Auch bei Neugeborenen

Fälle von Geschlechtskrankheiten nehmen deutlich zu - Forscher vermuten einen bestimmten Grund

Alina Boger

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21.11.2023, 18:53 Uhr
Die Zahlen bei sexuell übertragbaren Krankheiten sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen.

© IMAGO/Zoonar.com/Yuri Arcurs peopleimages.com Die Zahlen bei sexuell übertragbaren Krankheiten sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen.

Wenn es zu Erkältungen kommt, wissen die meisten Menschen sich zu helfen. Ob ein warmer Tee, ein Tag im Bett oder doch der Gang zum Arzt, jeder hat seine bewährte Methoden. Sobald es aber um Beschwerden im Intimbereich geht, drücken sich immer noch viele Menschen davor, einen Fachmann aufzusuchen.

Trotz des Zeitalters von sozialen Medien und des Internets, scheint die Aufklärung über sexuell übertragbare Krankheiten (STIs) mangelhaft zu sein. Laut der Deutschen STI-Gesellschaft nehmen Fälle der STIs stark zu, insbesondere bei Syphilis. "Insgesamt kann man sagen, dass Syphilis seit dem Jahr 2000 zunimmt. Damals waren es noch 800 Fälle, heute sind es über 8000", erklärt Norbert Brockmeyer, Präsident der STI-Gesellschaft, gegenüber der "Deutschen Presse-Agentur" (dpa).

Enormer Anstieg von Syphilis und Hepatitis B

Laut dem Robert-Koch (RKI) sind die gemeldeten Syphilis-Fälle von 5330 im Jahr 2013 auf 8309 im Jahr 2022 angestiegen. Bei Hepatitis B ist der Anstieg noch rasanter, von 715 auf 16 635 Fälle.

Auch in den USA entwickelt sich der Trend ähnlich. Im November meldetet die Gesundheitsbehörde CDC einen starken Anstieg von Syphiliserkrankungen bei Neugeborenen. Mit 3700 Babys im vergangenen Jahr, sind es zehnmal so viele Fälle, wie noch vor zehn Jahren. Im Vergleich zum Jahr 2021 bedeutet das einen Anstieg von 32 Prozent. Außerdem heißt es in dem Bericht der CDC, dass 90 Prozent der Fälle vermeidbar wären, wenn die Mütter während der Schwangerschaften getestet und behandelt geworden wären.

Forscher vermuten einen bestimmten Grund für diese Entwicklung

Laut Brockmeyer sollen digitale Medien schuld sein. "Man kann Sexkontakte über den digitalen Weg erreichen. Dadurch ist die Möglichkeit geschaffen worden, schneller Sexualkontakte zu knüpfen", so Brockmeyer gegenüber der "dpa".

Silke Klumb von der Deutschen Aidshilfe weist darauf hin, dass die Häufigkeit bestimmter STIs von der Gruppe abhängt. Diese wird beeinflusst durch das Sexualverhalten, die Partnerzahl und die Testhäufigkeit. Als Beispiel nennt sie, dass die Zahl der HIV-Diagnosen in Deutschland, besonders unter schwulen und bisexuellen Männern, seit 2007 zurückging.

So schützt man sich vor sexuell übertragbaren Krankheiten

Das wohl bekannteste und bewahrte Mittel ist das Kondom. Gegen Hepatitis B gibt es beispielsweise eine Impfung. Es gibt auch bestimmte Medikamente, wie das Antibiotikum Doxy-PrEP. Diese sollen Personen, die häufig ungeschützten Sex haben, vor manchen STIs schützen. Und auch als Vorbeugemaßnahme vor HIV-Infektionen gibt es bestimmte Medikamente. Das Problem sei hier aber, dass Menschen bei Einnahme dieser Medikamente oft auf Kondome verzichten und somit Gefahr laufen, sich mit anderen STIs anzustecken.

In allen Fällen läuft es auf eines hinaus: Wer den Verdacht hat, sich mit einer STI angesteckt zu haben, sollte sich umgehend von einem Arzt untersuchen lassen.

Aufklärungsbedarf: Menschen schätzen eigenes Risiko für STIs zu gering ein

Laut Brockmeyer müssen Menschen aller Altersgruppen viel mehr über verschiedene STIs aufgeklärt werden. Zwar werden beispielsweise Chlamydien eher bei jüngeren Menschen diagnostiziert, so sind aber auch oft 55- bis 60-Jährige betroffen, erklärt er. Außerdem gäbe es bei den meisten STIs zu 80 Prozent keine Symptome. Betroffene würden deswegen oft nicht zum Arzt gehen. Daher müsste es eine praktischere Lösung wie Home-Tests für HIV oder Kits zur Selbstentnahme von Proben geben. Diese sollten über Online-Shops und Gesundheitsämter zugänglich gemacht werden, findet er. "Im Swingerbereich, sowohl im schwulen als auch im heterosexuellen Bereich, muss mehr an Aufklärung laufen", sagt er noch.

Zusätzlich besteht ein Problem darin, dass STIs von vielen Mythen und Missverständnissen umgeben sind. Daher schätzen Menschen ihr Risiko oftmals viel geringer ein, als es tatsächlich ist. "Obwohl die Chlamydien-Infektion die häufigste bakterielle STI in der Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist, schätzen nur acht Prozent der Befragten ihr Risiko als (absolut) wahrscheinlich ein", erklärt Johannes Breuer von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) der "dpa".

Um diesem Trend entgegenzuwirken, sollte das Thema weniger tabuisiert werden. Es sollte mehr Angebote zur Gesundheitsförderung und Prävention geben, so Breuer. "Alle Menschen sollen das Wissen und die Möglichkeit haben, gut für sich und ihre sexuelle Gesundheit zu sorgen."

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