Nach Bombenanschlag: Ansbach steht unter Schock

25.7.2016, 04:57 Uhr
Viele Ansbacher können es noch gar nicht glauben, was in der Nacht passiert ist.

Viele Ansbacher können es noch gar nicht glauben, was in der Nacht passiert ist. © NEWS5

Gegen 2.30 Uhr gleicht Ansbachs Zentrum einer Geisterstadt. Neben der Schlosskreuzung, etwa 300 Meter entfernt vom Tatort, steht ein großes Plakat. "Ansbach Open, 22. bis 24. Juli." Den Sonntag des Open-Air-Spektakels werden die Menschen hier so schnell nicht vergessen.

Ein paar Jugendliche laufen über den Schlossplatz, eher planlos als zielgerichtet, ansonsten sind nur Einsatzwagen der Polizei zu sehen, die Straße zum Bahnhof wird kontrolliert. Der Innenstadtbereich ist weiträumig abgeriegelt; gegen 22 Uhr hat sich unmittelbar vor dem Eingang zum Festivalgelände ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt und dabei zwölf Menschen verletzt, drei davon schwer, die aber nicht in Lebensgefahr schweben.

30 bis 40 Personen in der Nähe des Attentäters

Drei Kneipen grenzen unmittelbar an, eine Weinstube, eine Pilsbar, ein Cafe. Etwa 30 bis 40 Menschen sollen sich in unmittelbarer Nähe des Attentäters aufgehalten haben, sagt Ute Schliecker vom Referat für Bürgerservice, Kultur, Tourismus, Sport und Bildung der Stadt Ansbach, dem Mit-Veranstalter.

Philipp Dittberner, Joris und Gregor Meyle locken viele Jugendliche in die Reitbahn, 2000 Besucher sollen es insgesamt gewesen sein. Als es außen dumpf knallt, brechen die Veranstalter kurz darauf ab; Gregor Meyle spielt noch ein Lied zu Ende, danach ist Schluss.

Um 3 Uhr soll der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann im Angletsaal am Karlsplatz eine Pressekonferenz geben, direkt aus Berlin kommend, der Anfang verzögert sich. Sieben Kamerateams sind da, etwa 30 Journalisten.

Die wenigsten sind angespannt oder gar nervös, nur die Einheimischen können nicht fassen, was da ein paar Stunden zuvor passiert ist an einem äußerst vertrauten Ort. Knapp sieben Jahre nach einem Amoklauf an einem Ansbacher Gymnasium mit zehn zum Teil Schwerverletzten - und etwa ein Jahr nach einem Amoklauf im nahen Tiefenthal und Leutershausen mit zwei Toten.

Täter soll vor der Explosion telefoniert haben

Augenzeugen schildern der Polizei den Tathergang. Demnach habe der Mann offenbar erst gar nicht versucht, es durch den nur etwa zwei Meter breiten Einlass zu schaffen. Die dort postierten Sicherheitsleute hatten im Laufe des Abends jede noch so kleine Handtasche durchsucht, der Rucksackinhalt des dringend Tatverdächtigen wäre bei der Kontrolle aufgeflogen.

Also lief der Mann noch ein paar Minuten auf und ab, soll dabei mehrfach telefoniert haben – bis er sich in ein paar Meter Entfernung vom Eingang in die Luft jagte. Wenig später geht bei der Polizei ein Notruf ein, in den sozialen Netzwerken kursieren die ersten Spekulationen und Gerüchte.

Eine Gasexplosion in der nahen Gaststätte "Eugens Weinstube" schließt die Polizei gegen Mitternacht aus; Oberbürgermeisterin Carda Seidel hatte vor Journalisten erklärt, dass die Explosion vorsätzlich und durch einen Sprengsatz herbeigeführt worden sei.

Plötzlich interessiert sich die fast die ganze Welt für das kleine, eher beschauliche Ansbach. Knapp 40.000 Einwohner, eine Fachhochschule, früher der zweitgrößte Standort der US-Armee in Deutschland, viele Beamte. In Ansbach ist abends nicht viel los – außer an Tagen wie am Sonntag, von denen es im Jahreskalender höchstens zehn bis zwölf gibt.

Innenminister Herrmann betritt den Angletsaal

In unruhigen Zeiten wie diesen hinterlässt die Eil-Meldung von einem angeblichen Terroranschlag vor allem ein ungutes, diffuses Gefühl der Angst. Und Ohnmacht. Gegen 3.35 Uhr betritt Joachim Herrmann den Angletsaal, zuvor lässt er sich auf der nahen Polizeiinspektion am Karlsplatz auf den neuesten Ermittlungsstand bringen.

Über 200 Beamte sind zusammengezogen worden, um wieder für Sicherheit zu sorgen und erste Recherchen anzustellen. Der Bayerische Innenminister wirkt betroffen. Zwölf Personen seien verletzt worden, drei davon schwer, würden aber nicht in Lebensgefahr schweben.

Der Tatverdächtige ist ein 27jähriger Syrer und vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen, berichtet Herrmann. Der Asylantrag des Mannes sei vor einem Jahr abgelehnt worden, allerdings durfte er mittels Duldung bleiben. Seit längerem wohnte er in Ansbach in einer Asylbewerberunterkunft "und ist mehrfach strafrechtlich in Erscheinung getreten", sagt Herrmann, zwei Mal habe der Selbstmordattentäter bereits versucht, sich das Leben zu nehmen, weshalb er vorübergehend im Bezirkskrankenhaus untergebracht gewesen sei.

Herrmann: "Grässliche Tat"

Breit verstreut und in auch in größerer Entfernung wurden Metallteile gefunden, die offenbar im Rucksack des Täters zum Tatort gelangten. In der Absicht, möglichst viele Festivalbesucher und Passanten zu verletzen und zu töten. Einen radikalislamistischen Hintergrund kann Herrmann nicht bestätigen, aber auch nicht ausschließen.

"Es ist nur glücklichen Umständen zu verdanken", sagt Herrmann, "dass nicht mehr Menschen zu Schaden gekommen sind." Bürgermeisterin Carda Seidel, die selbst beim Konzert war, ist fürchterlich erschrocken, als sie den Knall und später die schlimme Nachricht hörte. Wie jede Ansbacherin und jeder Ansbacher.

Die meisten werden erst am nächsten Morgen von der "grässlichen Tat" (Herrmann) erfahren. Die Pressekonferenz dauert eine halbe Stunde, die BBC überträgt live aus dem Angletsaal, auch internationale Nachrichtenagenturen sind vor Ort. In einer ehemals beschaulichen Kleinstadt, die am Sonntagabend und Sonntagnacht eine andere geworden ist.

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