Bürgermeister sind stinksauer

Energiewende: Das Stromnetz packt die Mittagsspitzen nicht

4.10.2021, 06:00 Uhr
Photovoltaikanlagen produzieren besonders um die Mittagszeit viel Energie. Diese Spitzen könnten in Süddeutschland zum Problem für das Stromnetz werden.

Photovoltaikanlagen produzieren besonders um die Mittagszeit viel Energie. Diese Spitzen könnten in Süddeutschland zum Problem für das Stromnetz werden. © Stefan Blank, NN

Das Ziel ist klar: Deutschland soll bis 2045 klimaneutral werden. Rainer Kleedörfer von der Firma N-Ergie sieht auf dem Weg dahin große Probleme und das nicht nur bei der Produktion Erneuerbarer Energien. Aus seiner Sicht sind es die Stromnetze, die für massive Engpässe sorgen werden.
Bei der Bürgermeisterdienstversammlung malte er den anwesenden Bürgermeistern ein düsteres Bild. Ein großes Thema in vielen Rathäusern und Gemeinderäten der Region sind derzeit Freiflächenphotovoltaikanlagen, wie und wo sie gebaut werden können. Anfragen von Investoren gibt es regelmäßig. Doch nach Kleedörfers Vortrag waren einige Bürgermeister verunsichert, ob es überhaupt noch sinnvoll sei, solche zu planen.
Um 2045 Klimaneutralität zu erreichen, muss laut Kleedörfer noch viel passieren. 17 Prozent an Versorgung aus Erneuerbaren Energien habe man in den vergangenen 20 Jahren geschafft, „83 Prozent liegen noch vor uns – das ist eine gewaltige Herausforderung“, konstatierte er.
Kleedörfer sieht eine Doppelstrategie. Einerseits den Wechsel des Energieträgers zum Strom, denn der Wirkungsgrad beispielsweise von Verbrennungsmotoren sei zu gering. Durch zumindest eine Teil-Elektrifizierung könne viel gewonnen werden. Außerdem müssen die Erneuerbaren Energien ausgebaut werden.

Ganz ohne Erdgas geht es nicht

2022 steht der Ausstieg aus der Atomenergie, 2038 der aus der Kohle-Verstromung an. Eine große Herausforderung sieht Kleedörfer im Wärme- und Gebäudesektor. Ganz ohne Erdgas gehe es nicht, jedoch müsse sukzessive auf klimaneutrale Energieträger umgestellt werden, auch in Kraftwerken und der Industrie. Doch 100 Prozent der Versorgung aus Erneuerbaren Energien sicherzustellen, geht für ihn nicht. Ein Industrieland wie Deutschland brauche Versorgungssicherheit. Zu manchen Zeiten sei der Puffer bereits so gering, dass er mit dem Wegfall des Atomstroms die Gefahr eines Blackouts sieht. „Die Versorgungssicherheit ist nach 2022 hochgradig gefährdet.“
Als Leiter der Unternehmensentwicklung des Energieversorgers sieht er die größte Herausforderung in Süddeutschland in den Stromnetzen. Für Wasserkraft gebe es nicht genügend Potenzial, Wind sei eher nachrangig, dominierend sei die Photovoltaik. Um die Klimaziele zu erreichen, müsse hier noch eine Verdreifachung erzielt werden. Jedoch sei bald der Punkt erreicht, an dem die gewonnene Energie nicht mehr komplett eingespeist werden könne. Zur „Mittagsspitze“ der Photovoltaikanlagen, wenn sie am meisten Energie produzieren, seien die Netze schon jetzt kaum mehr aufnahmefähig. Auch im Landkreis werde kaum eine große Anlage, mit mehr als fünf Megawatt Leistung, ans Netz gehen und sicher mittags Strom einspeisen können – und das an 100 Tagen im Jahr für je vier bis fünf Stunden.
Es geht dabei nicht um alle Netze, sondern um 20- beziehungsweise 100-Kilovolt-Leitungen, Mittelspannungsnetze, nicht um die Fernverbindungen, die Hochspannungsleitungen. In die könnten nur sehr große Anlagen direkt einspeisen, sagte Kleedörfer. Nötig sei ein kompletter Ausbau der Mittelspannungsnetze und das dauere länger als eine Dekade. Dazu kämen Verteuerungen bei Bauleistungen und Material sowie verschiedene Regulierungen. „Wir stehen am Ende einer Sackgasse mit der Wand zehn Zentimeter vor Augen.“
Lösungsansätze sieht er unter anderem in „relativ lastnahen Anlagen“, beispielsweise in Photovoltaik auf Dachflächen, deren Strom in der Nähe verbraucht wird. Windkraft hätte ein anderes Erzeugerprofil als Photovoltaik, deren Erzeugungsspitzen wiederum könne man durch „Batteriespeicher im großen Stil“ ausgleichen. Eine Randerscheinung werde „grüner Wasserstoff“ sein, der müsse ortsnah verbraucht werden. Der Transport sei unwirtschaftlich teuer.

Forderungen an die Politik

Von der Politik fordert er, die Regulierung anzupassen. „Der Rechtsrahmen ist völlig ungeeignet, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen.“ An die Bürgermeister appellierte er, verbindlich festzulegen, welche Flächen bis 2030 für Freiflächenanlagen bereit stehen. Das sei für die N-Ergie zur Planung des Netzausbaus wichtig.
In der sich anschließenden Diskussion wurde viel nachgefragt. Markt Nordheims Bürgermeister Harald Endreß macht sich beispielsweise Sorgen um mögliche Investitionen seiner Bürger. Da man in der Kommune als Kriterium für Freiflächenphotovoltaikanlagen Bürgerbeteiligung festgeschrieben habe, hieße das, „die Verluste auf die Bürger zu legen“.
Dr. Birgit Kreß (Markt Erlbach) zeigte sich aufgebracht. Das sei doch ein „Treppenwitz“. „Wie werden wir denn regiert, wenn es an den Rahmenbedingungen scheitert?“ Landtagsabgeordneter Hans Herold, der sich erst später digital zuschalten konnte, bot ein Gespräch an. „Mir liegt sehr viel daran.“

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