Renate Schmidt wird 65

12.12.2008, 00:00 Uhr
Eine "Powerfrau" wird 65: Renate Schmidt.

© dpa Eine "Powerfrau" wird 65: Renate Schmidt.

Eigentlich wollte Renate Schmidt schon seit fünf Jahren in Rente sein. Für das Jahr 2003 hatte sie sich den Rückzug ins Privatleben vorgenommen. «42 Berufsjahre auf dem Buckel – das langt«, hieß das Motto dieses Planes. So kündigte es die SPD-Politikerin zumindest 1999 an. Und ihre größte Vorfreude war die auf die Freiheit, dann keine Interviews mehr geben zu müssen. Zur «höchstpersönlichen Angelegenheit« sollte das eigene Leben nach 24 Jahren Politik wieder werden.

Überraschender Karrieresprung

Damals konnte die Nürnbergerin nicht ahnen, dass ihr noch ein überraschender Karrieresprung bevorstand. Dass nämlich im Herbst 2002 Gerhard Schröder bei ihr anrufen und sie als Familienministerin in sein zweites Kabinett holen würde. Stellvertretende SPD-Fraktionschefin im Bundestag und Vizepräsidentin des Parlaments war sie zuvor schon gewesen. Dann zwangsverpflichtete Hoffnungsträgerin der bayerischen Sozialdemokraten, zweimal Spitzenkandidatin bei den Landtagswahlen – und eine von dieser ganz speziellen Sysiphos-Aufgabe am Ende etwas ausgepowerte «Powerfrau«.

Drei Jahre dauerte die Minister-Zeit – etwas zu kurz, um die eigenen familienpolitischen Konzepte umsetzen zu können. Das blieb nach den vorgezogenen Neuwahlen 2005 in der großen Koalition ausgerechnet einer CDU-Kollegin vorbehalten. Heute kann das Renate Schmidt wieder mit Humor tragen. «Die heutige Familienpolitik«, sagt sie, «hat zwei Mütter. Ich war bei der Zeugung dabei, Ursula von der Leyen bei der Geburt.« Im wirklichen Leben wäre Renate Schmidt mit dieser Rollenverteilung eindeutig der vergnüglichere Part zugefallen. In der Politik ist es leider umgekehrt.

Schröder und Müntefering die Meinung gegeigt

«Stinksauer« war die SPD-Frau, als sie aus den Medien erfuhr, dass ihr Ministerium bei den Koalitionsverhandlungen 2005 der CDU zugeschlagen worden war. «Ordentlich die Meinung gegeigt« hat sie damals den verantwortlichen Herren Schröder und Müntefering. Weil sie es «schofel« fand, nicht persönlich informiert worden zu sein, und weil sie es für unklug hielt, «ein Zukunftsministerium zu verschenken«. Renate Schmidt schleppt Groll nicht gerne mit sich herum. Weil er auf der Seele lastet.

Nach der Aussprache mit ihren Spitzengenossen hatte die Ex-Ministerin keine große Mühe, zurück ins Glied zu treten. Als Erlanger Abgeordnete saß sie im Parlament und kehrte als bildungspolitische Sprecherin der bayerischen SPD-Landesgruppe thematisch zurück zu ihren politischen Wurzeln.

Keine einfache Team-Playerin

Renate Schmidt hat immer selbstkritisch eingeräumt, dass es nicht ganz leicht ist, mit ihr im Team zu arbeiten. Wenn sie, angetrieben von Überzeugungen und dem Ehrgeiz, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, in vollem Lauf ist, entwickelt sie eine Dominanz, die für Mitarbeiter gelegentlich nicht leicht auszuhalten ist. Nachfolgern in politischen Ämtern hat sie es dagegen nie schwer gemacht. «Ich hasse diese Ehemaligen, die aus dem Off immer alles besser wissen«, versichert sie. «Da werden Sie von mir nie was Despektierliches hören.«

Das könnte Ursula von der Leyen wohl genauso bestätigen wie Franz Maget, der nach dem Ausstieg Renate Schmidts aus der Landespolitik deren Erbe als SPD-Spitzenkandidat antrat. Die Vorgängerin, die sich den Bayern einst selbstbewusst als künftige Ministerpräsidentin vorgestellt hatte, dann aber doch nicht über 30 Prozent hinauskam. stand Maget nicht mit guten Ratschlägen im Wege. Auch als nach der letzten Landtagswahl Erklärungen gesucht wurden, warum in der größten CSU-Krise die Sozialdemokraten noch nicht mal mehr 20 Prozent schaffen, waren von Renate Schmidt dazu keine altersweisen Kommentare zu hören.

Und das von einer Frau, die den weiblichen Berufsnachwuchs eindringlich ermuntert, von Beginn an laut genug auf sich aufmerksam zu machen: «Niemals eine freche Lippe zu riskieren, ist der sicherste Weg, in der Politik nichts zu werden.« Renate Schmidt hat es mit diesem Motto weit gebracht. Heute wird sie 65 Jahre alt, und im zweiten Anlauf soll es mit Ende der Legislaturperiode im Herbst endlich was werden mit dem politischen Ruhestand. Keine freche Lippe mehr, keine Interviews. «Ich freue mich drauf.«