Oktoberfest-Attentat vor 40 Jahren: Die Fragen bleiben

26.9.2020, 11:03 Uhr

Es ist 22.19 Uhr, das Treiben auf der Wiesn strebt seinem Höhepunkt entgegen, als am 26. September 1980 die Bombe detoniert. Noch in weit entfernten Zelten und über die lautstarke Blasmusik dröhnt ihr Widerhall hinweg. Es dauert allerdings, bis die fröhlich Feiernden verstehen, was eben geschehen ist.

Gleich neben dem Eingang zur Wirtsbudenstraße hat der Sprengsatz seine verheerende Wirkung entfaltet. Sieben Menschen sind tot, mehr als 220 verletzt. Die Splitter der Bombe haben sie durchsiebt, die Wucht der Explosion haben einigen die Gliedmaßen zertrümmert oder abgerissen. 68 Schwer- und Schwerstverletzte zählen die Mediziner in der Nacht. Fünf von ihnen werden die folgenden Tage nicht überleben. Es ist ein Anschlag; es ist der schwerste, den die Republik in ihrer Nachkriegsgeschichte bis dahin erleben musste, und seitdem nie mehr erlebt hat.

In der Nähe der Detonationsstelle finden die Ermittler den Ausweis von Gundolf Köhler, einem 21-jährigen Studenten aus Donaueschingen. Zeugen haben ihn kurz zuvor an jenem Papierkorb gesehen, der im Zentrum der Explosion war. Köhler taucht in den einschlägigen Dateien der Verfassungsschützer als Rechtsextremist auf; er war bei der fränkischen Wehrsportgruppe Hoffmann, er war bei der Wiking-Jugend, er hatte Kontakt zu Rechtsextremisten. Doch was folgt, ist kein Ruhmesblatt für die Behörden, bis heute nicht.


Oktoberfest-Attentat: Bombenleger wollte faschistische Diktatur


Erst jetzt gibt es Hilfen für Opfer

Viele der Überlebenden quälen sich durch eine harte Zeit. Sie müssen Amputationen verkraften, Behinderungen, chronische Schmerzen, zahllose Operationen über sich ergehen lassen. Zu den körperlichen Folgen kommen die psychischen. Überlebende hadern, warum sie davongekommen sind, andere nicht. So wie Robert Höckmayr, damals zwölf Jahre alt. Er hat schwer verletzt überlebt. Zwei seiner Geschwister aber sind vor seinen Augen gestorben.

Der Staat, gegen den sich das Attentat gerichtet hatte, zeigt sich selten von seiner hilfreichen Seite. Die Versorgungsämter lehnen immer wieder Gesuche der Überlebenden ab, die um Rollstühle nachfragen, um Spezialschuhe oder auch nur Kuren. Viele müssen sich anhören, sie simulierten. Auch Höckmayrs Eltern haben vergebens um einen Rollstuhl für ihren Sohn gekämpft.

Geld fließt zunächst nur von der Stadt München. Über zwei Jahre hinweg zahlt sie 1,5 Millionen Mark an die Überlebenden aus, 2018 richtet die Stadt einen Fonds für die Opfer ein. Der Bund zahlt – nichts. Sein Fonds für Extremismus- und Terroropfer, aufgelegt 2002, gilt rückwirkend nur bis 1990. Immerhin: Jetzt, 40 Jahre nach dem Anschlag, kündigt Bundesjustizministerin Christine Lamprecht finanzielle Hilfen für die Anschlagsopfer an.

Strauß hatte rechte Gefahr kleingeredet

Letztlich ist das Verhalten der Behörden konsequent. Schon kurz nach dem Anschlag mischte sich die Politik in die Ermittlungen ein. Er habe von ganz oben die Anweisung erhalten, sagt ein damaliger Fahnder, dass Köhler als Einzeltäter betrachtet werden müsse und keine politischen Motive gehabt habe. Die Bundestagswahl stand kurz bevor; CSU-Chef Franz Josef Strauß kandidierte für die Union und kämpfte mit allen Mitteln gegen Amtsinhaber Helmut Schmidt.

Strauß hatte die rechte Gefahr im Land kleingeredet. In der Wehrsportgruppe Hoffmann sah er nur einige wenige "Spinner und Verrückte"; ihr Verbot nannte er unverhältnismäßig, er rechne nicht mit Anschlägen aus der Gruppe heraus. Damit hatte der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef den Ton gesetzt für die weiteren Ermittlungen. Deren Ergebnis, so mutmaßen politische Beobachter, sollten seinen Wahlkampf nicht gefährden. Tatsächlich legten sich die Fahnder früh auf die These vom Einzeltäter fest. Als Motiv nannten sie Beziehungsprobleme Köhlers und Probleme an seiner Ausbildungsstelle. Sie blendeten seine Verbindungen tief in die Neonazi-Szene aus, ebenso seine Kontakte zur Wehrsportgruppe Hoffmann. Weitere Ungereimtheiten bleiben. Weder in seiner Wohnung noch in seinem Auto fanden sie Hinweise auf die Bombe oder den verarbeiteten Sprengstoff.

Rätsel um eine Hand

Die Bombe bestand aus einer englischen Mörsergranate, dem Treibsatz eines Feuerlöschers und heiß geschmolzenem militärischen Sprengstoff. Hinweise auf eine Zündvorrichtung fanden sich nicht. Die Ermittler vermuten, Köhler habe eine Zündschnur verwendet, die Bombe sei zu früh detoniert und habe ihn zerfetzt.

Bis heute halten Fachleute es für wahrscheinlicher, dass Gundolf Köhler mehrere Helfer hatte. Zeugen hatten ihn vor dem Anschlag mit mehreren Männern beobachtet. Ein kleiner Koffer ist verschwunden, den Köhler laut diesen Aussagen bei sich hatte. Rätsel geben bis heute Teile einer Hand auf, die am Tatort gesichert worden war, aber keinem Opfer zugeordnet werden konnte. Auch sie gilt als Hinweis auf einen weiteren Täter. Doch die Behörden schlossen im November 1982 die Akten. Für sie blieb der Mann ein Einzeltäter.

Es dauerte Jahrzehnte bis Hinterbliebene, Verletzte und Anwälte eine Wiederaufnahme des Verfahrens erreichten. Die neuen Ermittlungen stehen allerdings unter keinem guten Stern. Ab Dezember 2014 geht die Sonderkommission zahlreichen Spuren nach, von denen die meisten in die rechtsextreme Szene weisen. Doch viele Fährten sind kalt, andere nicht mehr nachvollziehbar. Vor allem aber können die Ermittler nicht auf die Beweisstücke zurückgreifen, die in die Tausende gehen. Verfeinerte Techniken etwa bei der DNA-Analyse hätten ihnen womöglich geholfen. Doch das Bundeskriminalamt hat die Asservate bereits 1997 vernichtet. Das sei so üblich bei aufgeklärten Fällen, heißt es dort.

Jetzt sind die Akten erneut geschlossen, ohne greifbares Ergebnis. Immerhin aber haben sich die Fahnder diesmal zu einer Erkenntnis durchgerungen: Sie stufen den Anschlag nicht mehr als die Tat eines frustrierten Einzeltäters ein, sondern als rechtsterroristisches Attentat. Für diese Erkenntnis haben sie vier Jahrzehnte gebraucht.

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