An diesen Männern kommt niemand vorbei

Faul auf Liegen lümmeln: Hier herrscht der Bagnino übers Strandbad, eine italienische Institution

Matthias Niese

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25.7.2022, 14:17 Uhr
So muss Urlaub im Bagno sein - Faul auf der Liege lümmeln, die Sonne scheint, die Kinder haben Spaß.

© Matthias Niese So muss Urlaub im Bagno sein - Faul auf der Liege lümmeln, die Sonne scheint, die Kinder haben Spaß.

Den ganzen Abend und die ganze Nacht haben vier ihrer Leute Liegestuhl um Liegestuhl abgefegt und in Reih und Glied gerückt, haben Zigarettenkippen, Essensreste und Bonbonpapier aus dem Sand gerecht. Nun, um sieben Uhr Morgens, kommen ein paar Frühaufsteher auf einen Espresso und ein Hörnchen in die Strandbar und blinzeln über die Zeitung hinaus aufs ruhige Meer.

Seit über 60 Jahren pachtet Familie Baldazzi einen Strandabschnitt in der Emilia Romagna vom Staat und hat ihn Stück für Stück vergrößert. Opa Baldazzi war noch Reisbauer und arbeitete gelegentlich in der Saline von Cervia. Doch als Mitte der 1950er Jahre die ersten Touristen aus Mailand, Bologna und sogar aus dem fernen Deutschland nach Italien kamen, um an der Adria faul in der Sonne zu liegen, eröffnete er einen kleinen Kiosk in den Dünen und verkaufte den Fremden Eis und Getränke.

Über 1000 Liegestühle wollen gut verwaltet sein

Heute ist Balmor 156 mit gut 400 beigefarbenen Schirmen und 1000 Liegestühlen eines der größten Bagnos an der südlichen Adria zwischen Comacchio und Rimini. Es ist eine dieser uritalienischen Institutionen, die sich nur unzureichend mit Sonnenschirm- und Liegestuhlverleih übersetzen lässt.

Bademeister in dritter Generation: Mirko und Luca Baldazzi an ihrem Strand in Cervia. Foto: Matthias Niese

Bademeister in dritter Generation: Mirko und Luca Baldazzi an ihrem Strand in Cervia. Foto: Matthias Niese

Am Bagno kommt man als Strandurlauber in Italien nur schwer vorbei. Die etwa 30.000 Strandbadbetreiber sind eine italienische Wirtschaftsmacht und haben gute Lobbyarbeit geleistet. Ein Drittel aller italienischen Strände – und die sind immerhin 3500 Kilometer lang – ist in der Hand privater bagninos wie Mirko und Luca.

Manche Strände erreicht man von der Promenade aus nur über ein Kassenhäuschen, rechts und links versperren sogar Zäune zwischen den Bädern den Zutritt. Lediglich entlang des Wassers müssen fünf Meter für jedermann frei zugänglich bleiben. Was noch an freien Stränden übrig bleibt, ist meist unattraktiver, ungepflegt, ohne Infrastruktur oder ungünstig gelegen.

Das Bagno ersetzt die Infrastruktur eines Hotelstrandes

In der Emilia Romagna haben an 100 Kilometern Sandstrand über 1400 Bagnos etwa 250.000 Liegestühle aufgestellt, da kann man sich schon mal verirren. Zum Glück unterscheiden sich die Bäder in der Farbe ihrer Schirme, und wer die Nummer seines Liege(n)platzes im Kopf hat, findet anhand der durchnummerierten Reihen wieder zurück.

Wer sich mokiert, dass in der Hauptsaison 22 Euro und mehr für zwei Liegen und einen Schirm ganz schön viel Geld sind, sollte wissen, dass er dafür einiges geboten bekommt. Das Bagno ersetzt die Infrastruktur, die die meist kleineren Familienhotels an Italiens Stränden nicht bieten und die man so nur aus großen Clubhotels kennt.

Die Bademeister sind Konkurrenten und müssen sich ständig Neues einfallen lassen, um die Badegäste in ihren Abschnitt zu locken. Kostenlose warme Duschen am Strand, Bocciabahnen, Tischtennis, Beachvolleyball, Kinderanimation, Kinderspielplatz, Umkleidekabinen, Schließfächer und ein Restaurant sind Standard. Manche offerieren auch freies Internet, Handyaufladestationen und mobile Duschen direkt an der Liege sowie Fitnessgeräte, morgendliches Yoga und abendliche Disko am Strand.

Die Strände hier sind fest in Händen der Italiener, nur 15 Prozent sind Ausländer. Die meisten Deutschen bleiben an der oberen Adria zwischen Venedig und Grado hängen, dem klassischen Teutonengrill. An den Stränden von Comacchio, Cervia, Cesenatico, Rimini, Riccione und Cattolica erlebt man also noch italienischen Badeurlaub in Reinkultur.

Hier ist viel italienisches Theater geboten

Die Bagnos bieten also viel italienisches Theater. Vor allem in den zwei Wochen um den 15. August, wenn sich zu Ferragosto ganz Italien am Meer in die Sonne legt und die Städte wie ausgestorben in der Sonne brüten. Die ersten Badegäste kommen dann mit Klapp- oder Hollandrad, sperren ihren Spind auf und ziehen sich in aller Ruhe um. Bevor sie auf dem Weg zum Schirm die endlosen Reihen passieren, halten sie an einem der großen Spiegel inne und prüfen, ob ihr Glitzerbikini oder die knappe Badehose auch gut sitzt.

Der Strand vorm Bagno ist Laufsteg für alle. 

Der Strand vorm Bagno ist Laufsteg für alle.  © Matthias Niese

Vorn am Strand erkennt man Profis daran, dass sie maßgeschneiderte Tücher mit eingenähten Gummis an die Ecken der Liegen spannen oder Handtücher auflegen, in deren Überhang am Kopfende Taschen eingearbeitet sind, die die wichtigsten Utensilien aufnehmen: Smartphone oder Tablet, Buch oder Zeitung, Sonnencreme und das wasserdichte Täschchen.

Das trägt man am Strand in der Hand, wenn man wie tausende andere plaudernd am Wasser entlangspaziert. Viele halten sich ihr Telefon vor den Mund, stolzieren mit der anderen Hand wild gestikulierend im Sand auf und ab und halten gelegentlich inne, um die Badehose zurechtzuzupfen.

Es könnte übrigens bald vorbei sein mit der Dynastie der Baldazzis, denn die EU verbietet erbliche Pachtlizenzen. Sie müssten schon lange europaweit ausgeschrieben werden, doch in Italien nimmt man das nicht so genau. Könnte das Gewohnheitsrecht kippen? Dann, so befürchten manche, bewerben sich auch internationale Großkonzerne und Investoren um eine Bagno-Lizenz und machen den Familienbetrieben den Garaus.

Weil aber in Italien vieles seine eigenen Wege geht, machen Mirko und Luca Baldazzi augenzwinkernd klar, dass sie davon ausgehen, dass auch noch ihre Kinder einst stolze bagninos sein werden.

Schirm an Schirm - im Bagno sind Platz und Schatten kostbar.

Schirm an Schirm - im Bagno sind Platz und Schatten kostbar. © Matthias Niese

Mehr Informationen:
Tourismusbüro der Region Emilia Romagna
www.emiliaromagnaturismo.it/de
das diese Reise unterstützt hat.

Nettes Familienhotel in Cervia
www.hotel-gabry.com

Bagno Balmor 156
www.balmor.it

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