"Haben das Ganze verschlafen" 

Messerattacke von Würzburg: Hätte der tödliche Angriff verhindert werden können?

27.6.2021, 17:40 Uhr
In diesem Kaufhaus verloren drei Menschen ihr Leben. 

In diesem Kaufhaus verloren drei Menschen ihr Leben.  © Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Es sind bisher nur Hinweise, Indizien, die klären könnten, was Abdirahman J. antrieb. Wahllos und scheinbar im Rausch stach er am Freitagabend in Würzburg auf jeden ein, der ihm auf seinem Weg durch die Innenstadt in die Quere kam. Eine Blutspur zog sich durch die Straßen, von einem Kaufhaus, in dem drei Menschen ihr Leben verloren, bis zu einer Sparkassen-Filiale in der Oberthürstraße, wo Dutzende Passanten den mutmaßlichen Täter in die Flucht schlugen.

Was ist der Grund für die Gewalttat? Bereits in den Stunden nach dem Amoklauf wurde bekannt, dass der 24-Jährige mehrfach in psychiatrischer Behandlung war. Einmal, nachdem er im Januar bei einem Streit mit Mitbewohnern und Verwaltern in einer Obdachlosenunterkunft, in der er zuletzt gelebt hatte, aggressiv geworden war und zu einem Küchenmesser gegriffen hatte. Ein zweites Mal, nachdem er im Juni eine Straße in Würzburg blockiert hatte und zu einem völlig Fremden ins Auto stieg.

Hassbotschaften und IS-Material gefunden

In einem Obdachlosenheim fanden Ermittler das Handy des gebürtigen Somaliers. Dort, westlich des Mains, weit entfernt von der Altstadt, lebte der Mann zuletzt. Auf Schriften seien Hassbotschaften und Propagandamaterial der Terrororganisation IS gefunden worden, berichten mehrere Medien übereinstimmend. Die Polizei bestätigt das nur vage. Die Ermittler sprechen von belastendem Material, das jetzt erst einmal übersetzt werden müsse. War die Messerattacke von Würzburg islamistisch motiviert?

Indizien dafür gibt es, deswegen schließt die Polizei einen religiösen Hintergrund ausdrücklich nicht aus. "Das, was gefunden wurde, muss jetzt ausgewertet werden", sagt Innenminister Joachim Herrmann. Der CSU-Politiker bestätigt auch, dass inzwischen mehrere Zeugen gehört haben wollen, wie Abdirahman J. "Allahu Akbar" rief. Zudem habe der 24-Jährige immer wieder vom "Dschihad", also dem vermeintlich Heiligen Krieg der Weltreligionen, gesprochen. Bewerten will das Herrmann nicht, der Innenminister sagt nur: "Dem muss nachgegangen werden."

"Amoklage" oder ein Terroranschlag?

Menschen, die den jungen Mann kannten, zeichnen das Bild einer labilen Persönlichkeit. "Der Typ ist total unnormal", zitiert das Magazin Focus etwa einen früheren Nachbarn, der an einer Bushaltestelle Bekanntschaft mit Abdirahman J. machte. Er habe nur "totalen Schwachsinn" erzählt, "Sachen wie 'Der russische Präsident verfolgt mich' oder 'Die Deutschen wollen mich töten', völlig krankes Zeug". In der Gegend rund um die Obdachlosenunterkunft habe jeder gewusst, "dass er total durchgeknallt ist". Es passt ins Bild, dass er bei der Attacke am Freitag in Würzburg keine Schuhe, dafür aber eine FFP2-Maske trug.

War der junge Mann radikalisierter Islamist, psychisch verwirrt - oder beides? Genau das wollen die Ermittler in den kommenden Tagen klären. Inzwischen hat das bayerische Landeskriminalamt den Fall übernommen - weil es sich um eine "Amoklage" gehandelt habe, wie Würzburgs leitender Oberstaatsanwalt Frank Gosselke am Samstag bei einer Pressekonferenz sagte.

"Nicht der erste Fall, in dem sich Wahn und Ideologie bestärken"

Fakt ist: Das, was bisher über den mutmaßlichen Täter bekannt ist, passt ins Bild. "Es stimmt mit dem Typus psychisch erkrankter Täter, die auf islamistische Rechtfertigungen ihrer Taten zurückgreifen, überein", sagt etwa die Psychotherapeutin Kerstin Sischka. Die Biografie des Somaliers klinge wie eine Geschichte des Scheiterns, des inneren Konfliktes und des Zusammenbruches. Eine Mischung, die sich womöglich am Freitag in Würzburg entlud. Die Corona-Pandemie könnte die psychischen Probleme des 24-Jährigen verschärft haben. "Wahrscheinlich ist er über die Zeit hinweg in Deutschland kränker geworden, und es ist ihm nicht mehr gelungen, sich wieder zu stabilisieren."

Auch Ahmad Mansour, Psychologe und Islamismus-Experte, hält ein Zusammenspiel von psychischer Labilität und Radikalisierung für wahrscheinlich. "Es ist nicht der erste Fall, in dem sich Wahn und Ideologie gegenseitig bestärken", sagt er. Man habe es vielmehr mit "einer neuen Art von Terror zu tun" - die Täter seien nicht unbedingt in Gruppenstrukturen eingebunden, sondern handelten isoliert. "Der ganze Sicherheitsapparat achtet auf andere Faktoren als bei diesen Einzeltätern." Das sieht auch der Terrorismusexperte Peter Neumann so.

Paranoide Ängste mischten sich womöglich mit Wut und Hass, IS-Schriften fielen auf fruchtbaren Boden, erklärt Psychotherapeutin Kerstin Sischka, die sich intensiv mit Radikalisierungsprävention auseinandersetzt.. "Es könnte sein, dass er innerlich begonnen hatte, nach Halt im islamistischen Narrativ zu suchen, auch um den narzisstischen Zusammenbruch abzuwehren". Vereinfacht gesagt: Durch "seinen Dschihad" könnte sich der Täter stabilisiert haben. "Er konnte sich legitimiert fühlen, wehrte die Erkenntnis ab, dass er nicht nur sozial, sondern auch moralisch gescheitert ist."

Opfer waren vor allem Frauen

Ein weiteres Puzzleteil: Fast alle Opfer der Messerattacke waren Frauen. Ein Ausdruck eines islamistisch geprägten Weltbildes? Nicht unbedingt, sagt Sischka – womöglich sind Frauen aber ein persönliches Lebensthema des Täters. "Dem sollte man nachgehen."

Die Geschichte des Somaliers ist geprägt von zahlreichen Einschnitten. Im Mai 2015 kam er nach Deutschland, nachdem er sein Heimatland, das seit vielen Jahren von bewaffneten Konflikten, Dürre und Hunger gezeichnet ist, verlassen hatte. Er wurde in Chemnitz aufgenommen, verbrachte dann einige Zeit in Düsseldorf, um wieder zurück nach Chemnitz zu kehren. Seit dem 4. September 2019 lebt er in Würzburg, zuletzt in einer Obdachlosenunterkunft. Im Rahmen seines Asylverfahrens genießt er subsidiären Schutz, hält sich also legal in der Bundesrepublik auf, sagte Unterfrankens Polizeipräsident Gerhard Kallert bei einer Pressekonferenz am Samstag.

Was im Nachhinein tragisch wirkt, ist die Tatsache, dass gegen den mutmaßlichen Täter seit dem Streit im Obdachlosenheim im Januar ein Ermittlungsverfahren wegen Bedrohung und Beleidigung läuft - auch ein psychiatrisches Gutachten wurde dafür in Auftrag gegeben. Zudem wurde der 24-Jährige erst im Juni, also wenige Wochen vor der Tat, in die Psychiatrie eingewiesen - allerdings nur für einen Tag, danach wurde er entlassen. Offenbar gab es keine Hinweise auf akute Selbst- oder Fremdgefährdung.

"Wir haben das Ganze verschlafen"

"Im Nachhinein wissen wir, dass das eine Fehlinterpretation war", sagt Ahmad Mansour. Trotzdem hält er psychiatrische Einrichtungen für die richtigen Anlaufstellen. Allerdings mit Einschränkung - sie seien seit Jahren überfordert, während der Pandemie habe sich das Problem noch verschärft. "Das ist ein Rein und Raus, man schickt die Leute danach zur Psychotherapie, oft finden sie aber keinen Platz." Therapieangebote sind in Deutschland Mangelware, auch für psychisch schwer Kranke.

"Wir haben das Ganze verschlafen", konstatiert Mansour. Gerade in Bezug auf Geflüchtete mit psychischen Problemen und eventuellen Radikalisierungstendenzen gäbe es viel zu wenig Betreuungsangebote. Es brauche Islamismus-Experten und Fachkräfte mit Fremdsprachenkenntnissen. Nur dann können Fälle wie der von Abdirahman J. frühzeitig erkannt und begleitet werden. "Man muss anfangen nachzudenken, wie die Zukunft des Terrors aussieht."

Abdirahman J. sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Ihm wird dreifacher Mord, versuchter Mord und gefährliche Körperverletzung in sechs weiteren Fällen sowie eine vorsätzliche Körperverletzung vorgeworfen.