Klimakatastrophe

Warum die Menschheit dem Untergang geweiht ist - und es leider nicht anders verdient hat

Christian Urban
Christian Urban

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19.6.2022, 09:59 Uhr
Blick auf die verbrannte Landschaft nach Waldbränden in der Nähe von Miranda de Arga im Norden von Spanien. Nach Angaben des spanischen Wetterdienstes löst eine heiße Luftmasse aus Nordafrika die erste große Hitzewelle des Jahres aus, bei der die Temperaturen in bestimmten Gebieten auf bis zu 43 Grad Celsius steigen sollen.

© Alvaro Barrientos, dpa Blick auf die verbrannte Landschaft nach Waldbränden in der Nähe von Miranda de Arga im Norden von Spanien. Nach Angaben des spanischen Wetterdienstes löst eine heiße Luftmasse aus Nordafrika die erste große Hitzewelle des Jahres aus, bei der die Temperaturen in bestimmten Gebieten auf bis zu 43 Grad Celsius steigen sollen.

Stellen Sie sich bitte vor, dass Sie rauchen (falls Sie das nicht ohnehin tatsächlich tun). Dann stellen Sie sich bitte darüber hinaus vor, jemand hätte Ihnen nach dem Rauchen ihrer ersten Zigarette mitgeteilt, dass Ihre nächste Kippe definitiv Ihr Tod sein wird. Sie werden mir sicher zustimmen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich unter diesen Umständen jemals wieder einer Zigarette auch nur auf zehn Meter genähert hätten, ist - zurückhaltend formuliert - relativ gering. Klar, wer will schon für etwas Banales wie eine Zigarette sterben?

Wir Menschen sind gut im Verdrängen

Die Realität ist allerdings nie so schwarz-weiß wie in dem fiktiven Beispiel, denn Menschen, die rauchen, können durchaus ein Alter erreichen, von dem andere nur träumen. So wie der chronische Kettenraucher (und ehemalige Bundeskanzler) Helmut Schmidt, dessen Lunge im Laufe seiner 96 Lebensjahre so viel Teer eingelagert haben muss, dass man damit wohl den Belag des kompletten Frankenschnellwegs erneuern könnte. Dass dies die absolute Ausnahme ist, verdrängen Raucher aber gerne. Dass sie durchs Rauchen die Wahrscheinlichkeit eines frühen (und sehr hässlichen) Todes vervielfachen, ebenfalls. Denn Menschen sind leider ausgesprochen gut darin, negative Ereignisse, die weit in der Zukunft liegen, zu verdrängen.

Die Ignoranz gegenüber dem Klimawandel ist hierfür das beste Beispiel. Bereits seit vielen Jahrzehnten warnt die Wissenschaft vor den katastrophalen Konsequenzen, wenn wir weiter ungebremst Kohle, Öl und Benzin verbrennen, doch die Warnungen verhallten lange Zeit vollkommen ungehört. Weil aus damaliger Sicht der Klimawandel nur eine abstrakte Möglichkeit war, die noch dazu weit in der Zukunft lag - und weil darüber hinaus auch noch pure Habgier im Spiel war.

Alle wussten Bescheid

Im Oktober 2021 stellte sich heraus, dass neben Shell, Exxon und BP auch der Ölkonzern Total bereits seit den 1970er Jahren erkannt hatte, welch schädliche Auswirkungen die Verbrennung fossiler Energieträger auf das globale Klima haben würde. Alle großen Mineralöl-Konzerne wussten Bescheid. Und sie taten nicht nur nichts dagegen, sondern sie versuchten stattdessen, größtmögliche Zweifel an den Erkenntnissen der damals noch jungen Klimaforschung zu säen. Bitte lassen Sie diesen monströsen Gedanken sanft in Ihr Gehirn einsickern. Geschafft? Glückwunsch. Jetzt tun Sie bitte das Gleiche mit der eigentlich noch unglaublicheren Erkenntnis, dass dieses Verhalten für diese Firmen bis heute keinerlei Konsequenzen hatte.

Wobei man natürlich auch sagen muss, dass so etwas kein singuläres Ereignis ist, sondern gewissermaßen Standard. Egal, welche menschengemachte Umweltkatastrophe des aktuellen und des letzten Jahrhunderts Sie betrachten: Sie werden feststellen, dass die Verursacher in Relation zu ihren finanziellen Ressourcen kaum belangt wurden. Insofern ist es irgendwie verständlich, dass wir Menschen solche Nachrichten nur noch mit einem Achselzucken hinnehmen. Wirtschaftliche Interessen haben schon immer mehr gewogen als ökologische. Man gewöhnt sich daran.

Übrigens: Nein, ich bin kein Grüner - was mich aber nicht daran gehindert hat, bei der letzten Wahl die Grünen zu wählen. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass sämtliche anderen Parteien tatsächlich noch glauben, man könne den Klimawandel irgendwie aussitzen oder mit halbherzigen Methoden bekämpfen. Oh, und bitte verschonen Sie mich mit dem unsäglichen "die Grünen zerstören die Wirtschaft"-Gejammer. Ernsthaft. Das ist absurd, denn wenn der halbe Planet eine Wüste ist, existiert ohnehin keine Wirtschaft mehr.

Und ja, ich habe ein Auto (nein, es ist kein E- oder Hybrid-Fahrzeug, sondern ein Benziner). Und ich liebe es und fahre es gerne - was mich allerdings nicht davon abhält, es so oft wie möglich stehen zu lassen. Und ja, wenn ich im Stau stünde, weil sich eine Gruppe von Aktivisten an die Straße geklebt hat, würde mich das ziemlich nerven. Dennoch verstehe ich die Motive dieser jungen Menschen, denn sie müssen miterleben, wie der Planet, den sie noch viele Jahrzehnte bewohnen sollen, von Leuten verwüstet wird, die schon lange nicht mehr da sein werden, wenn sich die Auswirkungen des Klimawandels voll entfalten.

Gleichzeitig werden sie permanent mit der Erkenntnis konfrontiert, dass sie aus der Politik meist nichts anderes erwarten können als ein herablassendes "jetzt reg' dich mal nicht so auf"-Köpfchentätscheln. Daher mal ehrlich: Wäre ich nicht Ende 40, sondern 18, würde ich mich unter diesen Umständen vielleicht auch auf die Straße kleben.

Doch auch Teile der Bevölkerung stecken den Kopf so tief wie möglich in den Sand - selbst angesichts einer signifikanten Häufung extremer Temperaturen und der Tatsache, dass der menschengemachte Klimawandel mittlerweile längst wissenschaftlich zweifelsfrei bewiesen ist. Wenn wir beispielsweise auf Facebook einen potentiellen (und gefährlichen) Hitzerekord von 37 Grad in Nürnberg vermelden, freuen sich Menschen allen Ernstes: "Endlich wird es mal richtig schön warm". Verkünden wir, dass im Sommer mal ein paar Tage deutlich kühler werden, hat das Kommentare zur Folge wie "So viel zum Thema Klimawandel!". Eines meiner persönlichen Highlights stammt jedoch aus dem August 2021: Als wir damals einen Artikel auf Facebook posteten, der unter anderem beschrieb, dass Schnee in Franken immer seltener werden wird, lautete einer der ersten Kommentare: "Geil, dann brauche ich keine Winterreifen mehr".

Es ist nicht nur die politische und wirtschaftliche Ignoranz, die den Kampf gegen die drohende Katastrophe erschwert. Es sind auch diese geistigen Totalaussetzer und eine himmelschreiend infantile Realitätsverweigerung wie "heiße Sommer gab es schon früher" oder "das Klima hat sich schon immer geändert". Als würden sich Kleinkinder angesichts einer unangenehmen Wahrheit Augen und Ohren zuhalten.

Ich wünsche mir wirklich, dass ich mich mit meiner Einschätzung irre. Dass die Menschheit irgendwie doch noch die Kurve kriegt und es schafft, die Folgen der fatalen "nach uns die Sintflut"-Denkweise der bisherigen Generationen einzudämmen, bevor große Teile des Planeten unbewohnbar werden. Oder dass vielleicht alles doch nicht so schlimm wird.

Ich wünsche es mir für meine Frau, die rund 20 Jahre jünger ist als ich und noch wesentlich mehr von den Auswirkungen dieser heraufziehenden Katastrophe miterleben wird als ich. Ich wünsche es mir für meine Nichte und meinen Neffen, die gerade erst im Kindergarten bzw. in der Grundschule sind. Und ich wünsche es mir für alle anderen Menschen, die sonst noch so den Planeten bevölkern. Aber um ehrlich zu sein: Ich glaube nicht daran.

Obwohl sie es besser wissen, erfassen Raucher die Tragweite ihres Handelns schließlich oft erst wirklich, wenn sie zum ersten Mal Blut husten - und dann ist es zu spät. Und bei der Klimakatastrophe wird es ebenso laufen. Daher kann ich leider nur sagen: Wir werden genau das bekommen, was wir verdienen.

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