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Seenotretterin im Interview: "Es war das reinste Chaos"

Pia Klemp hat als Kapitänin Flüchtlinge gerettet - jetzt folgt ein Prozess - 23.02.2019 05:51 Uhr

Szenen eines Rettungseinsatzes der deutschen Hilfsorganisation Sea Watch im Mittelmeer im November 2017: In solchen Situationen, in denen für Menschen akute Lebensgefahr besteht, muss ein Kapitän alles in seiner Macht Stehende tun, um möglichst viele Leben zu retten. Mehrere Aktivisten sollen sich dafür aber vor der italienischen Justiz verantworten. Ihnen wird Beihilfe zur illegalen Einwanderung vorgeworfen. © Foto: Lisa Hoffmann/Sea-Watch.org/dpa


Frau Klemp, sind Sie gerade Kapitänin eines Schiffes?

Pia Klemp: Nein, unsere Anwälte haben uns stark davon abgeraten, weitere Einsätze zu fahren, weil sonst U-Haft in Italien droht. Gegen mich und neun weitere Crewmitglieder der Juventa, des Schiffs der Hilfsorganisation "Jugend rettet", laufen derzeit in Italien Ermittlungen wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Unsere Anwälte rechnen jeden Tag mit der Anklageerhebung. Uns wird vorgeworfen, dass wir im zentralen Mittelmeer Menschen, die in Seenot waren, gerettet haben. Wenn wir es wagen, noch einen einzigen Menschen aus dem Wasser zu ziehen, droht Gefängnis.

Um welchen Einsatz geht es genau?

Klemp: Um zwei Einsätze mit der Juventa im Sommer 2017, bevor sie Anfang August in Italien beschlagnahmt wurde. Wir wissen seit Juni 2018 aus der italienischen Presse, dass gegen zehn von uns Crewmitgliedern ermittelt wird.

Pia Klemp (35) arbeitete nach einem erfolgreichen Biologie-Studium in Bonn zunächst drei Jahre als Tauchlehrerin in Indonesien, bevor es für sie 2011 auf das erste Schiff der Umweltorganisation "Sea Shepherd" ging – zuerst als Deckhand, dann als Schiffsmanagerin und schließlich auf der Kommandobrücke als Offizierin. © Foto: Sea-Watch e.V./Lisa Hoffmann


Es hört sich an wie ein Krimi, aus der Ermittlungsakte geht hervor, dass an Bord eines Schiffes sogar ein Spitzel gewesen sein soll?

Klemp: Aus der Akte ist ersichtlich, mit was für einem Aufwand gegen uns ermittelt wurde. Man kann herauslesen, dass auf einem anderen NGO-Schiff jemand falsche Anschuldigungen an die italienische Staatsanwaltschaft weitergetragen hat. Außerdem wird daraus ersichtlich, dass sich vier verschiedene Ermittlungsbehörden, darunter auch der italienische Geheimdienst, der Sache angenommen haben, dass unsere Brücke (Kommandobrücke eines Schiffes, Anm. d. Red.) verwanzt war und unsere Telefone abgehört wurden.

Für einen kleinen Verein, der Menschen auf der Flucht, die in Seenot geraten sind, helfen will, ganz schön viel Aufwand . . .

Klemp: Damit soll erreicht werden, dass humanitäre Hilfe kriminalisiert wird, damit die Abschottungspolitik Europas an den Außengrenzen nicht gestört wird. Weil wir die Menschen nicht nur retten, sondern auch darauf bestehen, sie in einen sicheren Hafen zu bringen und nicht zurück in eines der Internierungslager in Libyen. Was die libysche Küstenwache, die von der EU finanziert wird, praktiziert.

Ist es nicht so, dass Sie als Kapitänin dazu verpflichtet sind, Menschen in Seenot zu retten?

Klemp: Die oberste Pflicht eines Seefahrers und natürlich für denjenigen, der die Position eines Kapitäns oder einer Kapitänin einnimmt, ist es, Menschen in Seenot zu retten, ja.

"Im Moment ist niemand dort draußen, um Leben zu retten"

Sie können also eigentlich nichts anderes machen, als zu helfen?

Klemp: Ich würde mich strafbar machen, wenn ich einem Menschen in Seenot nicht helfen würde.

Bei wie vielen Einsätzen im Mittelmeer waren Sie dabei?

Klemp: Ich bin insgesamt sechs Einsätze gefahren, zwei auf der Juventa und die anderen vier auf der Sea Watch 3. Die steckt übrigens mittlerweile auch in Sizilien fest. Sie ist nicht beschlagnahmt, aber es gibt eine hanebüchene Liste angeblicher Mängel, weswegen sie den Hafen nicht verlassen darf. Obwohl wir noch vor wenigen Monaten Inspekteure da hatten, darunter auch welche von unserem Flaggenstaat Niederlande, die bestätigt haben, dass das Schiff in einem sehr guten Zustand ist.

Wie viele Schiffe von Hilfsorganisationen sind gerade aktiv?

Klemp: Im Moment ist kein einziges NGO-Schiff unterwegs. Ein paar wären bereit, aber werden, wie gesagt, geblockt. Und einige NGOs haben wegen all der Schikanen ihre Arbeit ganz einstellen müssen. Im Moment ist niemand dort draußen, um Leben zu retten.

Können Sie abschätzen, wie viele Menschen Sie insgesamt vor dem Ertrinken gerettet haben?

Klemp: Schwer zu sagen, weil unsere Rettungseinsätze immer anders ablaufen und wir nicht nur direkt helfen und Menschen in Seenot zu uns aufs Schiff holen, sondern Flüchtlingen auch dabei helfen, sicher auf ein anderes Schiff zu gelangen. Ich würde schätzen, bei den Einsätzen, bei denen ich dabei war, waren es insgesamt um die 5000 Menschen.

"Konnten 60 Menschen aus dem Wasser retten"

Das sind sehr viele Menschen, Schicksale, Erlebnisse und Bilder. Fast zu viele, um sie verarbeiten zu können. Gibt es eine Situation, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Klemp: Ein Erlebnis gibt es in der Tat, aber das ist leider kein schönes. Es spiegelt für mich das Schrecken im Mittelmeer und das menschenverachtende Handeln wider. Es war der Einsatz im November 2017 mit der Sea Watch 3. Wir wurden zu einem Flüchtlingsboot gerufen, das dann aber von der libyschen Küstenwache bereits abgefangen worden war, die völlig dilettantisch mit der Rettung umgegangen ist. Es war das reinste Chaos. Zum einen wollten die Menschen nicht auf das libysche Schiff, weil sie wussten, dass sie damit wieder zurück in eines der Internierungslager verschleppt werden. Zum anderen war die Intention der Küstenwache auch ganz klar, diese Menschen nicht zu retten, sondern sie zurückzubringen oder dort draußen sterben zu lassen. Die Küstenwache ist mit ihrem Schiff auf dieses Boot halb draufgefahren, das daraufhin anfing zu sinken. Danach hat sie keine Rettungsmittel bereitgestellt für die Menschen, die ins Wasser gefallen oder aus lauter Verzweiflung gesprungen waren, weil sie nicht zurück nach Libyen wollten.

Wie ging es weiter?

Klemp: Wir konnten etwa 60 Menschen aus dem Wasser retten. Die libysche Küstenwache hat ungefähr 40 Menschen völkerrechtswidrig zurück nach Libyen verschleppt, und schätzungsweise weitere 30 bis 40 Menschen sind dort völlig unnötigerweise ertrunken. Die ganze Zeit waren übrigens auch ein französisches und ein italienisches Kriegsschiff in der Nähe, die weder bei der Rettung noch bei der Verschleppung eingegriffen haben. Die Menschen, die wir an Bord hatten, waren extrem traumatisiert, jeder hatte jemanden verloren und viele wussten nicht, ob die Angehörigen verschleppt worden oder ertrunken waren. Einen kleinen zweieinhalbjährigen Jungen konnten wir nicht wiederbeleben. Obwohl unser Medic-Team alles getan hat, was in seiner Macht stand. Wir mussten ihn in der Tiefkühltruhe lagern, weil unser Schiff keine Kühlmöglichkeiten für Leichen hat, und dann wurde uns für mehrere Tage die Einfahrt nach Europa verwehrt und kein sicherer Hafen zugewiesen. Das war mit Sicherheit einer der schlimmsten Einsätze.

"Das ist absoluter Quatsch"

War die Mutter des Jungen auf der Sea Watch?

Klemp: Die Mutter war mit an Bord, genauso wie eine andere junge Frau, die ihrer sechsjährigen Tochter beim Ertrinken zugesehen hat.

Wenn man so etwas miterlebt, wie geht man damit um? Wie schafft man es, solche Erlebnisse zu verarbeiten?

Klemp: Es ist wie mit den meisten Sachen: Wenn man das Seinige versucht — wenn man all das tut, was in seiner Macht steht, dann ist es nicht mehr ganz so schlimm, als einfach nur daneben zu stehen, zuzusehen und nichts zu machen. Ich weiß, dass unsere Crew damals bei dem Einsatz alles und sogar noch ein bisschen mehr gegeben hat. Und jedes einzelne Leben ist all das wert. Es ist extrem erschreckend und macht wütend, was dort unten passiert, aber für mich ist es eigentlich andersherum: Wenn wir nicht da sind, dann sind die Todeszahlen noch viel, viel höher. Nur weil man den Schrecken nicht sieht, heißt es nicht, dass er nicht da ist.

Die perfekte Überleitung zur nächsten Frage: Den Hilfsorganisationen mit Schiffen im Mittelmeer wird immer wieder vorgeworfen, ein sogenannter Pull-Faktor zu sein. Die humanitären Helfer sollen demnach der Grund dafür sein, dass sich mehr und mehr Menschen über diesen Weg auf die Flucht nach Europa begeben. Wie gehen Sie mit den Vorwürfen um?

Klemp: Das ist absoluter Quatsch. Die NGO-Schiffe sind dort erst aufgetaucht, weil es das Problem gab und so viele Menschen gestorben sind. Es gibt inzwischen auch eine Oxford-Studie, die belegt, dass die NGO-Schiffe kein Pull-Faktor sind. Das wäre ja so, als würde man sagen, wir schicken keine Feuerwehr mehr, ohne vorher zu prüfen, warum und wie es da brennt. Wenn es brennt, muss geholfen werden. Und die Menschen ertrinken dort unten.

Machen Sie solche Aussagen wütend?

Klemp: Sogar extrem wütend. Mich macht wütend, dass wissentlich Menschen ertrinken sollen, dass Flüchtende zu Illegalen gemacht werden, dass es keine legalen und sicheren Einwanderungsmöglichkeiten gibt, sodass diese Menschen überhaupt keine Möglichkeit haben, ihr Recht auf einen Asylantrag wahrzunehmen. Und dass ihnen das Menschenrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit genommen wird. Und wenn dazu noch obendrein von der EU libysche Milizen finanziert werden, die in unserem Namen Menschen in Internierungslager verschleppen, in denen nachweislich Vergewaltigung, Folter und willkürliche Hinrichtung auf der Tagesordnung stehen, dann macht mich das nicht nur wütend, sondern schlichtweg fassungslos, dass der Nobelpreisträger EU seine eigenen Werte so mit den Füßen tritt.

Wie sind Sie eigentlich Kapitänin geworden?

Klemp: Das hat sich so ergeben. Nach meinem Biologie-Studium habe ich drei Jahre lang als Tauchlehrerin in Indonesien gearbeitet und dabei gesehen, was mit unseren Meeren passiert und dass wir dringend handeln müssen. Vor sieben Jahren hat so meine Seefahrtskarriere auf den Schiffen der Umweltorganisation "Sea Shepherd" begonnen. Angefangen habe ich als Deckhand, war dann Schiffsmanager und schließlich mehr und mehr auf der Brücke. Über die Jahre habe ich dann Seezeit und Seemeilen gesammelt und meine Scheine und Lizenzen gemacht.

Die Seefahrt ist immer noch sehr von Männern dominiert, auf 100 Kapitäne kommt eine Kapitänin. Stoßen Sie als Frau auf Schwierigkeiten?

Klemp: Bei den NGO-Schiffen ist es normalerweise kein Problem, weil die Crewmitglieder moderne, emanzipierte Menschen sind. Mit Sexismus habe ich, wenn, dann nur von außen, etwa in Kontakt mit anderen Seeleuten, zu tun, nicht auf unseren Schiffen.

Zurzeit können Sie nur von Land aus zusehen. Wie ist das für Sie?

Klemp: Frustrierend, weil ich gerne da wäre, wo mein Können und meine Erfahrung benötigt werden. Dafür kämpfen wir jetzt an Land für diese Sache weiter — nicht nur für unsere persönliche Freiheit, sondern auch für die Freiheit unserer Gesellschaft. Denn wenn Kriminalisierung zur Strategie und Solidarität bestraft wird, dann untergräbt das die Grundwerte Europas und seiner Gesellschaft.

Was schockt Sie an der Tatsache am meisten, dass Anklage erhoben werden soll?

Klemp: Am meisten erschreckt mich, dass es in einem Europa, das sich selber gerade dafür feiert, dass vor 70 Jahren die allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet wurde, wieder Sachen zur Debatte stehen, die nicht zur Debatte stehen dürften: Dass jedes Menschenleben gleich viel wert ist. So wie Europa im Moment handelt und Grenzpolitik betreibt, ist das gerade nicht der Fall. Und es schockt mich, dass in Europa überhaupt gesagt werden muss, dass Menschenrechte für jeden und in jeder Konsequenz gelten müssen.

Interview: Ariane Fitzgerald

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