Bringt Corona die große Rückkehr des Teleshoppings?

Arno Stoffels
Arno Stoffels

Region und Bayern

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22.3.2020, 18:14 Uhr
Ins Leben gerufen wurde das Teleshopping in Deutschland ursprünglich vom Versandhändler Quelle. Inzwischen profitieren acht reine Verkaufssender hierzulande erfolgreich um die Gunst der Kunden. Die Branche könnte einer der Gewinner der Corona-Krise sein. Foto: dpa

Ins Leben gerufen wurde das Teleshopping in Deutschland ursprünglich vom Versandhändler Quelle. Inzwischen profitieren acht reine Verkaufssender hierzulande erfolgreich um die Gunst der Kunden. Die Branche könnte einer der Gewinner der Corona-Krise sein. Foto: dpa

Der Pizzaleberkäse ist der Wahnsinn, findet Sebastian Höffner. Genüßlich kaut er auf dem frisch heruntergeschnittenen Stück, schließt dabei vor der Kamera langsam die Augen. "Mmmh, wunderbar“. Wie überhaupt für ihn alles ganz fantastisch ist, was der Metzgermeister und Unternehmer Wendelin Winterhalter aus dem Schwarzwald am Tisch neben ihm aufsäbelt. Entenbrust, zwei Stück mit Soße, 1100 Gramm für 29,99 Euro. Grillhaxe vom Schwein, zwei mal je 900 Gramm in einem Beutel für 18,99 Euro. Ochsenbäckle in delikater Burgundersoße, im Thermobeutel, 1000 Gramm für 26,99 Euro.


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Während im Studio des Teleshopping-Kanals HSE24 von Winterhalter im Eiltempo ein Teller nach dem anderen angerichtet wird und er sich selber ein Stück Kruste von der Haxe gönnt, ist es für Höffner an der Zeit, die Zuschauer vor den Fernsehgeräten zu loben: "Es ist ja unglaublich, wie sie heute bestellen. Und jetzt kommen wir gleich zu einem weiteren ihrer Favoriten“, sagt er. Davon wird später noch die Rede sein.

Medienverhalten hat sich geändert - eigentlich

Teleshopping. Das klingt in Zeiten des Internets, der allgegewärtigen Bestellplattformen und der Streamingdienste Netflix und Amazon-Prime altbacken. Das Medienverhalten hat sich massiv verändert. Statt zu telefonieren, werden Nachrichten, Fotos und Filmchen über soziale Netzwerke wie Facebook oder über WhatsApp ausgetauscht. Musik wird nicht mehr über das Radio gehört, sondern über Spotify. Und schon längst versammeln sich die Familien nicht mehr Samstagsabends gemeinsam im Wohnzimmer um das Fernsehen als so genanntes "Lagerfeuer der Nation“. Aber Verkaufssendungen sind nach wie vor äußerst beliebt, die Geschäfte laufen immer besser, vor allem in Deutschland.

Acht reine Teleshoppingsender profitieren hier von der Gunst der Kunden. Drei davon gehören zur HSE24-Gruppe mit Sitz in Ismanning bei München und Wurzeln in Nürnberg. Als erster deutscher Shopping-Kanal geht er 1995 unter der Bezeichnung H.O.T. auf Sendung. Ins Leben gerufen wurde er vom Versandhaus Quelle, weiterer Gesellschafter wurde zu Beginn ProSieben. Später wurde H.O.T, im Jahr 2001 in Home Shopping Europe (HSE) umbenannt, ganz Teil von Quelle und später Primondo, der Versandhaussparte des aus KarstadtQuelle hervorgegangenen Unternehmens Arcandor. Nach der Insolvenz wird HSE24 verkauft und gehört heute einer US-Investementgesellschaft, die sich über stete Zuwächse freuen kann.

Das Geschäft brummt noch immer

1997 lag der Umsatz der Branche hierzulande bei 20 Millionen Euro. Acht Jahre später wurde die Milliardengrenze durchbrochen, 2019 waren es 2,1 Milliarden Euro. 40 Prozent der insgesamt in ganz Europa erwirtschafteten Umsätze im Teleshopping entfallen damit alleine auf die Bundesrepublik. Nach einer Analyse der Forschungs- und Beratungsgruppe Goldmedia ist in den nächsten Jahren mit einem weiteren Wachstum von drei bis vier Prozent zu rechnen, dank einer überwiegend weiblichen Kundschaft ab 40 und mit einem Durchschnittsalter von 60 Jahren plus.

Das meiste Geschäft wird mit Haushaltswaren, Kleidung, Fitness-Artikeln und Schmuck gemacht, wobei die Sender auf eine loyale Stammkundschaft zählen können. Jeder beziehungsweise jede Zweite bestellt mindestens einmal im Monat, lässt sich von den betont nahbaren Moderatoren, die nach einer Zeit für viele wie gute Bekannte wirken, überzeugen. Beim Teleshopping können die Käufer nicht wie beim Online-Handel aus einer mitunter erschlagenden Vielzahl von Produkten wählen, sondern es wird ihnen eine bestimmte Ware persönlich von den Moderatoren nahegebracht und damit ein Bedürfnis geweckt, das zuvor nicht vorhanden war.

"Und natürlich können Sie kontaktlose Lieferung erwarten"

Das funktioniert auch bei HSE24. Das Geschäftsjahr 2018 wurde nach Unternehmensangaben mit einem Nettoumsatz von 839 Millionen Euro abgeschlossen. Beschäftigt sind direkt 1300 Mitarbeiter, inklusive der Mitarbeiter bei Call Center- und Logistik-Partnern schafft die Unternehmensgruppe mehr als 4100 Arbeitsplätze. Über zwei Millionen Kunden lassen sich laut HSE24 jährlich von den Produkten inspirieren, zehntausende Pakete werden täglich zugestellt. Und vieles spricht dafür, dass die Bestellkurve in den nächsten Wochen steil nach oben geht.

Moderator Höffner, dem vom Typ her eine Ähnlichkeit mit Schlagerstar Florian Silbereisen nicht abzusprechen ist, harmoniert vor der Kamera mit dem freundlich schwäbelnden Metzgerei-Inhaber Winterhalter wie mit einem alten Freund. Leider, sagt Höffner zu den Zuschauern, muss er aber natürlich im Studio wegen des Corona-Virus auch einen Sicherheitsabstand waren. "Sonst kann ich ihm ja gar nicht nahe genug sein“, sagt er. Und zwischen einem Bissen von der Entenbrust, "die ihren Namen wirklich verdient hat“ und dem Stück Pizzaleberkäse darf einer von mehreren regelmäßigen Hinweisen auf die lange Haltbarkeit der Produkte nicht fehlen. "Bevorraten Sie sich", sagt der Moderator. "Und natürlich können Sie bei uns eine kontaktlose Lieferung erwarten, Sie müssen beim Postboten nichts unterschreiben oder bezahlen. In diesen Zeiten wollen wir niemanden gefährden. Wir hoffen auch inständig, es geht ihnen gut“.

Auch beim anschließenden, gut gelaunten Verkauf von Haushaltsprodukten ist die aktuelle Corona-Krise Thema, genau so wie bei der Bewerbung eines Akku-Staubsaugers: "Ein sauberes Zuhause bedeutet Gesundheit. Aufgrund der aktuellen Situation weiß ich aber nicht, wann ich Ihnen wieder ein solches Angebot machen kann“, sagt ein Moderator. Und bei der Präsentation von Nahrungsergänzungsmitteln liefert Corona ebenfalls den Rahmen für die Ansprache der potentiellen Käufer. Alfonso Losa hat vor der Kamera verschiedene Produkte im Angebot, von Spirulina-Tabletten über Curcuma- und Ingwerpräparate bis hin zu Schwarzkümmelöl-Kapseln. "Gerade jetzt sind sie gefordert“, sagt er eindringlich.

Schwarzkümmelöl und Verkaufstaktik

Die Zuschauer sollten an ihren Darm denken, der zu 80 Prozent für ein funktionierendes Immunsystem verantwortlich sei und ihn "gerade in diesen stürmischen Zeiten“ bei seiner Arbeit "unterstützen“. Spirulina sei eine "Kraftquelle“, Schwarzkümmelöl ohnehin. "Das Vitamin A ist auch wichtig für die Haut, eine Barriere gegen Viren“, sagt er und weißt kurz darauf hin, dass immer mehr Bestellungen eingehen und die Vorräte auch bei HSE24 "nicht endlos" groß seien.

Beim Unternehmen selber will sich niemand zu aktuellen Verkaufszahlen oder dieser Art der Verkaufsmoderation äußern. "In diesen Zeiten gilt unsere volle Aufmerksamkeit unserem Kerngeschäft und dem Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Daher konzentrieren wir uns jetzt voll und ganz auf die Mitarbeiter-Kommunikation sowie auf unser Geschäft und bündeln dahingehend alle unsere Kräfte“, erklärt eine Pressesprecherin. Daher sei es nicht möglich, die Anfrage zu beantworten. Ähnlich reagiert auch der Konkurrent QVC. "Bitte haben Sie Verständnis, dass wir in der aktuellen Situation keine individuellen Anfragen beantworten können“, heißt es von dort.

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