitsdaten mit einem zu hohen Aufwand: "Wir übermitteln an das LGL nur nach Meldedatum, weil der Aufwand bei jedem Datensatz in der Datenbank nachzusehen und den Krankheitsbeginn zu ermitteln sehr hoch ist. Für die Berechnung der Sieben-Tage-Inzidenz ist das Meldedatum maßgeblich."