Crashtest-Dummy

Herr Biofidel hält für uns die Knochen hin

Ulla Ellmer

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30.7.2022, 15:21 Uhr
Biofidel: Unter dem durchtrainierten Körper verbirgt sich ein leidensfähiges Skelett.

© CTS Biofidel: Unter dem durchtrainierten Körper verbirgt sich ein leidensfähiges Skelett.

Früher war nicht alles besser. Man mag es sich kaum mehr vorstellen – aber für 1971 wies die Unfallstatistik noch die dramatische Zahl von 21322 Verkehrstoten aus. Fünfzig Jahre später, 2021, waren „nur“ noch 2562 Opfer zu beklagen.

An die Wand gefahren

Gurt- und Kindersitzpflicht, Airbags, Assistenzsysteme, verkürzte Rettungsketten auch dank des Handys – die Gründe für den Rückgang sind vielfältig. Desgleichen hat die Unfallforschung ihren Beitrag geleistet. Regelmäßig lassen sich in ihrem Auftrag tapfere Wesen an die Wand fahren, um den Wissenschaftlern selbstlos Erkenntnisse über Verletzungsrisiken zu liefern.

Herr Biofidel kann auch bequem sitzen.

Herr Biofidel kann auch bequem sitzen. © CTS

Aus Fleisch und Blut bestehen diese Crashpiloten freilich nicht. Aber sie kommen der menschlichen Anatomie immer näher. War der erste aller Dummys – Sierra Sam aus den USA, geboren 1949 – noch ein recht grobschlächtiger Geselle, ist Biofidel seinen lebenden Blaupausen schon sehr viel ähnlicher geworden.

Lebensecht statt lustig

Biofidel, das klingt lustig. Tatsächlich bedeutet das Wort aber so viel wie „lebensecht“, genauso wie der Begriff „Dummy“ nichts mit geistiger Minderbemitteltheit zu tun hat, sondern die englische Vokabel für „Attrappe“ ist.

Ins Dasein gerufen wurde der 75 Kilogramm schwere Herr Biofidel von der Münsteraner Firma „Crashtest Service“ (CTS), als maßgeblicher Entwickler zeichnete Michael Weyde verantwortlich, ein erfahrener Unfallforscher, der beim Dummy-Development mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden sowie der Technischen Universität Berlin zusammengearbeitet hat.

Stahl- oder Aluminiumskelette, wie sie die herkömmlichen Dummys als harte Kerle in sich tragen, erlauben nur unrealistische Rückschlüsse auf mögliche Verletzungen, ebenso wie die bislang verwendeten Kunststoffe. Weyde und sein Team sorgten dafür, dass Biofidel in seinem Job Knochen hinhält, die tatsächlich brechen können, seine Bänder und Sehnen können reißen, die Weichteile Schaden nehmen. Um das zu erreichen, erarbeitete Weyde beispielsweise ein spezielles Silikon, das die physikalischen Eigenschaften von menschlichen Weichteilen, Muskeln und Fett möglichst lebensecht nachvollzieht. Überzogen wurde die Komposition schließlich mit einer Hautnachbildung aus einer besonderen Latex-Mischung. Nach dem Crash kann Biofidel geröntgt und sogar obduziert werden.

Dummy sucht Frau

Heftige Kritik erntet der immer wieder der Umstand, dass die meisten Dummys dem sogenannten 50-Prozent-Perzentil-Mann entsprechen – etwa 1,75 Meter groß und 78 Kilo schwer. Das heißt vor allem, dass sie nicht das Verletzungsgefahr von Frauen abbilden. Der Vorwurf trifft auch Biofidel. Deshalb soll er künftig eine Freundin bekommen.

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