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Rassismus-Debatte: Was hat uns Melchior zu sagen?

Um die Darstellung der Heiligen Drei Könige ist ein vorweihnachtlicher Streit entbrannt - 11.10.2020 14:55 Uhr

Die Figur des Melchior im Ulmer Münster. An ihr hat sich die Debatte entzündet.

07.10.2020 © Sebastian Gollnow/dpa


Die Gesellschaft ist viel sensibler geworden, was rassistische, sexuelle oder fremdenfeindliche Vorurteile und Einstellungen anbelangt. Was vor zehn Jahren als künstlerische Darstellung gerade noch akzeptiert wurde, stößt inzwischen auf Kritik und wird auf seine ideologischen Implikationen hin befragt.


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Dass der Dekan der evangelischen Münstergemeinde in Ulm die Holzfigur des Melchiors aus der Weihnachtskrippe verbannen will, weil sie mit ihren dicken Lippen und der unförmigen Statur rassistische Zügen aufweist, hat eine heftige Debatte ausgelöst: Wird hier aus Gründen der politischen Korrektheit traditionelles Brauchtum zerstört, oder ist die Figur tatsächlich als rassistisch einzustufen?

Melchior steht für den afrikanischen Kontinent

Es gibt natürlich viele Melchior-Figuren im Lauf der Geschichte. Handwerklich gut gestaltete und auch sehr differenziert gemalte Darstellungen. Allerdings lassen sich auch Figuren mit überzogenen, rassistischen Merkmalen finden. In dieser schlecht gemachten Reihe steht wohl der Ulmer-Melchior. Wir wissen nicht, wie die drei Weisen aus dem Morgenland ausgesehen haben. Dazu gibt die Bibel nichts her.


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Allerdings ist es eine wunderbare Geschichte, dass drei Männer, die für die damals bekannten Kontinente Europa, Afrika und Asien stehen, ihren Weg zum Jesuskind finden, weil sie den stark leuchtenden Stern von Bethlehem richtig deuten können. Sie bringen reichlich Geschenke für ein armes Kind mit. Ein Akt der Solidarität für eine Familie, die kein Zuhause, sondern nur eine Unterkunft hat. Von Rassismus ist weit und breit nichts zu sehen.

Die schwarze Hautfarbe ist nur ein Zeichen für die geographische Herkunft. Alle drei Sterndeuter ehren den Sohn des christlichen Gottes. Zu Königen wurden sie im Übrigen erst mit dem Beginn der Legendenbildung im 6. Jahrhundert.

Schwarze werden ausgegrenzt

Man muss hier nicht weiter nach interpretatorischen Zuspitzungen schürfen: Der Melchior in den Weihnachtskrippe verweist jedenfalls nicht auf ein rassistisches Ereignis. Er ist Teil der guten christlichen Tradition, die ihre Botschaft an alle Menschen richtet.

Ob die Ulmer Gemeinde den Melchior tatsächlich verbannen will, sollte sie mit der handwerklichen Ausarbeitung der Figur begründen. Sie könnte stattdessen einen Melchior ausstellen, der keine rassistisch überzogenen Merkmale aufweist. Dass es Forderungen gibt, alle schwarzen Melchiore grundsätzlich zu verbannen und durch andersfarbige zu ersetzen, ist Geschichtsverweigerung und rassistisch, denn ausgegrenzt werden Menschen mit schwarzer Hautfarbe.

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