Donnerstag, 17.10.2019

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Darum dürfen Ziegenböcke meist nur drei Monate leben

Tiere als Kitzfleisch vermarktet - Empfindliche Milch erlaubt keine Böcke - 23.09.2019 05:37 Uhr

Die seltenen Pfauenziegen werden weniger zur Verwertung, als zum Erhalt der Art gezüchtet, wie hier bei Emskirchen. Bei Tennenlohe hilft eine große Herde, das Naturschutzgebiet mit den Przewalski-Urpferde vor der Verbuschung zu bewahren. © Christian Mendel/LfU


Der stolze Ziegenbock Cäsar hat ein schönes Leben. Er hat gute Gene und wird deshalb umgarnt und gehätschelt. Innerhalb von vier Wochen darf er 50 Geißen auf dem Ziegenhof Monheim im Altmühltal beglücken. "Der schafft das ohne Probleme", meint der Monheimer Ziegenhalter Herbert Summer.

Den meisten von Cäsars männlichen Artgenossen geht es allerdings nicht so gut. Sie dürfen keine Geißen decken. Sie werden im Alter von drei Monaten geschlachtet und zu Kitzfleisch verarbeitet. "Das Fleisch ist extrem zart, ein bisschen wie ganz junges Milchlamm“, meint Martin Bartl, Geschäftsführer des Landesverbandes Bayerischer Ziegenzüchter. 
Ziegenböcke geben selbstverständlich keine Milch, und nur ein winziger Anteil wird für die Zucht benötigt. Für die restlichen Böcke gibt es kaum eine Verwendung. Fleisch von älteren Böcken riecht und schmeckt stark nach Ziege, hierzulande will das kaum jemand essen.

Mehr männlicher Nachwuchs

Verschärft wird das Problem mit den Böcken dadurch, dass mindestens 60 Prozent der geborenen Ziegen Böcke sind. "In der Natur enden sie oft als einsame Versprengte“, sagt Summer. Da seien es auch keine paradiesischen Zustände für die männlichen Tiere, schließlich akzeptiert die Leitgeiß meist nur einen Bock in der Herde. Wer diese Rolle übernehmen will, muss darum kämpfen – zuweilen mit tödlichem Ausgang.

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Bei Summer leben die Böcke wie bei fast allen Haltern nur drei Monate. "Ich trage jeden einzeln in den Schlachtraum. Die Tiere vertrauen einem, das Schlachten ist nichts Schönes und sicher nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Aber es geht eben nicht anders“, sagt er.
Die weiblichen Tiere hingegen dürfen auch mal zehn Jahre alt werden. Anders als Kühe können sie, nachdem sie Zicklein geboren haben, etwa drei Jahre lang Milch geben. Etwa zwei Liter pro Tag sind es. Nach drei Jahren schaut wieder Cäsar oder einer seiner Kollegen vorbei. Dann gibt es neue Zicklein – und neue Milch.

Cäsar ist nur vorübergehend als Leihbock in Monheim. Dauerhaft darf kein Bock bei der Herde bleiben. Zu empfindlich ist die Ziegenmilch, zu schnell nimmt sie den strengen Bock-Geruch an.

38.000 Ziegen in Bayern

Ziegen sind in Bayern immer noch relativ selten. Im Jahr 2016 gab es im Freistaat knapp 38.000 dieser Tiere, etwa 7000 wurden geschlachtet. Zwar hielten immerhin 3041 Betriebe Ziegen, oft aber nur wenige Tiere. Fast 2700 der Betriebe hatten weniger als 20 Ziegen.

"Die Ziegenhaltung ist bei uns sehr klein strukturiert. Die Tiere werden naturnah gehalten und pflegen Kleinstflächen und -biotope“, erklärt Martin Bartl vom Landesverband Bayerischer Ziegenzüchter. 

Burenziegen werden vor allem zur Landschaftspflege und wegen ihres Fleisches gehalten. Sie geben nicht viel Milch und werden deshalb nicht gemolken. © Christian Mendel/LfU


Denn Ziegen werden nicht nur gehalten, um Milch zu produzieren. Etwa die Hälfte der Tiere ist für die Landschaftspflege im Freistaat unverzichtbar. Denn während Schafe vor allem Gras fressen, verhindern Ziegen auch, dass junge Bäume und Sträucher größer werden und halten so die Landschaft frei.

Ziegenhalter haben trotz Nachfrage Probleme

Im Tennenloher Forst etwa hat man lernen müssen, dass die Przewalski-Urwildpferde allein nicht ausreichen, um die steppenartige Landschaft im Naturschutzgebiet zu erhalten. Dort zieht deshalb seit einigen Jahren auch eine Herde von mittlerweile 75 Pfauenziegen umher.

Auch Johannes Maibom hält bei Emskirchen (Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim) 14 der seltenen Pfauenziegen, dazu etwa 20 Burenziegen. Auch hier werden die meisten Böcke nach drei Monaten geschlachtet. "Bis zu einem Alter von einem Jahr ist es aber auch kein Problem, sie zu Wurst zu verarbeiten“, sagt Maibom, der zugleich Vorsitzender des Landesverbandes Bayerischer Ziegenzüchter ist.

Die Ziegenhalter haben allerdings trotz ordentlicher Nachfrage momentan große Probleme, vor allem in Nordbayern, wo es kaum größere Betriebe gibt. Viele Molkereien verarbeiten keine Ziegenmilch mehr. Die Mengen sind zu gering, das Geschäft lohnt sich kaum.

Viele Molkereien steigen aus

Zudem sind die Auflagen härter geworden, die Molkereien brauchen zusätzliche Räume und Geräte, um Kuh- und Ziegenmilch getrennt voneinander zu verarbeiten. Weil die Produkte wegen der Auflagen teurer sind, bietet der Handel vor allem Ziegenkäse aus Frankreich, Italien oder den Niederlanden an. 

"Ich habe schon Gespräche beim Umwelt- und Landwirtschaftsministerium gehabt. Regionale Produkte sollen ja gefördert werden. Ziegenprodukte haben es momentan aber sehr schwer, obwohl es in der Regel Bio ist. Da muss unbedingt was geschehen“, fordert Maibom. 

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