Unfaire Aufgabenstellung?

Ärger um Mathe-Abi in Bayern: Jetzt spricht der Kultusminister

19.5.2021, 16:57 Uhr
Unterrichtsqualität und -umfang der vergangenen Monate war bei den Abiturientinnen und Abiturienten in diesem Jahr besonders unterschiedlich. 

Unterrichtsqualität und -umfang der vergangenen Monate war bei den Abiturientinnen und Abiturienten in diesem Jahr besonders unterschiedlich.  © Tim Händel, NN

Weniger als die Hälfte des regulären Unterrichts hatte sie im vergangenen Jahr. Das gesamte Mathebuch und 15 vergangene Mathe-Abiturprüfungen hatte sie durchgeackert, um das schriftliche Mathe-Abi am Dienstag, 18. Mai, trotzdem gut bestehen zu können. Doch danach fühlte sich Anabel aus München "wie eine Idiotin".

Selbst Lehrer sollen Aufgaben als schwer empfunden haben

"Kurz gesagt, es war aufgrund der momentanen Situation eine Unverschämtheit! Selbst die Mathelehrer des Gymnasiums meiner Tochter hatten noch während der Prüfung lautstark ihren Unmut über den Schwierigkeitsgrad der Prüfung kundgetan", beschwert sich die Mutter einer Abiturientin aus dem Nürnberger Land. Es klinge für sie wie Hohn, wenn in einem Schreiben des Kultusministeriums verkündet werde, dass das Abitur qualitativ den Vorjahren entsprechen soll, die Voraussetzungen aber nicht vergleichbar seien.

Mehr als 18.000 Menschen unterstützen inzwischen die Online-Petition Mathematik "Abitur 2021 Bayern: besondere Umstände erfordern eine faire Prüfung" auf der Plattform "change.org". Ins Leben gerufen hat sie die Münchner Mathe-Dozentin Bettina Cornean. 500 Schülerinnen und Schüler hat sie in diesem Schuljahr als Nachhilfelehrerin und Dozentin auf dem Weg zum Mathe-Abi begleitet.

"Dabei ist in diesem Jahr ganz besonders deutlich geworden: Die "Unterrichtsniveaus" meiner Schüler:innen (aus Bayern) waren schon immer unterschiedlich. Wie sehr die Qualität dieser "Unterrichtsniveaus" an den Schulen hier in Bayern durch die Pandemiesituation aber abgenommen hat und beeinträchtigt wurde, hat mich zutiefst schockiert", meint Cornean.

Forderung nach "fairer Anpassung des Notenschlüssels"

Die vielen negativen Rückmeldungen der von ihr betreuten Schülerinnen und Schüler zeigten ihr nun, wie wenig vom Kultusministerium auf die vielen Hilferufe Rücksicht genommen wurde. Die Schüler hätten keine geschenkte Abi-Note gewollt aber eine faire Prüfung, die auf die Missstände einer mangelhaften Vorbereitung Rücksicht nimmt. Sie fordert deshalb, dass zumindest im Nachgang darauf eingegangen wird, und zwar durch eine "faire Anpassung des Notenschlüssels".

Die Erfolgsaussichten sind freilich nur gering. Erst 2019 hatte es einen gewaltigen Aufstand von Mathe-Abiturienten wegen vermeintlich zu schwerer Aufgaben gegeben, auch damals hatten sich Zehntausende einer Online-Petition angeschlossen. Geholfen hat das allerdings nichts: Der Notendurchschnitt war zwar tatsächlich etwas schlechter als in den Vorjahren - angepasst wurde der Notenschlüssel deswegen aber nicht.


Mathe-Abi zu schwer: Kultusministerium kündigt Überprüfung an


"Wir müssen jetzt auch mal die Kirche im Dorf lassen und aufpassen, dass wir einen Tag nach dem Mathe-Abitur nicht gleich den Teufel an die Wand malen", betont Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). Zuerst müsse man einmal die Korrektur abwarten.

Schon immer viel Protest bei Mathe-Abi

Die Bewertung des Schwierigkeitsgrades durch die Schüler sei schon immer schwierig gewesen, und gerade beim Mathe-Abitur habe es oft viel Protest gegeben. "In einer Situation, die sehr von Aufgeregtheit und Ängsten geprägt ist, ist das natürlich noch viel schwieriger als ohnehin schon", meint sie.

Mit einem Billig-Mathe-Abitur wäre man den Jugendlichen nichts gerecht geworden - und diese hätten vorher auch betont, nichts geschenkt haben zu wollen. "Es darf anspruchsvoll sein, muss aber auch fair sein - wie es auch der Ministerpräsident versprochen hat", meint Fleischmann. Nun müsse man fair korrigieren und bei der endgültigen Notengebung genau auf den einzelnen Schüler schauen und pädagogische Freiräume ausnutzen. Sollten sich auch nach der Korrektur die Aufgaben tatsächlich als außergewöhnlich schwer erweisen, müsse das Kultusministerium reagieren.

Dieses hat sich mittlerweile gegenüber unserer Zeitung zu den Vorwürfen geäußert. Es betont, dass die Abschlussklassen stets Vorrang beim Präsenzunterricht hatten. Außerdem sei die Unterrichts- und Vorbereitungszeit durch die Verschiebung der Prüfungstermine und durch Unterricht in den Faschingsferien erweitert worden. "Die Prüfungszeit wurde (bei unverändertem Aufgabenumfang) um 30 Minuten verlängert, was gerade im Fach Mathematik ein wesentliches Entgegenkommen darstellt", betont das Kultusministerium.

Nicht Prüfungsrelevantes war vorher bekannt

Prüfungsrelevante und nicht prüfungsrelevante Inhalte wurden überdies in diesem Jahr erstmals ausgewiesen, um eine gezielte Vorbereitung zu erleichtern. Im Fach Mathematik waren in diesem Jahr dadurch folgende Themen nicht prüfungsrelevant: Integralfunktion, Sinus- und Kosinusfunktion, Newton-Verfahren, Signifikanztest, Bestimmung einer Gleichung der Schnittgerade von Ebenen und die Bestimmung des Abstands windschiefer Geraden.

"Die diesjährigen Abiturprüfungsaufgaben im Fach Mathematik wurden von den Experten insgesamt als gut machbar eingeschätzt", teilt das Kultusministerium mit. Die Erstkorrektur der schriftlichen Abiturprüfungen soll nach den Pfingstferien abgeschlossen sein. Daran schließt sich eine Zweitkorrektur durch eine weitere Lehrkraft an.

Das Ergebnis der schriftlichen Abiturprüfung kann durch eine mündliche Zusatzprüfung verbessert werden. "Das Ergebnis der Abiturprüfung im Fach Mathematik geht mit einem Anteil von 6,6% in die Gesamtabiturnote ein", ordnet das Ministerium ein.

Piazolo: "Nicht aus der Ruhe bringen lassen"

Und auch Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) selbst äußert sich zu der Aufregung um das diesjährige Mathe-Abitur: "Nach einer Prüfung hat man schon mal das Gefühl, dass nicht alles so gut gelungen ist, wie man sich das vorgenommen hat. In diesem von Corona geprägten Jahr besteht diese Anspannung sicher bei vielen umso mehr, das kann ich gut verstehen. Wir haben auf die Corona-Sondersituation mit vielen Sonderregelungen reagiert, damit alle Prüflinge faire Bedingungen bekommen. Ich appelliere an alle Abiturientinnen und Abiturienten, sich jetzt auf die nächsten Abiturprüfungen zu fokussieren und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen."

Schon im Jahr 2019 habe es unmittelbar nach dem Abitur viel Aufregung in den sozialen Medien gegeben. "Am Ende hatten wir aber ein landesweit mit den Vorjahren vergleichbares, gutes Abiturergebnis“, meint Piazolo.

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