Eine Auszeit gönnen

Winterblues: So können Sie ihm entgegenwirken

Anna Franck

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2.11.2021, 11:30 Uhr
Beim Stichwort Winterblues denkt Armin Nögel direkt an die Geschichte der Feldmaus Frederick. Auch Klangschalen können Momente der Achtsamkeit schaffen, um zur Dankbarkeit zurückzufinden.

 

Beim Stichwort Winterblues denkt Armin Nögel direkt an die Geschichte der Feldmaus Frederick. Auch Klangschalen können Momente der Achtsamkeit schaffen, um zur Dankbarkeit zurückzufinden.   © Anna Franck, NN

Die Wohnung muss blitzeblank sein, wenn die Gäste zum Weihnachtsschmaus eintreffen. Der schönste Baum muss festlich dekoriert das Wohnzimmer schmücken. Darunter liegen fein säuberlich verpackt die sehnlichst erwarteten Geschenke. Die Weihnachtszeit gilt meist als besinnlich. Bei manchen artet sie derweil schier zum Marathon aus. Wird es draußen kalt und dunkel, verfallen andere wiederum in einen Winterblues. Was bei Stress und depressiven Verstimmungen helfen kann, verraten drei Experten.

Die Erwartungen der anderen

Die eigenen Erwartungen und die der anderen sind es oft, die die Weihnachtszeit stressig werden lassen, sagt Angela Brock, die mit Tanja Siemund-Özcan in ihrer Praxis Sanvia in Bad Windsheim als Heilpraktikerinnen der Psychotherapie tätig sind. Eingefahrene Rituale aus der eigenen Kindheit werden übernommen. Die Medien präsentieren stets das Idealbild eines harmonischen Festes, an dem sich manche orientieren und unter Druck setzen lassen. Gerade Frauen würden in dieser Zeit eine Doppelbelastung spüren, da sie das Fest meist planen und nebenbei Arbeit, Familie und Freizeitleben unter einen Hut bringen müssen. Auch finanziell spüren manche eine enorme Belastung, beispielsweise durch kostspielige Geschenkewünsche, die erfüllt werden wollen, um den Erwartungen wiederum gerecht zu werden. Aufgrund des Drucks seien viele gereizt, Streitereien seien dann programmiert. Fällt der Stress ab, fallen manche in eine sogenannte Entlastungsdepression, in ein Loch.

To-Do-Listen helfen

Spannend wiederum: In der Corona-Zeit sollten Kontakte weitestgehend reduziert werden. Viele hätten es da genossen, an Weihnachten nicht unterwegs zu sein und die Zeit zuhause zu verbringen. Sich selbst mal ausklinken, die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen, das dürfe man sich erlauben, sagt Siemund-Özcan.
„Was macht man, weil es erwartet wird und was mache ich tatsächlich für mich“, beschreibt Angela Brock eine Frage, die sich jeder selbst stellen könne. Sich selbst Auszeiten gönnen, sei wichtig, sagt Siemund-Özcan. „Das muss nichts großes sein“, fügt Brock an, oft reiche es, eine Stunde in die Natur zu gehen oder sich mit einem Buch aufs Sofa zu verziehen. Autogenes Training kann Ruhe und Entspannung lehren. Grüblern könnte progressive Muskelentspannung helfen, bei der sich An- und Entspannung abwechseln. Wer frühzeitig mit der Planung beginnt, sich beispielsweise To-Do-Listen anlegt, schafft Sicherheit. „Aufgaben abgeben und sich nicht denken: Ich muss alles schaffen“, nennt Brock als weiteren Aspekt. Auch Partner oder Familie dürften einbezogen werden. Es müssten nicht immer die teuersten Geschenke sein. „Gemeinsame Zeit und Erlebnisse“, daran würden sich Kinder auch Jahre später noch erinnern, sagt Angela Brock, wenn das neuste Videospiel längst vergessen ist.

Kontakte knüpfen

Mit Einsamkeit hätten dagegen oft Alleinstehende oder ältere Menschen zu kämpfen. Wer schon vorab entsprechende Kontakte knüpft, könne dem vorbeugen. Im Herbst und Winter, wenn es kälter wird und die Tage gefühlt dunkler werden, hätten ohnehin viele mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen. Auch die Klienten von Tanja Siemund-Özcan und Angela Brock würden in dieser Jahreszeit vermehrt von Stimmungsschwankungen, Erschöpftheit oder auch dem Gefühl, im Hamsterrad festzustecken, berichten.

Wer Bekannte in einer solchen Gemütslage hat, könne versuchen, sie mit einem Spaziergang oder Stadtbummel abzulenken. Wer aus eigenen Kräften nicht mehr aus einem Loch herauskommt, dürfe sich aber nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Beim Stichwort „Winterblues“ ist Armin Nögel, , der bei der Kur-, Kongress- und Touristik-GmbH Meditationen und Waldbaden anbietet, die Geschichte der Feldmaus Frederick, die Leo Lionni in einem Kinderbuch erzählt, in den Sinn gekommen. Während seine Familie hart arbeitet, Futter für den Winter hortet, sammelt Frederick Farben, Sonnenstrahlen und Wörter für kalte lange Wintertage. Die Vorräte neigen sich im Winter dem Ende entgegen, durch seine Erinnerung schafft Frederick Bilder in den Köpfen seiner Familie. „Die Geschichte zeigt, dass jede Zeit schön sein kann“, sagt Nögel, wie wichtig es sei, sich etwas Gutes zu tun.

Ab in die heilsame Natur

Ab in die heilsame Natur, rät deshalb Armin Nögel. Sich bewusst Zeit für sich selbst nehmen, ohne Ablenkung durch störende Einflüsse und so zurück zur Dankbarkeit zu kommen. Nögel verweist auf die Glocke der Achtsamkeit des Mönches Thich Nhat Hanhs, eine Methode, die helfe, immer wieder in den Moment zu kommen. Eine solche könne sich auch jeder nach Hause in seinen eigenen Rückzugsort holen, beispielsweise in Form einer Klangschale. Ist es hektisch, könne man sie anschlagen und für einen Moment innehalten. In der Stille keime manches auf, doch nur so könne man es auch annehmen und letztlich loslassen.

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