Wunderwerk mit Nürnberger Legende

23.2.2021, 12:00 Uhr
Die Rostocker Uhr ist dreigeteilt: Oben besitzt sie Figuren und Bibeldarstellungen, darunter befinden sich Scheiben und Zeiger, die nicht nur die Uhrzeit zeigen, sondern auch astronomische und astrologische Hinweise geben. Zuunterst zeigt die Kalenderscheibe den Ablauf der Tage und Jahre sowie wichtige Daten. Foto: Alfred Eder

© Alfred Eder Die Rostocker Uhr ist dreigeteilt: Oben besitzt sie Figuren und Bibeldarstellungen, darunter befinden sich Scheiben und Zeiger, die nicht nur die Uhrzeit zeigen, sondern auch astronomische und astrologische Hinweise geben. Zuunterst zeigt die Kalenderscheibe den Ablauf der Tage und Jahre sowie wichtige Daten. Foto: Alfred Eder

Sie läuft und läuft seit Millionen Stunden. Sie schlug schon am 21. Mai anno 1471 zur Geburtsstunde Albrecht Dürers. Und sie zeigte das Jahr 1492, als Kolumbus einen neuen Kontinent entdeckte. Pünktlich auf den Schlag wird sie nun wieder einen Jahreswechsel ankünden, den 535. seit ihrer Geburt.
Die elf Meter hohe astronomische Uhr in der Sankt-Marien-Kirche zu Rostock ist ein weltweit einmaliges Wunderwerk. Als einzige ihrer Art aus dem Mittelalter funktioniert sie heute noch so zuverlässig wie bei ihrer Einweihung im Jahr 1472 – und das mit weitgehend original erhaltenen sechs Werken. Täglich zieht sie ein Küster mit der Hand auf.
Ganz oben bewegen sich um 12.00 und um 24.00 Uhr sechs Holzfiguren, Evangelisten und Apostel, an dem in der Mitte stehenden segnenden Jesus vorbei. Nur einer, Judas, muss ungesegnet am Ende des Weges vor der verschlossenen Tür bleiben. Zu jeder vollen Stunde erklingt ein Glockenspiel.
Die Uhr zeigt nicht nur heute noch exakt Minute und Stunde; sie enthält ein komplexes Kalendarium mit Römer-Zinszahl, Steuerzyklus, Fastnachts- und Osterdaten. Es gibt einen Kalendermann, geschnitzte Tierkreiszeichen und Monatsbilder. Im Januar tafelt ein reicher Herr, im Februar wärmt sich einer am Feuer, im November wird Holz gehackt, im Dezember ein Schwein geschlachtet...
Das Männleinlaufen erinnert frappierend an das der Nürnberger Frauenkirche. Und der Kirchenbesucher vernimmt bei einer Besichtigung des Unikums auch, dass der geniale Nürnberger Astronom Hans Düringer die komplexe, auch künstlerisch herausragende Riesen-Uhr ersonnen und gebaut hat. Behauptet wird’s zudem in Führern und im Internet.
Doch: Die Stadtarchive Nürnberg und Rostock besitzen keine Dokumente, die die Herkunft Düringers aus Nürnberg bezeugen. Und der beste Kenner der Uhr, der Rostocker Professor für Didaktik der Astronomie, Manfred Schukowski, hält die in Norddeutschland seit Generationen verbreitete Geschichte vom Nürnberger Uhrbauer in Rostock „für eine schöne, nicht auszurottende Legende“.
Sie sei in der Hansestadt wohl aufgekommen, weil Nürnberg zu Zeiten Düringers ein höchst geachtetes Zentrum für Uhrentechnologie war. Tatsächlich stamme der Uhrmacher wohl aus Thorn an der Weichsel. Das belegen Dokumente in Danzig, wo er ebenfalls aktiv war. 

EVELYN SCHERFENBERG