Verläufe ähneln sich

Parallel brechende Wellen: Wirkt Österreichs Lockdown auch in Ungarn?

Janina Lionello
Janina Lionello

nordbayern.de

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15.12.2021, 19:03 Uhr
In vielen europäischen Ländern brechen die Coronawellen fast zeitgleich. 

© OWID In vielen europäischen Ländern brechen die Coronawellen fast zeitgleich. 

Österreich, Kroatien, Ungarn: Diese drei Länder versuchen mit sehr unterschiedlichen Strategien, der Corona-Pandemie Herr zu werden. Trotzdem ähnelt sich der Verlauf ihrer Infektionswellen, teilweise erreichten diese fast zeitgleich ihren Höhepunkt, bevor sie wieder abfielen.

Und das, obwohl Österreich lange mit strengen Lockdowns und 2G-Regelungen operierte, während Ungarn Geschäfte und Gastronomiebetriebe geöffnet ließ und dort auch kulturelle Veranstaltungen stattfinden durften. Auch Kroatien setzte auf sehr viel laxere Maßnahmen als Österreich.

Die Kurven von Lettland und Estland sowie Tschechien und der Slowakei ähneln sich ebenfalls trotz unterschiedlicher Regelungen und vor ein paar Monaten verblüffte ein fast deckungsgleicher Kurvenverlauf von Österreich und dessen Nachbarland Schweiz, obwohl die Eidgenossen in der Pandemiebekämpfung nur auf wenige staatliche Vorgaben setzten.

Die Verläufe der Fallzahlen von Estland und Lettland gleichen sich stark, obwohl die Länder ein unterschiedliches Pandemie-Management fahren. Rechts der Stringency Index der beiden Länder, der die Strenge der Lockdown-Maßnahmen abbildet.

Die Verläufe der Fallzahlen von Estland und Lettland gleichen sich stark, obwohl die Länder ein unterschiedliches Pandemie-Management fahren. Rechts der Stringency Index der beiden Länder, der die Strenge der Lockdown-Maßnahmen abbildet. © Our World In Data

Wie wandernde Tiefdruckgebiete

Doch wie ist dieses Phänomen zu erklären? Der Datenwissenschaftler Daniel Haake beschäftigt sich von Beginn an mit Zahlen und Modellen rund um die Pandemie. Er sagt: "Es ist ein typisches Phänomen, das man bei Viruswellen beobachten kann, dass diese wie Tiefdruckgebiete von Region zu Region wandern." Diese in regionalen und saisonalen Clustern auftretenden Wellen, so Haake, würden stets an einem bestimmten Punkt brechen.

"Menschen haben nicht unbegrenzt Kontakte, sondern bewegen sich innerhalb fester Netzwerke. Nach einer gewissen Zeit erschöpfen sich diese Kontakte, so dass eine Sättigung eintritt und die Zahl der Ansteckungen wieder zurückgeht. Da die einzelnen Netzwerke nur über einige Menschen miteinander verbunden sind, schwappen die Wellen von Region zu Region und sind zeitlich etwas versetzt."

Noch eindrücklicher zeigt sich dieses Phänomen im Baltikum, wo die Infektionswellen von Estland und Lettland praktisch identisch verlaufen, obwohl Lettland einen deutlich härteren Kurs fuhr als das Nachbarland.

Wir haben Ralph Brinks, einen der wenigen epidemiologischen Modellierer in Deutschland, nach den möglichen Gründen für dieses Phänomen gefragt. Brinks sagt: "Welchen Einfluss Lockdown-Maßnahmen auf die Verbreitungsdynamik von Viren haben, ist noch viel zu wenig erforscht und verstanden. Bei vielen von ihnen haben wir nur sehr wenig wissenschaftliche Evidenz, ob und wie sie wirken."


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Laut Brinks, der unter anderem an der LMU in München forscht, ist die große Unbekannte hierbei das Ausweichverhalten der Menschen. Wenn beispielsweise in einer Region bestimmte Geschäfte oder Einrichtungen wie zum Beispiel Bars und Restaurants geschlossen würden, heiße das noch lange nicht, dass damit auch wirklich weniger Kontakte stattfänden. "Es ist gut denkbar, dass die Menschen sich stattdessen an anderer Stelle etwa im privaten Bereich begegnen und ein möglicher Effekt dadurch ausgeglichen wird."

Effektive Kontakte sind entscheidend

Und selbst wenn dies der Fall sei - also eine Kontaktreduktion stattfinde - bedeute dies noch nicht, dass dadurch auch Ansteckungen verhindert würden. “Die verbreitete Logik ist ja: Weniger Kontakte machen zwangsläufig weniger Ansteckungen. Aber ist das so? Es wäre denkbar, dass viele Übertragungen durch eben solche Kontakte zustande kommen, die nur wenig durch einen Lockdown beeinflusst werden. Ein Beispiel hierfür wären beengte Wohnverhältnisse oder Superspreader-Konstellationen."

Superspreading ist nach aktueller wissenschaftlicher Erkenntnis der Hauptverbreitungsweg, den SarsCov2 nimmt. Das weit geprägte Bild über die Ansteckungsdynamik - eine Person steckt zwei weitere an, diese beiden wiederum zwei weitere und so weiter, so dass schnell abertausende von Menschen gleichzeitig infiziert werden und sich eine nie endende exponentielle Welle auftürmt - gilt inzwischen als überholt. Im Schnitt knapp 70 Prozent der Infizierten beenden laut aktuellem Wissensstand Infektionsketten, während einzelne Personen viele andere anstecken. Was genau jemanden unter welchen Umständen zum Superspreader macht, ist noch nicht im Detail bekannt.

Wellen sind oft glockenförmig

Ein weiteres Rätsel gibt auch die Form der Verbreitungswellen von Infektionskrankheiten auf: Häufig ist zu beobachten, dass die Kurven glockenförmig-symmetrisch verlaufen. "Farr’s Law" heißt das Gesetz, das dieses Phänomen einst anhand der Verbreitung der Pocken beschrieb. Bis heute gibt es keine eindeutige Erklärung für dieses Phänomen. Denn auch, wenn Politik und Öffentlichkeit häufig nach einfachen Erklärungen suchen und schnell Schlüsse gezogen werden, weil sie plausibel erscheinen mögen: Der Mangel an sicheren Erkenntnissen zieht sich durch das Forschungsgebiet der Epidemiologie wie ein roter Faden.

Brinks sieht in dem Nicht-Eingestehen dieser Tatsache ein großes Problem. "Man könnte offen zugeben, dass man vieles nicht weiß", sagt der Wissenschaftler. Die Situation um Corona sei aktuell derart aufgeladen, dass kaum noch jemand zugeben will, dass vieles erst noch erforscht werden muss. "Ich sage meinen Studierenden immer: Oft sind es gar nicht die Dinge, die wir nicht wissen, die uns Probleme machen. Viele Probleme kommen daher, dass wir uns unser Unwissen nicht eingestehen wollen und deshalb Sachverhalte falsch interpretieren, weil uns etwas plausibel erscheint. Dann wiegen wir uns manchmal in trügerischer Sicherheit."

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