Von den Nazis überrollt

1.5.2008, 00:00 Uhr
SA-Leute besetzen das Münchner Gewerkschaftshaus.

© nn SA-Leute besetzen das Münchner Gewerkschaftshaus.

Am 30. Januar 1933, dem Tag von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, taten die Gewerkschaften nichts. Keine landesweiten Streiks, keine groß organisierten Proteste. Nichts. Vielmehr versuchte die Gewerkschaftsspitze, ihre Mitglieder zu beruhigen. Sie sollten «kühles Blut und Besonnenheit« bewahren. «Lasst Euch nicht zu voreiligen und darum schädlichen Einzelaktionen verleiten.« Die Basis gehorchte. Forderungen der Kommunisten nach einem «Generalstreik« verhallten.

Die Gründe dafür schienen einfach: Zwar waren 1933 immer noch über vier Millionen Deutsche in einer Gewerkschaft organisiert, Zwei Drittel davon waren aber arbeitslos. Die restlichen wagten nicht, ihren Arbeitsplatz aufs Spiel zu setzen. Schließlich war die Arbeitslosigkeit 1933 mit sechs Millionen so hoch wie nie zuvor.

Organisationen zögerten

Dazu kam, dass sich die Gewerkschaften scheuten, dem Regime direkt entgegenzutreten. Schließlich sei Hitler ja legal an die Macht gekommen, lautete der Tenor. So müsse man «doch noch zuwarten, bis ein offener Verfassungsbruch vorliegt«, erklärte der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), Theodor Leipart, am 5. Februar. Auch fürchteten nicht nur Gewerkschaftler, sondern auch führende SPD-Funktionäre, das Regime könnte offenen Widerstand als Vorwand benutzen, gegen seine politischen Gegner vorzugehen. Die meisten Gewerkschafter verkannten - wie viele andere auch - zunächst die Gefahr, die vom Regime ausging. Für sie war Hitler Anfang 1933 als Reichskanzler nur der zweite Mann im Staat, die Fäden zog offiziell Reichspräsident Paul von Hindenburg. Der ehemalige Generalfeldmarschall konnte die Verfassung nach Hitler jederzeit abberufen.

Beeinflusst von den Nationalsozialisten, rief Hindenburg im März 1933 Neuwahlen aus. Die Gewerkschaft verzichtete auf ihre traditionelle Wahlempfehlung für die SPD. Ihre Bestrebungen gingen «über jede enge Parteigebundenheit« hinaus, verkündete Leipart. «Unsere Arbeit ist Dienst am Volke. Sie kennt den soldatischen Geist der Einordnung und der Hingabe für das Ganze.« Gedrängt von einer Gruppe meist junger Gewerkschaftsfunktionäre, rückte der ADGB, der Zusammenschluss der Freien Gewerkschaften, immer näher an die NSDAP. Manche Artikel der Gewerkschaftspresse unterschieden sich kaum noch von denen der Rechten.

Doch das Schicksal der Arbeiterbewegung war längst besiegelt. Am 11. April 1933 notierte Propagandaminister Joseph Goebbels: «Ich empfange die Vertreter der Christlichen Gewerkschaften, die in plumper Vertraulichkeit um gut’ Wetter bitten...Harmlose Naivlinge...Sie scheinen noch gar nicht zu ahnen, was sich wirklich abspielt.«

Bald nahm der Terror gegen SPD- und KPD-Mitglieder immer mehr zu. Gewerkschaftshäuser wurden überfallen, Funktionäre misshandelt und verhaftet. Die Polizei weigerte sich meist, der Gewalt Einhalt zu gebieten. Die Gewerkschaftsbasis war gelähmt, hielt still aus Angst vor weiteren Repressalien.

Dann schien das Regime plötzlich auf die Arbeiter zuzugehen. Am 24. März 1933 schlug Goebbels vor, den 1. Mai zum «Tag der nationalen Arbeit« zu erklären. Damit erfüllte die Nazi-Regierung einen langen Wunsch der Arbeiterbewegung - ein bezahlter Feiertag. Es raubte den Arbeitern aber gleichzeitig ein identitätsstiftendes Ziel.

«Den 1. Mai werden wir zu einer grandiosen Demonstration deutschen Volkswillens gestalten«, notierte Goebbels am 17. April in sein Tagebuch. «Am 2. Mai werden dann die Gewerkschaftshäuser besetzt. Gleichschaltung auch auf diesem Gebiet. Es wird vielleicht ein paar Tage Krach geben, aber dann gehören sie uns.«

Jubel unter dem Hakenkreuz

Am 1. Mai 1933 marschierten Gewerkschaftsmitglieder und Nationalsozialisten gemeinsam unter der Hakenkreuzfahne. Auch in Nürnberg, Fürth und anderen Städten in der Region jubelten die Menschen, die Feiern waren straff organisiert von den Nazis. Währenddessen bereitete Robert Ley, der amtierende Reichsorganisationsleiter, klammheimlich die Entmachtung der Gewerkschaften vor.

Am 2. Mai 1933 marschierten die Rollkommandos der SA. Sie besetzten ab zehn Uhr Gewerkschaftshäuser, beschlagnahmten das Vermögen und nahmen «infrage kommende Persönlichkeiten in Schutzhaft«. In Duisburg wurden vier Funktionäre ermordet. Goebbels triumphierte: «Gewerkschaften wie verabredet planmäßig besetzt. Kein Zwischenfall. Bonzen verhaftet. Das geht wie am Schnürchen.«

Nur wenige Tage später wurde die gleichgeschaltete Deutsche Arbeitsfront unter Robert Ley gegründet. Eine unabhängige Vertretung der Arbeiter gab es nicht mehr.