Internist sieht Anhaltspunkte

Pflanzliche Mittel: Kann regelmäßiges Gurgeln einer Corona-Infektion vorbeugen?

1.9.2021, 14:40 Uhr
Antibakterielle Mundspülungen erhalten ihre Wirkung durch desinfizierende Wirkstoffe wie zum Beispiel ätherische Öle, aber können sie gegen Corona helfen?

© LarsZ/shutterstock.com Antibakterielle Mundspülungen erhalten ihre Wirkung durch desinfizierende Wirkstoffe wie zum Beispiel ätherische Öle, aber können sie gegen Corona helfen?

Die Therapie von Covid-19 hat sich zwar verbessert, dennoch war die Suche nach wirksamen Medikamenten bisher nicht sehr befriedigend. Welchen Beitrag kann die Naturheilkunde leisten?

Dr. Rainer Stange: Wir würden gerne einen großen Beitrag leisten, doch leider ist er bisher eher bescheiden. Inzwischen gibt es einige chinesische Studien aus der Frühzeit der Pandemie, wo Präparate der Traditionellen Chinesischen Medizin auf Intensivstationen eingesetzt wurden. In China werden die Effekte relativ euphorisch geschildert, doch wird die Wertigkeit dieser Studien überschätzt. Unsere medizinische Publikationskultur ist auf Schnelligkeit, nicht auf Qualität getrimmt. Das gilt auch für die Phytotherapie.

Um welche Stoffe ging es bei diesen Studien?

Stange: Das waren keine einzelnen Pflanzen, sondern meist klassische Rezepturen aus etwa zehn bis 15 Pflanzen.

Welche Pflanzen könnten gegen Sars-CoV-2 wirken?

Dr. med. Rainer Stange 71 Jahre, ist Internist und Experte für Naturheilkunde. Er ist Präsident des Zentralverbandes der Ärzte für Naturheilverfahren und Regulationsmedizin sowie Vizepräsident der Gesellschaft für Phytotherapie.

Dr. med. Rainer Stange 71 Jahre, ist Internist und Experte für Naturheilkunde. Er ist Präsident des Zentralverbandes der Ärzte für Naturheilverfahren und Regulationsmedizin sowie Vizepräsident der Gesellschaft für Phytotherapie. © Dawin Meckel/Ostkreuz

Stange: Zu den Kandidaten, die wir sehr früh vorgeschlagen haben, gehören Echinacea, also Sonnenhut, und viele altbekannte Pflanzen mit hustenlinderndem oder schleimlösendem Effekt wie etwa Thymian. Bei Laborstudien haben einige dieser Kandidaten hoffnungsvoll abgeschnitten. Zum Beispiel gibt es eine Arbeit, wonach Echinacea-Extrakte, aber auch der aus der Malaria-Therapie bekannte einjährige Beifuß eine Aktivität gegen Sars-CoV-2 entwickeln. Aber das tun wahrscheinlich viele Pflanzen, es kommt auf die Konzentrationen an. Man muss sich fragen: Ist es realistisch, dass die Substanzen die Zielorgane in wirksamen Konzentrationen erreichen? Bei topischen, also lokalen Anwendungen, ist das leichter machbar. Da die Viren vor allem über die Nasen- und Rachenschleimhaut eindringen, kann man versuchen, die Schleimhäute durch Gurgeln oder Schlucken so zu konditionieren, dass sie resistenter werden. Von einer solchen topischen Behandlung kann man sich oft mehr versprechen als von einer systemischen, bei der sich der Wirkstoff im ganzen Körper verteilt.

Man könnte also vorbeugend mit Kräuterzubereitungen gurgeln?

Stange: Ja. Der Mund-Rachenraum ist ja der erste Angriffspunkt. Vor Grippeviren kann man sich zum Beispiel mit Gurgeln von Grüntee schützen. Das wissen wir aus der sehr guten Forschung, die in Japan seit Jahrzehnten zu diesem Thema betrieben wird. So hat man in randomisierten Studien eine Gruppe mit Grüntee, die andere mit klarem Wasser gurgeln lassen. Die Grüntee-Gurgler waren wesentlich besser vor Grippe geschützt als die Wassergurgler. Aber auch Wassergurgeln ist besser als nichts: Ausgetrocknete Schleimhäute sind nämlich angreifbarer. Ich glaube, sehr große, weitgehend ungenutzte Chancen liegen derzeit in präventiven, topischen Anwendungen, also etwa Mund- und Rachenspülungen mit antiviralen Substanzen. Den Nasenraum, der ebenfalls eine Eintrittspforte ist, erreicht man gut mit Aromatherapie und ätherischen Ölen. Man könnte Thymian oder Lavendel einsetzen.

Manche Leute lutschen Zistrosentabletten, um sich vor einer Ansteckung zu schützen.

Stange: Sie ist bei grippalen Infekten erprobt, da gibt es eine randomisierte doppelblinde Studie, die nicht schlecht ist. Das reicht aber natürlich für eine klinische Wirksamkeit gegen Sars-CoV-2 nicht aus.

Auch die Taigawurzel soll das Immunsystem stimulieren. Was weiß man über sie?

Stange: Sie gehört wie Ginseng zu den Adaptogenen, die den Körper widerstandsfähiger gegen Stress machen. Möglicherweise erhöht die Pflanze langfristig die Resilienz. In den 50er Jahren hat es dazu in der Sowjetunion einen der größten Präventionsversuche der Menschheitsgeschichte gegeben: Rund 15 000 Automobilarbeiter erhielten über zehn Jahre je zwei Monate im Frühjahr und zwei im Herbst die Taigawurzel. Die Grippehäufigkeit sank um 40 Prozent.

Aronia und Holunderbeeren färben stark. Weist das darauf hin, dass sie ein großes Potenzial haben?

Stange: Ja. Gerade in tiefroten Beeren finden sich Polyphenole, die positiv auf die Gesundheit wirken – in hoher Konzentration. Als Faustformel können Sie sagen: Je dunkler die Früchte, desto mehr biologisch interessante Substanzen sind enthalten. Holunderbeeren, Blaubeeren, Aronia – die Wirkung dieser Pflanzen könnte man näher untersuchen, wenn man ein Programm und genügend Mittel hätte. Aroniasaft hat in einer Studie, bei der im Labor die Hemmung von Sars-CoV-2-Viren durch vier pflanzliche Produkte untersucht wurde, am besten abgeschnitten. Wir haben überlegt, in einem Hochinzidenzgebiet eine entsprechende Studie zu machen: Dort könnten 1000 nicht infizierte Bürger randomisiert für bestimmte Zeit Aroniasaft oder ein Vergleichsgetränk erhalten. Danach müsste man vergleichen, wie viele sich in beiden Gruppen infiziert haben und wie schwer die Verläufe waren. Auch bei Vitamin C gibt es interessante Settings, die aber nicht verfolgt werden.

Was ist, wenn sich jemand infiziert hat? Könnten pflanzliche Mittel dann noch helfen?

Stange: Man könnte testen, wie sich Phytopharmaka auf den Krankheitsverlauf auswirken. Infizierte, die gerade ihren positiven Test bekommen haben, würden randomisiert mit Mitteln wie Echinacea versorgt. Dann würde man untersuchen, wie sich die Verläufe unterscheiden.

Welche Pflanze könnte noch einen Beitrag leisten?

Stange: Die Rosenwurz ist interessant. Sie könnte bei der Behandlung des Post-Covid-Syndroms, das mit chronischer Erschöpfung und Abwehrschwäche einhergeht, eine Rolle spielen.

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