Spätfolgen

Schwere Spätfolgen: Was fränkische Corona-Patienten erzählen

Foto: Claudia Beyer, gesp. 04/2021..Motiv: Christian Mückl, Mitarbeiterportrait, Portrait, Mitarbeiter, Redakteur, Feuilleton, Kultur
Christian Mückl

Kultur / Leben

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7.5.2021, 07:45 Uhr
Nur ein kleiner Teil der Corona-Patienten landet auf der Intensivstation. Spätfolgen sind aber durchaus verbreitet.

© Christophe Gateau, dpa Nur ein kleiner Teil der Corona-Patienten landet auf der Intensivstation. Spätfolgen sind aber durchaus verbreitet.

Sie hat auch Tiefpunkte, die Hochstraße in Nürnberg. Dann, wenn du 15 Jahre alt bist, am großen Fenster stehst und von dort aus Menschen siehst, die in deinem Viertel Transparente tragen. So genannte Querdenker. "Da kann ich doch nicht einfach schweigen", erzählt Salome. Also wurde das Fenster aufgemacht und gerufen: "Ich hatte es auch! Und ich bin immer noch krank."

Stimmt. Leider. Allerdings habe sie die Covid-19-Geschichte auch sensibel gemacht, erzählt die Schülerin aus der 10. Klasse des Dürer-Gymnasiums. "Wenn Leute gegen Masken demonstrieren und sich nicht impfen lassen wollen, geht mir das nahe", sagt sie. "Ich weiß, wie scheiße die Krankheit ist."

"Wie scheiße die Krankheit wirklich ist"

Seit gestern greifen vorerst in Bayern neue Regelungen, die in Richtung Öffnung der Gesellschaft unter bestimmten Voraussetzungen gehen. So gelten für vollständig Geimpfte wie auch Genesene keine Ausgangssperren mehr – bei einer Sieben-Tage-Inzidenz unter 100.

Zudem dürfen Genesene zu allen nach den Regeln erlaubten Treffen hinzustoßen, ohne dass sie mitgezählt werden. Allerdings ist als Nachweis über die abgelaufene Corona-Infektion ein PCR-Test notwendig. Von Corona offiziell genesen zu sein ist eine Erleichterung. Deshalb muss allerdings nicht alles vorbei sein.

Salome erkrankte im vergangenen November. "Bisschen Fieber, ich dachte, ich lass mich mal testen, weil es sich irgendwie anders anfühlt." Na toll, positives Ergebnis. Sag mal Salome, wie "scheiße" ist die Krankheit wirklich?

"Das ist jetzt sechs Monate her und ich bin in keiner Risikogruppe", sagt sie. "Aber mein Leben verläuft seitdem anders." Beim Musikhören täten ihr die Ohren weh und beim Serienschauen die Augen. Noch immer leide sie unter Tinnitus, bleibe beim Sport außen vor. Wie ist es mit dem Unterricht? Oft gelinge es ihr kaum noch, sich zu konzentrieren, sagt die junge Frau: "Ich weiß jetzt, was Corona anrichten kann."
Jammern hilft nichts.

Salome stellt fest.: "Ich habe gelernt, auf meinen Körper zu hören." Der Nachsatz ist ihr wichtig: "Mehr als auf die Ärzte."
Zumindest ihr brachte der Spießrutenlauf von Praxis A nach Praxis B wenig. Die Physiotherapie indes viel: "Der Druck in der Lunge ging weg. Mir wurden Übungen gezeigt. Das fühlte sich endlich besser an."

Keine anderen Probleme mehr?

Fernab von der Nürnberger Hochstraße ist Heinersreuth ein 100-Seelen-Nest in der Oberpfalz. Etwas abgeschieden zwischen Pegnitz, Creußen und Grafenwöhr gelegen – aber nicht aus der Welt. Herbert Ziegler (64) und seine Frau Gaby (58) erkrankten im Winter. "Das war vor Weihnachten", berichtet der Industriekaufmann. Kurz vorher kam die 27-jährige Tochter aus München zu Besuch. "Hinterher waren wir positiv."

Robust wie Herbert Ziegler ist, "hat es mir keine Angst gemacht", aber seine Frau habe sich "ab und zu schon hinlegen müssen". Er spricht unaufgeregt, wenn er das erzählt.

Gleichgültig lässt ihn die Pandemie nicht: "Schlimm ist, wie die Corona-Diskussion jetzt alles dominiert. So, als hätten wir keine anderen Probleme mehr. Keinen Klimawandel, keine Überalterung der Gesellschaft oder zum Beispiel die Gesundheitsreform oder neue Energien."
Querdenker kennt Ziegler, wie er sagt, in seinem ländlichen Umfeld übrigens keinen einzigen: "Oder die zeigen sich nicht. Aber für mich sind das Gefährder."

"Man kann damit leben"

Das Tückische sei, "es geht nicht einfach nur bergauf", sagt Nicole Hummel (51) über die Spätwirkung ihre Corona-Infektion. Gleichzeitig macht sie Mut: "Man kann damit leben."

Eine so schwere Krankheit hat die Nürnbergerin zwar noch nie erlebt – "ich war zum ersten Mal fünf Wochen nicht in der Arbeit". Aber problematischer findet sie die gesellschaftliche Entwicklung.

"Es besteht die Tendenz, die Überbringer der schlechten Nachricht zu köpfen, so wie früher", findet Hummel, die in einem Nürnberger Buchverlag arbeitet. "Ich bin eher rational und glaube, dass Menschen die Ausnahmesituation unterschiedlich verarbeiten."
Nicole Hummel ist die Mutter der 15-jährigen Salome. Als die Querdenker-Demo durch ihre Straße zog, nahmen sie gerade gemeinsam an einer Online-Sprechstunde für Post-Corona-Patienten teil.

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