Verfeindete Gruppen

Spaltung der Gesellschaft: Wir sind mehr als ihr

17.6.2021, 15:26 Uhr
Die Gesprächsbereitschaft in unserer Gesellschaft sinkt: 34 Prozent der Menschen reden kaum noch miteinander,

Die Gesprächsbereitschaft in unserer Gesellschaft sinkt: 34 Prozent der Menschen reden kaum noch miteinander, © Mohssen Assanimoghaddam, dpa

Unser Land war nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte hinweg ein weltweit geschätztes Erfolgsmodell. Nicht nur wegen seiner Wirtschaftskraft, sondern auch wegen des breiten, geradezu unverwüstlich erscheinenden gesellschaftlichen Konsenses. Sicher, es gab immer ein paar Prozent Nazis, was sich an den Wahlergebnissen der NPD zeigte. Und es gab eine extreme Linke, die hauptsächlich in den Großstädten ihren Rückhalt fand.

Aber das Entscheidende war: Weit über 90 Prozent der Bevölkerung bewegten sich in einem Meinungs- und Übereinstimmungskorridor, der quasi alle im Parlament vertretenen Parteien umfasste. Diese Zeit scheint endgültig vorbei, wie eine Studie der Universität Münster beweist. Demnach kann inzwischen gut ein Drittel der Deutschen einer sich klar vom Rest abgrenzenden Gruppe zugeordnet werden, die kaum noch gesprächsbereit ist.


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Die Forscherinnen und Forscher haben treffende Begriffe dafür gefunden - die "Verteidiger" und die "Entdecker". Erstere möchten, grob gesagt, ein Deutschland der 50er und 60er Jahre zurückhaben, mit traditioneller Heimatverbundenheit, dem Christentum als einer Art "Staatsreligion" und mit möglichst wenig Ausländern. Letztere sehen sich als Weltbürger. Sie haben keine Angst vor der Migration, befürworten sie ausdrücklich. Probleme mit Flüchtlingen nehmen sie nicht einmal dann zur Kenntnis, wenn sie offenkundig sind.

Sie hören den Gegnern nicht zu

Diese 34 Prozent der Gesellschaft reden kaum noch miteinander, sie halten sich schlimmstenfalls gegenseitig für Staatsfeinde. In den Sozialen Netzwerken haben sie es sich so eingerichtet, dass sich nicht mit gegenlautenden Meinungen behelligt werden.

Dabei haben beide Gruppen - das kann man nicht deutlich genug sagen - nicht Recht. Globalisierung und Migration sind unumkehrbar, sie haben der Welt auch viele Vorteile beschert. Trotzdem bringt das Zusammentreffen der Kulturen erhebliche Verwerfungen mit sich, die offen angesprochen und entschlossen bekämpft werden müssen.


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Ähnlich ist es beim Themenkreis Gendern und Diversität. Wer nur noch in diesen Kategorien denkt und regelrecht einen Kult daraus macht, noch schlimmer: ein Abgrenzungsmerkmal gegenüber den "Rückständigen", der wird den vielfältigen Problemen unserer Zeit nicht gerecht. Wer Frauen in der Sprache kaum auftauchen lässt und alles so haben möchte, wie er es irgendwann einmal in der Schule gelernt hat, der bleibt ein Ewiggestriger.

Immer wieder widersprechen

Es wäre ein Gewinn für alle, wenn wir als Gesellschaft weiter einen Mittelweg beschreiten könnten. Noch sind wir ja zwei Drittel, die so denken. Allzu oft schweigt diese Mehrheit leider und überlässt die Bühne den "Verteidigern" und den "Entdeckern". Was kann jeder von uns tun? Nicht viel, aber wenigstens den Vertretern der beiden Blöcke widersprechen, sooft das nötig und möglich ist.

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