Schmerzen als Warnsignal

Erlanger Experte erklärt: So funktioniert unser "Schmerzgedächtnis"

5.8.2022, 07:00 Uhr
Schmerz ist unangenehm, aber lebensnotwendig.

© Pixabay Schmerz ist unangenehm, aber lebensnotwendig.

Schmerzen warnen uns vor körperlichen Schädigungen. Erklärt Diplom-Psychologe Peter Mattenklodt, Leitender Psychologe des Interdisziplinären Schmerzzentrums des Universitätsklinikums Erlangen.

Die betroffene Körperstelle sendet Nervenimpulse ans Gehirn. Erst dort entsteht dann der Schmerz. Wenn Schmerzen zügig wieder abklingen, nachdem die Schädigung behoben ist, spricht man von akuten Schmerzen.

Veränderungen im Rückenmark und Gehirn

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Bei der Entstehung von chronischen Schmerzen spielen Veränderungen im Zentralnervensystem, also Rückenmark und Gehirn, eine entscheidende Rolle. Unser Gehirn ist in der Lage, sich umzustrukturieren, um sich optimal an unsere Lebensbedingungen anzupassen. Diese Eigenschaft nennt man Neuroplastizität.

Bestehen Schmerzen längere Zeit oder sind sie sehr stark, kann dies dazu führen, dass Schmerzreize aus dem Körper mit der Zeit immer leichter ins Gehirn weitergeleitet werden und dort eine stärkere Reaktion hervorrufen. Der gleiche Reiz löst so stärkere Schmerzen aus. Das Gehirn hat den Schmerz gelernt. Diese Anpassungsvorgänge im Schmerzverarbeitungssystem von Rückenmark und Gehirn werden daher auch Schmerzgedächtnis genannt.

Schmerzen nicht ignorieren

Im Einzelfall kann man bisher nicht genau vorhersagen, wann und wie schnell sich ein Schmerzgedächtnis ausbildet. Bekannt ist jedoch, dass psychosoziale Risikofaktoren entscheidend sind: So erhöhen bei Rückenschmerzen depressive Stimmung, dauerhafter Stress und Konflikte das Risiko der Chronifizierung. Mitentscheidend ist auch das eigene Verhalten: Das Konzentrieren auf den Schmerz und körperliche Schonung sind dabei ebenso ungünstig wie das Ignorieren der Schmerzen.

Löschen lässt sich ein Schmerzgedächtnis nicht vollständig. Doch Betroffene können lernen, welche Verhaltensweisen hilfreich sind, um Schmerzen günstig zu beeinflussen und deren Macht über das eigene Verhalten zu verringern. So kann das Gehirn "umlernen". Dabei können Patienten auch die Möglichkeiten der sogenannten "multimodalen Schmerztherapie" nutzen, die in interdisziplinären Schmerzzentren von Ärzten, Psychologen, Pflegekräften und Physiotherapeuten gemeinsam angeboten wird.

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