Volkskrankheit

Deshalb sind chronische Schmerzen so schwer therapierbar

22.11.2021, 18:42 Uhr
Viele Menschen mit chronischen Schmerzen haben oft depressive Stimmungslagen.

© iStock.com/Marta Ortiz Viele Menschen mit chronischen Schmerzen haben oft depressive Stimmungslagen.

Angeblich leidet mindestens jeder vierte Erwachsene in Deutschland an chronischen Schmerzen. Sind es wirklich so viele?

Professor Winfried Meißner: Etwa 23 Millionen Deutsche, das sind 28 Prozent, haben in einer Umfrage von chronischen Schmerzen berichtet. Aber nicht alle sind behandlungsbedürftig. Die Zahl der chronischen Schmerzpatienten, die an starken Beeinträchtigungen und damit verbundenen psychischen Problemen leiden, liegt bei 2,2 Millionen. Diese Gruppe benötigt in der Regel eine Therapie durch Schmerzspezialisten, bei der verschiedene Methoden kombiniert werden.

Winfried Meißner 59, Leiter der interdisziplinären multimodalen Tagesklinik für Schmerztherapie am Uniklinikum Jena. Seit Januar Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft. 
 

Winfried Meißner 59, Leiter der interdisziplinären multimodalen Tagesklinik für Schmerztherapie am Uniklinikum Jena. Seit Januar Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft.    © Michael Szabo (UKJ)

Wie kommt es dazu, dass Schmerzen chronisch werden?

Meißner: Meist hatten sie ursprünglich eine körperliche Ursache, haben sich dann aber sozusagen verselbstständigt. Zum Beispiel Rückenschmerzen: Bei 95 Prozent sind sie nach vier Wochen wieder vorbei. Bei fünf Prozent bleiben sie – aber nicht deswegen, weil bei ihnen der Auslöser, etwa eine Arthrose, besonders stark ist, sondern weil weitere Faktoren hinzukommen, die diesen Schmerz chronisch werden lassen.

Welche Faktoren sind das?

Meißner: Das sind körperliche Dinge, etwa ein verändertes Immunsystem, aber auch viele psychosoziale Risikofaktoren, angefangen von Depressionen über Ängste bis hin zu Unzufriedenheit am Arbeitsplatz.

Kommt es vor, dass man keine körperliche Ursache findet?

Meißner: Das ist sehr selten. Es gibt allerdings Krankheiten wie Fibromyalgie, die wir noch nicht richtig verstanden haben. In neueren Untersuchungen hat man gesehen, dass bei den Patienten die Verschaltung im Gehirn und auch das Immunsystem etwas anders ist. Davon zu unterscheiden sind psychische Erkrankungen, zum Beispiel Depressionen, die sich in Form von Schmerzen ohne auffälligen Befund äußern können.

Offenbar gehen chronische Schmerzen oft mit Depressionen einher?

Meißner: Wir wissen, dass viele Menschen mit chronischen Schmerzen depressive Stimmungslagen haben. In vielen Fällen ist eine Depression die Folge. Werden die Schmerzen behandelt, gehen auch die Depressionen zurück. Wenn eine Depression als primäre psychiatrische Erkrankung vorliegt, sind die Menschen aber auch oft schmerzempfindlicher. Schmerz ist in dem Fall die Folge der Erkrankung. Es ist eine Kunst herauszufinden: Gehört der Patient in die Schmerztherapie oder benötigt er primär eine Psychotherapie? Deshalb ist es so wichtig, dass ihn Experten verschiedener Disziplinen sehen, eben auch Psychotherapeuten und Psychiater.

Wie wirkt sich die Pandemie aus?

Meißner: Es ist noch sehr früh, um dazu etwas zu sagen. In unserer Schmerzambulanz sehen wir drei Gruppen: Bei denen, die schon vor der Pandemie Schmerzpatienten waren, ist es zum Teil zu einer Verstärkung der Probleme gekommen. Wir haben Leute, die zum Beispiel sagen: 'Die Ablenkung durch das Kaffeetrinken mit meinen Nachbarn fällt weg.' Kommt hinzu, dass einige ihre Termine in der Physiotherapie nicht wahrnehmen konnten.

Sie sehen einen indirekten Effekt?

Meißner: Sozusagen. Dann gibt es noch schwerkranke Covid-Patienten, die auf der Intensivstation behandelt wurden. Wir wissen aus eigenen Studien, dass circa ein Drittel aller Intensivpatienten sechs Monate nach der Entlassung unter Schmerzen leidet. Das liegt an der langen Zeit, die sie im Bett lagen, und an Nervenschädigungen, die auftreten können. Dann haben wir noch die dritte Gruppe: Diese Patienten waren fit, sind dann an Covid erkrankt und haben seitdem Schmerzen. Das sind wahrscheinlich nicht viele. Die Hauptprobleme bei Long-Covid sind eher Erschöpfung und Müdigkeit.

Um Schmerzen welcher Art handelt es sich?

Meißner: Manche berichten über Gelenkschmerzen, andere über Brustschmerzen. Es scheint so zu sein, dass Covid auch hier ganz unterschiedliche Folgen hat. Inzwischen ist ein Forschungsprojekt der deutschen Unikliniken angelaufen, in dessen Rahmen Covid-Patienten zu ihren Schmerzen befragt werden.

Wie gut können Sie Schmerzpatienten helfen?

Meißner: In unserem Schmerzzentrum absolvieren Patienten, die oft seit vielen Jahren Schmerzen haben, vier Wochen in der interdisziplinären Tagesklinik. Das sind insgesamt 100 Therapiestunden. Von der Behandlung profitieren sie mindestens ein Jahr lang: So benötigen sie nur noch halb so viele Schmerzmittel. Die Intensität der Schmerzen sinkt auch, aber die Patienten kommen vor allem besser mit ihnen klar. Sie lernen zum Beispiel, sich in bestimmten Situationen anders zu verhalten.

Was heißt das konkret?

Meißner: Wir haben Patienten, die sich aus lauter Angst vor Schmerzen nicht mehr bewegen. Ihnen kann man zeigen, wie sie sich bewegen können, ohne dass die Schmerzen zunehmen. Es gibt auch die, die wir 'Durchhalter' nennen. Sie müssen lernen, Pause zu machen und auf ihren Körper zu hören. Für manche sind Entspannungsverfahren wichtig, für andere Ablenkung.

Gibt es neue Ansätze, die Hoffnung machen können wie die Hirnstimulation?

Meißner: Mit solchen Techniken können bei ausgewählten Patienten mit wenig Nebenwirkungen Beschwerden reduziert werden, zum Beispiel Schmerzen nach Schlaganfällen. Die Hoffnung, dass es irgendwann die eine Tablette oder Therapie gibt, die zur Beschwerdefreiheit führt, wird sich bei chronischen Erkrankungen nicht erfüllen. Chronische Schmerztherapie ist immer Teamarbeit. Es geht darum, verschiedene Methoden zu kombinieren – neben der Medizin ist das die Psycho- und die Physiotherapie.

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