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Bier-Botschafter: Wie ein Nürnberger Wirt das Oktoberfest "erfand"

Georg Lang führte "Bierburg" und "Prosit der Gemütlichkeit" ein - 24.02.2021 05:57 Uhr

Georg Lang stand gern im Mittelpunkt des Treibens. Auf einer Oktoberfest-Postkarte aus dem Jahr 1899 ist er in einem Bierfass dargestellt, ein Bierkrug mit der Aufschrift „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ in der rechten, eine Trompete in der linken Hand. Ihm zu Füßen liegt ein ihm zuprostender Affe (hier außerhalb des Bildauschnitts), dazu der Spruch „Fidel san ma beim Lang-Schurl“.

11.02.2021 © Münchner Stadtmuseum, Sammlung Puppentheater/Schaustellerei


Es ist der ganze Stolz der bayerischen Landeshauptstadt, doch das Münchner Oktoberfest, so wie man es heute kennt, ist eigentlich mitten in Franken geboren: in der Nürnberger Weintraubengasse. In der Hausnummer 2, wo heute der Burger-Brater Kuhmuhne und die Patisserie Tafelzier residieren, wurde das noch heute so beliebte Rezept für die Oktober-Stimmung verfeinert und der Wiesn-typische Größenwahn geboren. Nicht bürokratisch am Schreibtisch natürlich, sondern im prallen Wirtshaus-Leben.


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Denn seit der Konzessionserteilung am 10. Januar 1889 war Georg Lang hier der Herr über die Zapfhähne im Wirtshaus "Krokodil". Er muss ein umtriebiger und beeindruckender Restaurateur gewesen sein, schon bevor er später in München mit seiner "Bierburg" das Konzept der großen Bierhallen auf dem Oktoberfest einführte und "Ein Prosit der Gemütlichkeit" zum Stimmungsklassiker und meistgespielten Lied der Münchner Wiesn machte.

Mit der Kutsche zu schnell durch Nürnberg

Ein echter Lebemann war dieser Georg Lang – was sich nicht nur in seinem stattlichen Bauch und seinem prägnanten Schnauzer widerspiegelte. Gerne war er mit seinen Kutschen schnell unterwegs in Nürnberg, weshalb er prompt wegen "übermäßig schnellen Fahrens" bestraft wurde.

Diese Postkarte aus dem Jahr 1898 zeigt das einzige Foto von Georg Lang, das aus seiner Nürnberger Zeit bekannt ist. Zu sehen ist natürlich auch sein damals sehr beliebtes Wirtshaus "Krokodil" in der Weintraubengasse 2. "Des is der Schurschl, den a jeder kennt!", steht auf der Postkarte - und tatsächlich verstand es Lang wohl prächtig, sich einen Namen zu machen.

18.02.2021 © Stadtarchiv Nürnberg


Gesetze und Regeln waren für den 1866 bei der Nürnberger Hadermühle als Sohn eines Wirtschaftspächters geborenen Lang zuweilen nur "Auslegungssache". So sehr über Leichen gegangen wie in der im vergangenen Jahr ausgestrahlten TV-Serie "Oktoberfest 1900", in der die prägende Figur des Wiesnwirts Curt Prank stark an Georg Langs Geschichte angelehnt war, ist der Nürnberger aber wohl doch nicht.

Im "Krokodil" schenkte Lang den Gerstensaft der Lederer-Brauerei aus. Erst durch das beliebte Wirtshaus in der Weintraubengasse fand die schon seit 1814 existierende Brauerei zu ihrem Markenzeichen, dem vom Künstler Friedrich Wanderer gezeichneten, um einen Bierkrug kriechenden Krokodil – inspiriert von Wanderers Stammlokal, geführt von Georg Lang.

Unsittliche Einblicke durchs Pissoirfenster

Lang wusste, dass bei ausgelassener Stimmung das Bier besonders reichlich floss. Deshalb ließ er in seiner "Riesenhalle Krokodil", wie sie auf einer hauseigenen Serviette genannt wurde, tagtäglich eine 25 Mann starke Hauskapelle aufspielen. Auch mit "elektrischem Licht" rühmte er sich – damals noch eine echte Besonderheit, die der Geschäftsmann mit dem geschickten Händchen für erfolgreiche Vermarktung gleich für sich zu nutzen wusste.

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Heute sind gigantische Festzelte und die Allgegenwärtigkeit des Trinkliedes "Ein Prosit der Gemütlichkeit" eine Selbstverständlichkeit auf dem Münchner Oktoberfest. Doch eingeführt wurden diese damaligen Neuerungen am Ende des 19. Jahrhunderts vom Nürnberger Wirt Georg Lang. Auf der Wiesn ließ er dabei durchaus ein bisschen Nürnberger Lokalkolorit einfließen.


Wie bierselig es im "Krokodil" zuging, belegt ein Bericht des Stadtmagistrats vom 8. Oktober 1890. Demnach beschwerte sich der Nachbar Valentin Scheckenbach über ein ständig offenstehendes Pissoirfenster im ersten Stock des Wirtshauses, das von seinem Treppenhaus gut einsehbar war, "so daß ein jeder der in das Haus des etc. Scheckenbach über die Treppe hinauf oder herab will der Blick in das fragliche Pissoir fallen muß u. namentlich bei Nachtzeit da dieses beleuchtet ist u. öfters von jungen Mannspersonen aus muthwillen unsittliches Zeug getrieben wird."


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Georg Lang wurde zur Auflage gemacht, das Fenster zu versperren oder blickdicht zu machen. Doch lange Zeit zeigte sich der renitente Wirt unnachgiebig. Erst nach langem Hin und Her ließ er das Fenster im August 1894 endgültig verschrauben.

"Bayerische Riesenhalle" auf dem Oktoberfest

Von 1896 bis 1899 hatte Lang zusätzlich zum "Krokodil" die Konzession für den "Goldenen Hahn" in der Königstraße 51, der 1897 in "Reichshalle" umbenannt wurde. Dort durfte er seit Ende 1898 auch ein Varieté-Theater betreiben. Auf dem Nürnberger Volksfest, das damals noch auf dem Ludwigsfeld gefeiert wurde (gegenüber der heutigen Bundesagentur für Arbeit), betrieb er ab dem Jahr 1901 eine Bierhalle.

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Und nicht nur dort: Georg Lang fühlte sich nämlich zu Größerem berufen. Er wollte sich nicht nur in Nürnberg einen Namen machen, was er spätestens mit seinem Festzelt beim Deutschen Bundesschießen 1897 geschafft hatte, sondern auch in der bayerischen Landeshauptstadt München.


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Eigentlich wurde das Bier dort damals noch in kleinen Buden ausgeschenkt. Doch der gewiefte Geschäftsmann Lang sicherte sich 1898 mit Hilfe von Strohmännern gleich fünf Parzellen, auf denen er seine "1. Bayerische Riesenhalle" errichtete. In dieser präsentierte er sich groß als "Krokodilwirth Lang aus Nürnberg".

Blasmusik, Rostbratwürste und ein "Prosit der Gemütlichkeit"

Seine Riesenhalle bot Platz für 6000 Gäste – bislang ungesehen auf dem Oktoberfest. 120 Angestellte schufteten für Lang. Als Spezialität wurden Nürnberger Rostbratwürste angepriesen, ausgeschenkt wurde Märzenbier der Münchner Kindl Brauerei.

Das gewaltige Zelt, das Lang ab 1903 von der Augustiner-Brauerei auf der Münchner Theresienwiese hingestellt wurde, die sogenannte "Bierburg", hatte etliche typische Nürnberger Elemente. Fachwerk, Erker, ein Wehrgang mit Fallgitter. Links daneben ist auf dem Foto übrigens ein Stand zu sehen, an dem Nürnberger Lebkuchen verkauft werden.

16.02.2021 © Stadtarchiv München


Für Stimmung sorgte eine 30 Mann starke Blasmusik-Kapelle in Oberländlerkostümen, teilweise von Lang höchstselbst dirigiert. Eine solche Kapelle war damals noch eine echte Besonderheit – durfte aber schon wenige Jahre später bei keinem Wiesn-Betrieb mehr fehlen. Damit Stimmung, Gaudi und Textsicherheit garantiert waren, ließ Lang 50.000 Texthefte im Zelt austeilen.


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Motto auf der Titelseite: "Alt und Jung sich amüsieren kann, in der Riesenhall‘ beim luft’gen Lang". Im Liederheft des Jahres 1898 findet sich zum Beispiel der "Krokodil-Marsch", der viel Nürnberg-Lobgesang nach München brachte. Ein Beispiel: "Wär’n in Nürnberg wir / Hätt‘ mer mehr Plaisir / Hoch die alte Noris / Hoch das Krokodil!"

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Vor allem aber stand in den Liederheften auch das heute berühmte "Ein Prosit der Gemütlichkeit", das, ergänzt um den Trinkspruch "1-2-3-gsuffa", vom Nürnberger Georg Lang salonfähig gemacht wurde und heute das meistgespielte Wiesn-Lied ist. Geschrieben wurde das Lied freilich von einem Chemnitzer, und zwar dem Kirchenliedverfasser Bernhard Dietrich.

Festzelt mit Nürnberger Elementen

Lang stand gern im Mittelpunkt des Treibens. Auf einer Oktoberfest-Postkarte aus dem Jahr 1899 ist er in einem Bierfass dargestellt, ein Bierkrug mit der Aufschrift "Ein Prosit der Gemütlichkeit" in der rechten, eine Trompete in der linken Hand. Ihm zu Füßen liegt ein ihm zuprostender Affe, dazu der Spruch "Fidel san ma beim Lang-Schurl".

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Von 1900 bis 1902 betrieb der "Lang Schurl", wie er genannt wurde, zudem mit dem Münchner Kindl-Keller den größten Saalbau der Stadt. Mitsamt Biergarten und allen Nebenräumen fanden hier bis zu 11.500 Gäste Platz. Und auch hier gönnte er seinen Gästen Spektakel, zum Beispiel mit einer Gewichtheber-Meisterschaft.


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Das gewaltige Zelt, das Lang ab 1903 von der Augustiner-Brauerei auf der Münchner Theresienwiese hingestellt wurde, hatte übrigens etliche typische Nürnberger Elemente. Fachwerk, Erker, ein Wehrgang mit Fallgitter. Nach Langs Tod im Jahr 1904 betrieb seine Frau Mina die Halle weiter.

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Im Jahr 1907 wurde der bisherige Ring mit 18 Wirtsbuden auf dem Oktoberfest aufgelöst. Fortan durften dort sechs große Hallen der Münchner Brauereien stehen. Ganz nach dem Vorbild von Georg Lang.

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