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Richard David Precht über die Folgen der Digitalisierung

Der Philosoph und Autor warnt: "Es könnten unruhige Zeiten auf uns zukommen" - 04.06.2018 10:18 Uhr

Richard David Precht (53), Philosophie-Professor und Erfolgsautor, steht mit seinem neuen Buch "Jäger, Hirten, Kritiker" auf Platz 1 der Sachbuch-Bestsellerliste. In seiner aktuellsten Publikation beschreibt Precht die Folgen der Digitalisierung, deren politische Gestaltung er anmahnt.

01.06.2018 © Britta Pedersen (dpa)


NN: Herr Precht, wie gehen Sie selbst mit dem Internet um? Sind Sie auf Facebook unterwegs?

Richard David Precht: Ich selbst nutze keine sozialen Netzwerke. Es gibt eine von meinem Verlag betreute Facebook-Seite. Ich hätte gar keine Zeit, um so eine Seite selbst zu pflegen - jenseits aller grundsätzlichen Bedenken.

NN: Wie hat die Digitalisierung Ihren Alltag, Ihre Arbeit verändert?

Precht: Natürlich ist das Internet eine hervorragende Möglichkeit der Recherche, die das Arbeiten an einem Buch wesentlich erleichtert. Ansonsten braucht man Strategien, um nicht pausenlos nach seinen E-Mails oder SMS-Meldungen zu gucken und dabei sein Leben zu verpassen.

NN: Die Suchtgefahr ist da schon ziemlich groß, oder?

Precht: Ja, die Digitalisierung führt dazu, dass viele Menschen nicht mehr in der Lage sind, den Reizen, die auf sie einströmen, gelassen gegenüberzutreten. Weil auch die Erwartungshaltung da ist, dass jeder jederzeit mit einem kommunizieren kann. Dieser Erwartungshaltung können viele sich nicht entziehen - aus psychischen Gründen oder weil es beruflich erwartet wird. Der Suchtfaktor in der Digitalisierung ist enorm.

Freiheitsrechte sind für viele selbstverständlich

NN: Sie entwerfen in Ihrem Buch zwei Szenarien fürs Jahr 2040: Ein optimistisches, in dem es gelingt, die Digitalisierung menschenfreundlich auszugestalten. Und ein pessimistisches, das chinesische Verhältnisse auch für uns vorhersagt: totale soziale Kontrolle und Bewertung aller Bürger durch den Staat - und Bürger, die sich freiwillig zu Konsumenten und Kunden herabstufen lassen. Die sich abfinden mit einem Zustand permanenter Bespaßung durchs Netz und dafür sogar bereit sind, freiwillig weniger Freiheit zu akzeptieren. Wäre das nicht sogar die naheliegendere Entwicklung angesichts der Tatsache, dass viele schon bereitwillig Daten und Freiheit preisgeben?

Precht: Ja, das ist durchaus wahrscheinlich. Ich denke da daran, was der französische Denker Alexis de Toqueville 1835 geschrieben hat in seinem Buch "Über die Demokratie in Amerika". Da stellte er fest, dass in dieser damals einzigen echten Demokratie die Menschen zu Konsumenten geworden sind. Und ich glaube, das gilt auch für unsere Gesellschaft. Die Freiheitsrechte sind für viele so selbstverständlich, dass sie nicht mehr achtsam damit umgehen. Ich glaube also nicht nur, dass viele Menschen dazu bereit wären, gegen ein entsprechendes Entgelt all ihre Daten zur Verfügung zu stellen, sondern ich glaube auch, dass die Mehrheit der Deutschen dazu bereit wäre, gegen einen angemessenen Betrag ihr Wahlrecht zu verkaufen. Deswegen ist es nicht die Aufgabe jedes Einzelnen, darüber zu entscheiden, sondern Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass die Grundrechte gewahrt sind.

Abgetaucht in virtuellen Wunderwelten: Ein Besucher im "Mori Building Digital Art Museum" in Tokio. Richard David Precht warnt vor einem solchen Rückzug in rein technische Welten, die den Menschen isolieren.

04.06.2018 © Foto: Behrouz Mehri / afp


NN: Eine gewaltige Herausforderung für eine Politik, die dieses Thema lange verschlafen hat...

Precht: Tatsächlich ist eine Art Gewohnheitsrecht der Unternehmen entstanden, Datenmissbrauch zu betreiben. Die neue europäische Datenschutzgrundverordnung ist ein Versuch, verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Das wird auf einen Machtkampf herauslaufen zwischen Europa und den amerikanischen Internetgiganten, den GAFAs (Google, Amazon, Facebook, Apple). Und wie der ausgeht? Ich weiß es nicht.

NN: Ist die Politik überhaupt in der Lage, da auf Augenhöhe zu agieren?

Precht: Es gibt sicherlich eine entsprechende Unbildung in der Politik mit Blick auf die tatsächliche Machtfülle der Internet-Giganten.

Facebook-Skandal schreckte Öffentlichkeit auf

NN: Woher nehmen Sie Ihre Hoffnung auf eine Gesellschaft, die mit dem Netz so umgeht, dass alle etwas davon haben?

Precht: Ich sehe mich da in meinem Optimismus sogar bestätigt, der ein zweifelnder war, als ich das Buch im Winter schrieb. Da gab es kaum jemanden in der Politik, der sich darüber aufregte, was hier an Datenmissbrauch geschieht. Nun sahen wir durch den Facebook-Skandal, dass die Öffentlichkeit aufgeschreckt ist und dass die Politik merkt: Sie kann das Thema nicht weiter verschlafen. Unsere Digital-Staatsministerin Dorothee Bär sagte noch kurz vor dem Facebook-Skandal, unser Datenschutz sei aus dem 18. Jahrhundert. Damit wollte sie sagen, wir sollten mehr oder weniger auf diesen Datenschutz verzichten. Das sagt sie nun nicht mehr.

NN: Sie prognostizieren eine massiv steigende Arbeitslosigkeit, weil viele Jobs von Computern oder Robotern übernommen werden. Schwer vorstellbar angesichts eines boomenden Arbeitsmarkts...

Precht: Viele Experten sagen das so voraus: dass Millionen Jobs algorithmisiert werden. Der Fachkräftemangel, der gleichzeitig besteht, ist dazu kein Widerspruch: Der Busfahrer, der durchs autonome Fahren ersetzt wird, der Bank- oder Versicherungsangestellte, der in den nächsten zehn Jahren arbeitslos wird - die werden nicht in den Bereichen arbeiten, in denen Fachkräftemangel herrscht.

Bedingungsloses Grundeinkommen als Wahlkonzept

NN: Sie schlagen ein bedingungsloses Grundeinkommen vor, um gegenzusteuern. Das fordern auch mehr und mehr Wirtschaftsführer - sind Sie mit denen auf einer Linie?

Precht: Der Sozialstaat kann langfristig nicht mehr über Erwerbsarbeit finanziert werden. Wir haben immer mehr prekäre Jobs, die nicht sozialversicherungspflichtig sind. Weitere Stellen fallen weg. Also müssen wir darüber nachdenken, wie wir unseren Sozialstaat finanzieren. Und da werden alle Parteien, vielleicht im übernächsten Wahlkampf, mit eigenen Konzepten für ein bedingungsloses Grundeinkommen antreten.

NN: Welche Höhe eines solchen Grundeinkommens schlagen Sie denn vor? Und wie soll es finanziert werden?

Precht: Der Betrag müsste oberhalb dessen liegen, was ein Hartz-IV-Empfänger bekommt - und das sind derzeit insgesamt zwischen 950 und 1100 Euro. Daher wäre mit einem Grundeinkommen von 1000 Euro niemandem geholfen, nötig wären um die 1500 Euro. Das ließe sich am sinnvollsten über eine Finanztransaktionssteuer finanzieren - eine Abgabe auf alle Börsengeschäfte. Wir haben es da mit einem europäischen, wenn nicht globalen Problem zu tun. Ich nehme an, dass der Impuls für so eine Steuer von den Franzosen ausgehen wird, die da immer der Motor waren.

NN: Sie schreiben, die Digitalisierung sei die größte Zäsur seit über 200 Jahren. Warum?

Precht: Ich glaube, viele haben das noch gar nicht erfasst, weil bei uns von der vierten industriellen Revolution die Rede ist oder von Industrie 4.0. Das ist irreführend, klingt verharmlosend. Es ist zutreffender, von "Second machine age" zu sprechen, vom zweiten Maschinenzeitalter: Es gab Phase eins, wo Maschinen die Produktion erheblich beschleunigten und erleichterten - von 1750 bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Und nun kommt Phase zwei, wo Maschinen eigenständiges menschliches Handeln weitgehend übernehmen können. Die erste Phase hat zu einem totalen Gesellschaftsumbruch geführt - zum Ende der Herrschaft von Adel und Kirche. Das war der Beginn des bürgerlichen Zeitalters und der Arbeits- und Leistungsgesellschaft, wie wir sie heute kennen. Ein ähnlicher Umbruch steht uns, glaube ich, nun bevor.

NN: Was könnte denn an die Stelle des bisherigen Systems treten? Haben Sie da Prognosen?

Precht: Ich sehe zwei Entwicklungslinien. Das eine wäre die kybernetische Diktatur - das, was China jetzt macht. Der Staat weiß alles über alle. Demokratie wird durch Sozialtechnik ersetzt, die Menschen werden ruhiggestellt. Die zweite Variante wäre eine mehr am Gemeinwohl orientierte Ökonomie. Die klassische Erwerbsarbeit wird weniger, die Menschen legen mehr Wert darauf, bei guter Grundabsicherung Sinnvolles zu tun - das wäre das positive Bild. Das Hauptmotiv würde da nicht mehr im Geldverdienen bestehen.

Etwas mehr Marx im System

NN: Also etwas mehr Marx, den Sie in Ihrem Buchtitel zitieren?

Precht: Genau. Eine eigentlich logische Entwicklung: Im 19. Jahrhundert musste Bismarck der Sozialdemokratie ein klein bisschen nachgeben und mit seinen Sozialgesetzen etwas Sozialismus in den Kapitalismus implementieren. Das zweite Mal geschah das nach dem Zweiten Weltkrieg in der Systemkonkurrenz des Westens zum Osten, als die Erfinder der sozialen Marktwirtschaft noch etwas mehr Sozialismus implementierten. Und die neue industrielle Revolution wird weiter in diese Richtung gehen: mehr Sozialismus im Kapitalismus. Das könnte ein vernünftiges Grundeinkommen sein.

NN: Klingt alles zu schön, um wahr zu sein... Läuft das alles wirklich so glatt?

Precht: Vorher könnten durchaus sehr unruhige Zeiten nicht nur auf Deutschland zukommen. Sehr viele Jobs werden wegfallen. Die "Ismen" haben in solchen Umbruchphasen Auftrieb - Nationalismus, Chauvinismus, vielleicht sogar Rassismus. Wie in allen Umbruchphasen geht es erst mal drunter und drüber.

NN: Sie skizzieren drei Krisen - eine Krise des Konsums, eine der Demografie und eine des Klimas, die uns alle zum Umdenken zwingen dürften...

Precht: Wir können aus ökologischen Gründen nicht weiterproduzieren wie bisher. Das weiß jeder. Aber es hat keine Konsequenzen. Mit einem "Weiter so" hinterlassen wir unseren Enkeln keine bewohnbare Erde mehr.

Technische Ausrüstung ist nicht Aufgabe der Schulen

NN: Wie muss die Schule, wie muss die Bildung diese gewaltige Herausforderung angehen? Mit mehr Laptops in den Schulen?

Precht: Das haben die Kinder ohnehin. Neue digitale Technik für die Schulen ist zudem rasch hoffnungslos veraltet. Die technische Ausrüstung ist nicht Aufgabe der Schulen. Die Jugendlichen müssen auch nicht flächendeckend programmieren lernen – die Zahl der Programmierer dürfte sich nicht dramatisch erhöhen. Das Wichtigste ist, Kindern in einer Welt, in der sie nicht lebenslang denselben Job haben werden, die Befähigung zu geben, sich in so einer Welt zu orientieren. Selbstständigkeit und Autonomie, darauf kommt es an. Das spielt in unseren Schulen eine zu kleine Rolle: Sie bereiten vor allem auf die klassische Erwerbsarbeit vor. Auf wechselnde Herausforderungen bereitet die Schule schlechtest möglich vor. Das zu verändern, ist ein langwieriger Prozess.

NN: Sie sind jetzt 53. Was schätzen Sie: Wie sieht die Welt in 22 Jahren aus, wenn Sie 75 sind?

Precht: Ich hoffe, dass dann Menschen nicht nur in weltfernen Technikwelten leben, sondern dass sie einerseits vom technischen Fortschritt profitieren, der vieles erleichtert, und andererseits aber am Ausbau der Humanität arbeiten. Das 18. Jahrhundert hat erstmals die Menschenrechte erklärt, das 19. hat sie in einigen Ländern in den Mittelpunkt gestellt, das 20. hat sie weiter ausgereizt. Das 21. Jahrhundert wird sie im globalen Maßstab ernst nehmen müssen. Ich hoffe auf ein Mehr an Humanität im globalen Kontext. Und dass wir nicht nur an uns denken. Denn uns geht es wahnsinnig gut. Es wird uns auch nach der Digitalisierung noch wahnsinnig gut gehen.


Vortrag zum Thema

In der Fürther Stadthalle wird Richard David Precht am 25. Juni einen Vortrag zum Thema Digitalisierung halten. Unter dem Titel: Utopia liegt gleich nebenan. Welche digitale Zukunft wünschen wir uns? spricht er mit der Moderation von NN-Chefredakteur Alexander Jungkunz unter anderem darüber, was die Menschheit durch die Digitalisierung alles gewinnen könnte. 

Tickets gibt es unter https://tickets.nordbayern.de/tickets-utopia-liegt-gleich-nebenan-welche-digitale-zukunft-wuenschen-wir-uns-in-fuerth-stadthalle-am-25-6-2018/e1194489.

Interview: Alexander Jungkunz E-Mail

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